Leverkusen – Einen altgedienten Dorf-Rebellen haben sie ihn genannt. Einen politischen Alleinunterhalter, einen Überzeugungstäter und Klartext-Sprecher. Erhard T. Schoofs würde dem nicht widersprechen. Im Gegenteil. Der Fraktionschef der Leverkusener Bürgerliste und Oberbürgermeister-Kandidat, kommunalpolitisches Urgestein mit mehr als 40 Jahren Stadtrat-Erfahrung fasst solche Attribute auch noch als Kompliment auf. Mit fast 75 Jahren kann ihn so leicht nichts mehr erschüttern. Er war immer misstrauisch, sein Leben lang. Und es hat ihm immer Spaß gemacht, etwas, wie er sagt, „für die Allgemeinheit zu organisieren“. Seien es die Leverkusener Jazztage, die er mit aus der Taufe hob und deren künstlerischer Leiter er über 16 Jahre war. Oder die Bürgerliste, die er nach einem kommunalpolitischen Krach in Rheindorf 1994 mitgründete, nachdem er als amtierender Ortsvereinsvorsitzender aus der SPD ausgetreten war.
Schoofs ist alles – nur kein Diplomat. Der ehemalige Deutschlehrer, der nach Jahrzehnten an der Gesamtschule in Rheindorf und drei Jahre vor seiner Pensionierung nach Köln-Holweide strafversetzt wurde, weil er über die PCB-Verseuchung an seiner eigenen Schule nicht den Mund halten konnte, sagt von sich selbst, er habe an „allen Ecken und Enden immer gekämpft“. Und dass ihn manchmal das Gefühl beschleiche, am Ende seiner Leistungsfähigkeit angekommen zu sein.
Kampf gegen den Neubau der Leverkusener Rheinbrücke
Wenn das Ende der Leistungsfähigkeit so aussieht, dann gnade Gott. Denn seinen schwersten Kampf hat Schoofs noch nicht überstanden. Er steckt gerade mittendrin. Und wird nicht aufgeben, obwohl er ihn verlieren wird. Doch das ist ihm total egal. Erhard T. Schoofs kämpft mit seiner Bürgerliste gegen den Neubau der Leverkusener Rheinbrücke und für den langen Autobahntunnel, der in Merkenich 120 000 Fahrzeuge pro Tag verschluckt und am anderen Ende hinter dem Leverkusener Kreuz am Bürgerbusch bei Alkenrath wieder ausspuckt. Und umgekehrt. Schoofs und seine Getreuen kämpfen auf verlorenem Posten. Insgeheim wissen sie das auch. Aber sie ziehen das durch, weil sie die Brücke nicht bloß für verkehrspolitischen Unfug, sondern für ein „Verbrechen an der Menschheit halten, für das noch unsere Enkel und Urenkel bezahlen.“ Drunter tut es ein Mann wie Erhard T. Schoofs nicht.
Man muss ihn nur anpiksen. Und danach aufpassen, eine der Atempausen zu erwischen, um ihn zu stoppen. Schoofs ist ein Mensch, der mit Luft holen keine Zeit vergeudet. Die hat er nie gehabt und das wird sich auch nicht mehr ändern. Seine Stimme überschlägt sich, wenn er in Rage gerät. In Sachen Rheinbrücke gerät Schoofs ziemlich oft in Rage. Dann rudern seine Arme durch die Luft, dann springt er wie ein Dilldöppchen auf, rennt nach nebenan, und mit jedem Meter, den er sich entfernt, wird er etwas lauter, um sicher zu gehen, dass sein Zuhörer auch ja alles mitkriegt, was er zu sagen hat. Ein paar Sekunden später knallt Schoofs weitere Argumente in Aktenform auf den Tisch.
Vor der Schrankwand im Wohnzimmer seines Hauses in Rheindorf hängt die Straßenkarte, auf der alle Varianten der Autobahnführung eingezeichnet sind, einschließlich Brücke, langer Tunnel und kurzer Tunnel. Auf dem Tisch liegen all die Gutachten von renommierten teilweise emeritierten Professoren aus Aachen, Planungsbüros aus Freiburg. Dazwischen hockt Schoofs, rudert mit den Armen und erklärt die Welt.
