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Digitales GedenkbuchErinnern an die Opfer der NS-Krankenmorde

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Das Foto zeigt Kellerräume der Gedenkstätte Hadamar

Die Schleifbahn im Keller der Gedenkstätte Hadamar

Rund 15.000 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen wurden in der NS-Zeit in Hadamar ermordet, auch aus Oberberg. Der LVR will an sie mit einem digitalen Gedenkbuch erinnern.

„Sehr geehrte Frau Hahne (...) wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Tochter, Fräulein Hilde Hahne, die im Rahmen von Maßnahmen des Reichsverteidigungskommissars in unsere Anstalt verlegt werden musste, am 7. Juli 1941 infolge Lungentuberkulose mit hinzugetretener aktivierter Miliartuberkulose unerwartet verstorben ist.“ Fast alles, was in diesem Brief der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar und der beigefügten Sterbeurkunde von Hilde Hahne steht, ist gelogen – um die Angehörigen zu täuschen.

Tatsächlich war die gebürtige Radevormwalderin Hilde Hahne bereits am 24. Juni 1941 aus der Anstalt Galkhausen ins hessische Hadamar verlegt worden, zusammen mit 30 Frauen und 21 Männern. Noch am selben Tag wurden sie alle in der Gaskammer von Hadamar ermordet, ihre Leichen verbrannte man. Zwischen dem 13. Januar und dem 24. August 1941 tötete das Klinikpersonal in Hadamar – im Rahmen der „Aktion T4“ – mehr als 10.000 hilfsbedürftige Frauen und Männer. Später verabreichte man den Patienten tödliche Medikamente oder ließ sie verhungern.

Falsche Angaben im Totenschein

Das Buch der Heimatforscherin Dörte Hofschen über Johanne Hildegard Hahne, herausgegeben vom Bergischen Geschichtsverein, Abteilung Radevormwald, und die Krankenakte im Bundesarchiv geben Auskunft über das Leben von Hilde Hahne, geboren 1894.

Ihr Vater Richard Hahne (1864 – 1918) war ein angesehener Kaufmann, Mitglied der Stadtverordnetenversammlung von Radevormwald und Rendant des Spar- und Darlehnskassenvereins. Doch Richard Hahne griff in die Kasse und unterschlug rund 76.000 Mark. Die Strafkammer Elberfeld verurteilte ihn 1911 zu zwei Jahren Gefängnis. Die Ehe von Richard und Wilhelmine Hahne, geborene zur Gathen, wurde ein Jahr später geschieden.

Das Foto zeigt den Stolperstein für Hilde Hahne

Stolperstein für Hilde Hahne

1911 begann ihre Tochter Hilde eine Ausbildung zur Buchhalterin. 1919 kandidierte sie für die Kommunalwahl. Im Jahr 1921 traten bei der jungen Frau erstmals psychische Störungen auf. Mehrere Monate verbrachte sie in der Heilanstalt Johannisthal. In den kommenden Jahren folgten weitere Klinikaufenthalte. Ab 1927 lebte sie dauerhaft in der Heil- und Pflegeanstalt Düsseldorf-Grafenberg.

Die Diagnose des Arztes lautet zunächst auf Schizophrenie, später auf „katatonem Stupor“. Der letzte Eintrag des Arztes, der aus seiner ablehnenden Haltung kein Hehl machte, lautet: „In maniriert-faxiger Weise versucht Pat. jeden Morgen bei der Visite, dem Arzt zu entgehen. (...) Sie ist in ihrem ganzen Verhalten negativistisch. (...) Völlig stumpf und teilnahmslos.“

Zwischen 200.000 und 300.000 Menschen wurden ermordet

Der Mord an Hilde Hahne war alles andere als ein Einzelfall. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass zwischen 200.000 und 300.000 Menschen im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten durch die nationalsozialistische „Euthanasie“ starben. Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt so viel wie „schöner Tod“. Heute wird die Bezeichnung meist nur noch in Anführungszeichen gebraucht, stattdessen hat sich „NS-Krankenmorde“ durchgesetzt.

Die Überzeugung, dass das gesamte deutsche Volk einen gemeinsamen „Volkskörper“ bildet, dessen „kranke Elemente“ gleich einer Geschwulst zu entfernen seien, war ein wichtiger Bestandteil der NS-Ideologie. Nicht nur Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen zählten dazu, sondern alles, was die Nationalsozialisten als „fremdartig“ ansahen, auch Menschen mit jüdischen Vorfahren, Sinti und Roma.

