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Leverkusener JazztageWieso „Spinner“ Konstantin Wecker auch heute noch wichtig ist

Lesezeit 3 Minuten
Konstantin Wecker sang auf den Leverkusener Jazztagen von seinen Utopien.

Konstantin Wecker sang auf den Leverkusener Jazztagen von seinen Utopien.

Der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker gab sich bei den Jazztagen in Leverkusen als Anhänger einer friedlichen Utopie.

Als die letzten Töne von „Gefrorenes Licht“ im Erholungshaus verklingen und die Zuschauerinnen und Zuschauer im Begriff sind, in die Pause zu gehen, könnte man meinen, Konstantin Wecker sei zahm geworden. Politisches Liedgut haben die Zuhörerinnen und Zuhörer im nahezu ausverkauften Saal bis dahin kaum zu hören bekommen.

In der zweiten Programmhälfte zeigt der 76-jährige Münchner dann allerdings, dass er nach wie vor kämpft. Mit seinen musikalischen Mitteln. Für eine friedliche Welt, eine „Utopie“, wie er immer wieder sagt. Auch wenn man ihn dafür einen „Spinner“ nennen könne. Die Zuschauerinnen und Zuschauer scheinen jedenfalls genau das hören zu wollen – einen hoffnungslosen und gleichsam hoffnungsvollen Idealisten.

„Den Parolen keine Chance“ geben, will Wecker gleich zu Beginn des Programms „Solo zu zweit“, mit dem er und sein Pianist Jo Barnickel seit einigen Jahren schon unterwegs sind. Wecker singt die Zeilen auf die etwas verfremdete Melodie von Beethovens Neunter, der Europa-Hymne. Meisterhaft umgesetzt von Jo Barnickel. Die beiden spielen schon seit nun mehr 30 Jahren zusammen. „Du hast meine Musik und meine Poesie ungemein bereichert“, sagt Wecker zu Barnickel. Völlig zurecht.

Leverkusen: Wecker gibt intime Details preis

In der ersten Konzert-Hälfte widmet sich der Musiker der Person Konstantin Wecker, gibt intime Details preis, wenn er „An meine Kinder“ singt. Er sei erst als Vater richtig erwachsen geworden, sagt er. Das sei leider erst mit 50 Jahren der Fall gewesen. Ungemein berührend wird es, wenn der Liedermacher über seine Eltern spricht.

„Ich hatte wahnsinnig viel Glück im Leben. Und das größte Glück war wahrscheinlich, in mein Elternhaus geboren worden zu sein.“ Seine Mutter habe in ihm die Liebe zur Poesie geweckt, wenn sie Balladen von Goethe oder Schiller zitiert habe. Sein Vater, ein Künstler mit toller Tenorstimme, sei „antiautoritär“ gewesen, er habe ihn zum Ungehorsam erzogen.

Wie Vater und Sohn musikalisch harmonierten, zeigt Konstantin Wecker in einer Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1959, in dem er mit ihm eine Passage aus „La Traviata“ singt. „Ich war eine hinreißende Traviata“, erinnert sich Wecker scherzhaft, bevor auf der Aufnahme sein vorstimmbrüchlicher Sopran erklingt.

Das größte Glück war wahrscheinlich, in mein Elternhaus geboren worden zu sein.
Konstantin Wecker

„Für meinen Vater“ rührt dann fast zu Tränen. Das liegt nicht nur an Wecker, sondern auch an der cleveren musikalischen Umsetzung. Jo Barnickel streut im Hintergrund feinfühlig subtil die Arie „Nessun Dorma“ aus „Turandot“ von Giacomo Puccini ein. Ein Stück, das offenbar auch Weckers Vater häufig gesungen hat.

Nach der Pause wird Wecker dann kämpferisch: „Nationalismus ist eine lebensbedrohliche Seuche und Patriotismus dasselbe im folkloristischen Gewand“, formuliert er eher sprechend als singend in „Warum ich kein Patriot bin“. Der Münchner, Pazifist und aus der Friedensbewegung kommend, sagt „Schäm Dich, Europa“: „Und nun fliehen die Ärmsten vor Deinen Gewehren, und Du lässt sie ersaufen in verseuchten Meeren.“

Weckers politische Statements bleiben grundsätzlich. Hier und da eine Spitze gegen Christian Lindner – ansonsten gibt es keine Aussagen zur Eskalation im Nahen Osten oder zum Krieg in der Ukraine. Dafür wirbt er unaufhörlich für seine „Utopie“. Er zitiert seinen Mentor, Hanns Dieter Hüsch, in einem gleichnamigen Gedicht und stellt selbst eine „Utopie 2.0“ auf. So heißt ein weiteres Programm, mit der Wecker und Barnickel derzeit unterwegs sind.

Die Träume, die Wecker aufmacht, sind auch die stärksten Momente des Konzerts. Denn Parolen kann auch Wecker schmettern. Wenn er dann aber gedankenversunken auf der Bühne steht, den Kopf senkt, leicht grinst und die Hände übereinander legt, danach „Caruso“ oder das zauberhafte „Tropferl im Meer“ singt, wissen die Zuschauerinnen und Zuschauer, wieso sie dem hoffnungslosen und hoffnungsvollen „Spinner“ noch immer gern zuhören.

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