Bürgerbeteiligung findet nicht statt
Weil er einfach nicht verstehen will, warum die Rheinbrücke noch im Dezember 2013 nach einer Hauptbrücken-Prüfung durch den Landesbetrieb Straßen NRW die Note drei erhält, laut Schoofs „zwar sanierungsbedürftig, aber voll funktionsfähig“, und „zur gleichen Zeit zwei Minister zusammen mit Straßen NRW auf die Brücke klettern und erklären, das Zeug fällt uns demnächst vor die Füße. Und von da an ging es mit der Brücke bergab“. Das müsse ihm mal einer begreiflich machen, dann würde er ja vielleicht Ruhe geben. „Was haben die denn ein halbes Jahr lang getrieben bei ihrer Untersuchung?“ Schoofs weiß, was in den Akten steht. Zumindest bis zu dem Moment, als er sie nicht mehr einsehen durfte. Von einem auf der anderen Tag sei er bei Straßen NRW ausgeladen worden. „Das muss einen doch misstrauisch machen, oder etwa nicht?“ Jetzt klagt er auf Akteneinsicht.
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Doch wer sollte ein solches Komplott aus Straßenbauern, Politikern und Prüfingenieuren schmieden? Und aus welchem Grund? Schoofs zuckt mit den Schultern. Er wolle doch nur erreichen, was im Gesetz vorgesehen und von einem Verkehrsminister namens Peter Ramsauer in einem teuren Handbuch über die Beteiligung des Bürgers beim Bundesfernstraßenbau ausdrücklich gefordert worden sei: Dass alle Varianten parallel und gleichberechtigt geprüft werden, bevor es zu einer Entscheidung kommt. Der lange Tunnel sei machbar und werde auch nicht teurer als eine Brücke. Selbst die A 59 ließe sich am Kreuz West anschließen, wenn man das unbedingt wolle. Nötig sei das zwar nicht, glaubt Schoofs, weil eine ausgebaute A 3 und ein erweitertes Kreuz Leverkusen den Verkehr locker aufnehmen könnten.
„Wir bestehen gar nicht darauf, dass der Tunnel am Ende wirklich gebaut wird. Wir verlangen nur, dass man die Pläne genauso ernsthaft prüft, bevor man sie in Bausch und Bogen verdammt.“ So stehe es im Gesetz, doch nicht ein Komma davon werde beachtet. „Die Bürgerbeteiligung findet nicht statt. Das sagen die von Straßen NRW auch klar und deutlich. Auch die Richtlinien des Bundes sind denen völlig egal.“Komplott hin, Komplott her. „Wie einfach wäre das, den bekloppten Schoofs kalt zu stellen?“, fragt Schoofs und dabei überschlägt sich seine Stimme mal wieder. „Einfach zu sagen, hier hast Du die Akten, wühl’ Dich durch, dann hast Du Deine Ruhe und wir auch. Aber die haben die Sorge, ich finde etwas, weil ich zu viel weiß. Die könnten das alles mit einem Federstrich wegwischen und anschließend sagen: Der Schoofs, der spinnt, der muss mal zum Psychiater.“
Muss er nicht, so viel steht fest. Zumal seine Argumente gegen den kurzen Tunnel ja nicht ganz von der Hand zu weisen sind. „Ein Tunnel, der mitten in der Galliersiedlung am Zündhütchenweg rauskommt, in Stadionhöhe. Diese extreme Feinstaubbelastung und der Lärm. Der Landesbetrieb Straßen NRW räume bereits ein, dass man die Lärmgrenzwerte nicht einhalten wird.“ Schon jetzt würden die Häuser und Grundstücke dort unter Wert verkauft. „Vor allem an Ausländer. Verdammt nochmal, sind das denn keine Menschen? Sollen die mit dem Lärm und dem Dreck leben?“
Erneute Kandidatur zur Wahl des Oberbürgermeisters