Viele Ärzte unterstützten die Idee eines "Volkskörpers"

Unter den deutschen Ärzten war die antihumanistische Volkskörpervorstellung weit verbreitet. Sie gründete sich auf Ideen der „Rassenhygiene“, die nicht nur in Deutschland diskutiert wurden. Die NS-Propaganda hetzte gegen Menschen mit Behinderungen, indem sie auf die Kosten für deren Unterbringung verwies und dabei vor grotesken Übertreibungen und Lügen nicht zurückschreckte.

Per Gesetz wurden ab 1934 rund 400.000 Menschen zwangssterilisiert, darunter auch Patienten mit nicht erbbedingten Krankheiten. Im August 1939, also noch vor der „Aktion T4“(siehe Kasten), führte der deutsche Staat eine Meldepflicht ein für Säuglinge und Kleinkinder mit geistigen und körperlichen Einschränkungen. Tausende von ihnen wurden in der Folge mit Beruhigungsmitteln getötet, oder man ließ sie verhungern.

Lange Zeit ein Tabuthema

Nach 1945 waren die Krankenmorde ein Tabuthema. Erst in den 1980er Jahren erschienen hierzu erste grundlegende Arbeiten. Mit Rücksicht auf die Angehörigen und Nachkommen, aber auch aus öffentlichem Desinteresse, wurde lange darauf verzichtet, die Opfer mit vollem Namen zu nennen. Damit besteht die Gefahr, dass diese Menschen in Vergessenheit geraten.

Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn und das LVR-Archiv- und Fortbildungszentrum verfolgen ein ehrgeiziges Projekt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstellen ein umfangreiches digitales Gedenkbuch für die Opfer der Krankenmorde und der Medizinverbrechen in Konzentrationslagern. Genauer gesagt, es werden möglichst viele der Opfer aus dem Rheinland in einer Datenbank erfasst und über ein Online-Portal bekanntgemacht, mit Nennung der Namen.

Das Foto zeigt Keywan Klaus Münster  und Helmut Rönz, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn

Keywan Klaus Münster (l.) und Helmut Rönz, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Bonn

Angesichts unvollständiger und verstreuter Akten ein mühseliges Unterfangen. Im Gegensatz zu einem Buch lässt sich ein Portal laufend ergänzen. Alleine in Hadamar, so die Forscher, wurden während der „Aktion T4“ mindestens 1951 Menschen umgebracht, die aus anderen Anstalten aus dem Rheinland dorthin verschleppt worden waren. Der Einzugsbereich von Hadamar reichte deutlich darüber hinaus. Das Portal ermittelt personenbezogene Basisdaten der Opfer und macht sie zugänglich.

Damit wollen die Verantwortlichen um Helmut Rönz, dem Leiter des Instituts, das individuelle Gedenken an die Opfer ermöglichen und die Recherche erleichtern. Darüber hinaus stehen die Daten der Forschung zur Verfügung. Noch in diesem Jahr soll das Portal online gehen – die Arbeit daran geht weiter. „Wir wollen ein Gesamtbild zeichnen, über die Zahl der Opfer hinaus, und den Menschen ihre Würde zurückgeben“, erklärt Rönz.

Diesem Projekt vorausgegangen war eine breit angelegte Studie zum Thema NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis, die Ergebnisse hat der Historiker Ansgar Sebastian Klein in dem 2020 erschienen Buch „,Euthanasie, Zwangssterilisation, Humanexperimente“ veröffentlicht.

Im Auftrag des Bonner Instituts hat die Historikerin Luisa Hulsroj intensiv zum Thema „NS-Krankemorde“ recherchiert. Im Oktober 2024 stellte sie bei einem Vortrag in Waldbröl einen Zwischenbericht vor. Hulsroj hatte bis zu diesem Zeitpunkt 14 Krankenmord-Opfer ausfindig gemacht, die in Oberberg geboren worden waren oder dort ihren letzten Wohnsitz hatten.

