Ein 26-jähriges Mitglied der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie benimmt sich vor Gericht unklug.
Stadtbekannte Leverkusener GroßfamilieAngeklagter zeigt sich im Gericht respektlos

Zwei Frauen gehen ins Amtsgericht Leverkusen.
Copyright: Ralf Krieger
„Sie guckt mich immer an beim Reden!“, es sagt einiges über den Angeklagten Luigi G. (Name geändert) aus, wenn er der Staatsanwältin im Amtsgericht Leverkusen beim Plädoyer auch noch ins Wort fällt, so dass die Richterin ihm ein paar Takte sagen muss. Es fällt ihm schwer, Regeln zu akzeptieren, hier muss er das aber. Sein Anwalt Frank Bayer, der auch während der Verhandlung öfter quasi erzieherisch auf das 26-jährige Mitglied der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie einwirken musste, blickte kurz hilfesuchend zur Decke und erklärte seinem Mandanten in klaren einfachen Worten, wie es im Strafprozess nach Ende der Beweisaufnahme läuft: „Ruhe! Erst redet die Staatsanwältin! Dann ich! Dann Du.“ Die Staatsanwältin sagt noch, bevor sie fortfährt: „Herr G., wir sind alle nur wegen Ihnen hier und nicht freiwillig!“
Ruhe! Erst redet die Staatsanwältin! Dann ich! Dann Du
Bei Luigi G. sind mehrere Straftaten aufgelaufen, die der Einfachheit halber in einer Anklage zusammengefasst werden. Eine sexuelle Belästigung gegenüber einer jungen Bedienung im Café Extrablatt und eine Widerstandshandlung bei einer Personenkontrolle am Konrad-Adenauer-Platz. Dabei soll es derart hysterisch zugegangen sein, mit Körperverletzungen und einer Spuck-Attacke auf eine Polizistin, dass sie für Luigi G. unter erheblichem Gezeter und Gejammer in Köln im Keller des Polizeipräsidiums endete. Dazu schauten sich die Beteiligten und Beobachter im Gericht Videos an, in denen derart laut herumgeschrien, zigfach beleidigt, gehupt und gejammert wurde, dass man vom Anschauen Kopfschmerzen bekommen konnte.
Das ist aber noch nicht alles: Der dritte Vorwurf ist ein Fall von Nachbarschaftsstreitigkeit, in der der Angeklagte seinen Nachbarn in einem Mehrfamilienhaus in Küppersteg eines nachts in dessen Wohnung aufgesucht und ihm mit einem massiven Kerzenständer eine Platzwunde an der Oberlippe verpasst haben soll. Es ging um Lärm; gefährliche Körperverletzung steht als Tatvorwurf im Raum.
„Sie reagieren immer dann aggressiv, wenn Ihnen Grenzen gesetzt werden. Man muss aber auch einfach mal seine Jacke nehmen und gehen“, sagt die Staatsanwältin im Plädoyer.
Massiv respektlos sei das Verhalten des 26-Jährigen bei einer Personalienfeststellung am Konrad-Adenauer-Platz in Manfort gewesen. Luigi G. war den Schwarzen Sheriffs ins Blickfeld geraten, weil er zuvor in eine Schlägerei mit einer Gruppe in der italienischen Bar in der Ladenzeile parallel zur Autobahn verwickelt war. Für das laufende Verfahren ist aber nur die Widerstandshandlung G.’s von Belang, nicht die Schlägerei, weil es dafür keine Anzeige gab.
Die Videos der Körperkameras der Polizisten sind aussagekräftige Beweismittel, aber auch interessantes Anschauungsmaterial. Wer sie ansehen muss, ahnt, welchem Stress Ordnungskräfte auf der Arbeit ausgesetzt sind. Weil sich Luigi G. während der Amtshandlung in einen schwer berechenbaren Gemütszustand hineinsteigerte, der zwischen hochaggressiv, beleidigend und dann elend jammernd schwankte, und weitere herumschreiende Familienmitglieder das Geschehen unübersichtlich machten, war bald die Polizei mit vier Streifenwagen am Platz erschienen. Luigi G. wurde gefesselt – das ließ ihn noch mehr die Fassung verlieren.
Verteidiger Bayer warf ein, dass sein Mandant zwar an der vorherigen Schlägerei beteiligt gewesen sei, womöglich als Opfer, sich aber nichts habe zuschulden kommen lassen. Trotzdem sei er gefesselt worden. Er regte ein mildes Urteil an. Die Staatsanwältin beantragte zweimal elf Monate Freiheitsstrafe für den 26‑jährigen Sozialhilfeempfänger, zur Bewährung, weil die Vorstrafen noch nicht allzu schwer wiegen. Wie das die Richterin sieht, wird man sehen. Das Urteil wird in der kommenden Woche verkündet.