Schoofs wirkt leicht ratlos, als das aus ihm herausbricht. Sein „Leverkusener Netzwerk gegen den Lärm“ (NGL) ist isoliert und aus dem Zusammenschluss der „Leverkusener Initiativen für Verkehrsplanung“ (LIV) ausgetreten, weil Schoofs diesen für einen Haufen gleichgeschalteter Ja-Sager hält. Doch was wird er tun, wenn er seinem geliebten langen Tunnel irgendwann Abschied nehmen muss? Zur Ruhe setzen auf keinen Fall. Plan B liegt schon in der Schublade. Er beinhaltet das Ja zum kurzen Tunnel, aber keinesfalls in Trogbauweise. „Die Leute haben doch gar keine Ahnung, was da auf sie zukommt, auch wenn sie es nachher unbestritten besser haben. Mindestens sieben Jahre Bauzeit. Das ist die Hölle“, sagt er. „Der Tunnel muss mit Vortriebstechnik gebaut werden.“
Der Neubau der Rheinbrücke Leverkusen soll 2017 beginnen. Zunächst soll nördlich der alten Brücke eine neue Brückenhälfte gebaut werden, die nach drei Jahren Bauzeit fertiggestellt sein soll. Danach soll das alte Bauwerk abgebrochen und durch einen zweiten Neubau bis 2023 ersetzt werden. Zwischen den Kreuzen Leverkusen-West und Leverkusen ist noch unklar, ob die neue Trasse wieder auf Stelzen gesetzt wird oder es zu einer Tunnellösung kommt. Letztere wird derzeit favorisiert.
Darauf will er Einfluss nehmen, mit seiner Bürgerliste und am liebsten als Oberbürgermeister. Deshalb stellt er sich im September zur Wahl, wieder mal, dabei hatte er schon vor zwölf Jahren beteuert, seinen Nachlass zu regeln und einen Nachfolger aufzubauen. Aber einem Schoofs zu folgen, ist gar nicht so einfach, bei dem Tempo, das er an den Tag legt. „Ich habe meine Leute in der Bürgerliste schon manchmal ziemlich überfordert“, sagt er. Heute denke er anders darüber. „Das habe ich ziemlich auf Null zurückgeschraubt. Ich warte ab, ob alle ihre Aufgaben machen und falls nicht, mache ich es halt selber.“
So. Und jetzt muss aber Schluss sein mit dem Gespräch. Erhard T. Schoofs muss noch zur Polizei, um über die geplante Protest-Besetzung der Autobahn im Kreuz Leverkusen durch seine NGL zu reden. Das Stadtteilfest „900 Jahre Rheindorf“ Mitte Juni will vorbereitet werden und knapp 30 Bürgerversammlungen quer durch Leverkusen hat der OB-Kandidat auch schon hinter sich. „Das lohnt sich immer. Da kommen mal zehn oder nur mal vier. Die lade ich auf ein Bier in die Kneipe ein und wir unterhalten uns gemütlich. Die Menschen haben immer hochinteressante Vorschläge.“
Die Wahrscheinlichkeiten, dass Schoofs Oberbürgermeister vonLeverkusen und die Rheinbrücke ein Tunnel wird, sind sehr gering. Klar, er hätte beides gern. Doch falls es nicht so kommt, wird der Jazz-Fan im kommenden Jahr Leverkusen den Rücken kehren und sich für drei Monate auf die Spuren des Jazz an den Mississippi begeben. Zwischen Orlando, New Orleans und Kansas City die alten Clubs besuchen. Und nach New York, weil da der „Pulsschlag des Jazz“ zu Hause ist. Das wollte er schon mit 66 Jahren machen, doch mehr als eine vergilbte Geburtstagskarte, mit der ihm Freunde eine gute Reise wünschten, ist davon nicht geblieben. Keine Zeit.
Pfingstsonntag wird Erhard T. Schoofs 75 Jahre. Vor seinem Haus in Rheindorf wird es eine große Party geben. Mit den Kölschen Cowboys und allen, die in Leverkusen Rang und Namen haben und mit denen Schoofs gerade mal nicht zerstritten ist. Oberbürgermeister sollte er vielleicht doch nicht werden. Dann fiele seine Traumreise wieder ins Wasser.