Zwer Schwestern aus Engelskirchen starben in der Gaskammer

Dazu zählen die Schwestern Helene und Gertrud Greis aus Engelskirchen, geboren 1906 und vermutlich 1910. Helene wurde 1936 in Galkhausen mit der Diagnose „Schizophrenie“ eingewiesen und ein Jahr später unfruchtbar gemacht. Auch ihre Schwester kam nach Galkhausen. Am 2. Mai 1941 schaffte man beide nach Hadamar, dort starben sie laut Hulsroj vermutlich noch am selben Tag in der Gaskammer.

Ausführlicher ging die Historikerin auf die 1899 in Vohwinkel (heute Wuppertal) geborene Margarethe Stricker ein. Als junge Frau lebte sie fünf Monate lang in der Heil- und Pflegeanstalt in Waldbröl. Mit Platz für rund 650 Patienten war die Klinik einer der größten Arbeitgeber in der heutigen Stadt. 1938/39 verlegten die Nationalsozialisten die Kranken aus Waldbröl nach Hausen bei Waldbreitbach im Westerwald und bauten die Waldbröler Klinik in ein riesiges „Kraft-durch-Freude-Hotel“ um, das aber nie eröffnet wurde. Heute ist hier das Europäische Institut für Angewandten Buddhismus beheimatet.

Für fünf Monate als Patientin in Waldbröl

Margarethe Strickers vollständige Patientenakte wird in Hadamar aufbewahrt. Eine aufschlussreiche Quelle, die viel über sie und ihre Familie erzählt, aber auch über den Umgang der Ärzte mit den Patienten. Margarethe erkrankte demnach im Alter von einem Jahr an Meningitis (Hirnhautentzündung). Sie war geistig behindert und ging nie zur Schule. Im Alter zwischen neun und 15 Jahren lebte sie vermutlich in der Anstalt in Bethel, dann für ein paar Jahre zu Hause.

Mit 20 kam sie nach Waldbröl. Der dortige Amtsarzt schrieb abwertend: „lächelt nur stumpfsinnig vor sich hin“, „leidet an hochgradiger Geistesschwäche (Idiotie)“. Nach fünf Monaten verlegte man Margarethe Stricker in die „Private Irren-Pflegeanstalt“ Marienborn in Zülpich. Margarethe Stricker hatte eine Vorliebe für Haarschleifen, und sie kümmerte sich liebevoll um eine Mitpatientin – auch das steht in der Akte.

Erhalten sind mehrere Briefe ihres Vaters und ihrer Brüder, die sich nach Margarethe erkundigen und die sie besuchen wollen. Weil er auf wiederholte Schreiben keine Antwort erhielt, drohte der Vater der Klinik mit rechtlichen Schritten. Die Klinik ihrerseits versuchte, das Verhältnis zur Familie zu zerstören: „(Margarethe) weiß nichts mehr von Heimat u. Vaterhaus.“

Heute exitus im stat. epillepticus
Letzter Eintrag in der Patientenakte von Margarethe Stricker

Nach mehr als 20 Jahren in Zülpich wurde Margarethe Stricker im August 1942 nach Hadamar gebracht. Die „Aktion T4“ war beendet, aber nun ließ man viele Patienten verhungern oder tötete sie durch Medikamente. Bezeichnend: Für sieben Monate in Hadamar existiert in der Patientenakte nur ein einziger Eintrag, der ihren Tod am 23. März 1943 vermeldet: „Heute exitus im stat. epillepticus.“

Die Opfer des NS-Terrors vor dem Vergessen zu bewahren, dafür setzt sich auch der Künstler Gunter Demnig aus Elbenrod in Hessen ein. In mehr als drei Jahrzehnten haben er und sein Team bis heute 116.000 Stolpersteine verlegt. Jeder Stein nennt einen Menschen, der getötet oder verfolgt wurde. In Radevormwald erinnert ein Stein an Hilde Hahne, in Wipperfürth an Klara Raffelsieper aus Erlen, auch sie wurde 1941 in Hadamar umgebracht.

Vor dem ehemaligen Liebfrauenkloster in Wipperfürth-Kreuzberg liegt Oberbergs erste Stolperschwelle. 44 Frauen lebten dort als Patientinnen. Im Juni 1942 wurden sie „abgeholt“ und nach Galkhausen gebracht, von dort in andere Heil- und Pflegeeinrichtungen im Osten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde alle getötet. Die Wipperfürther Archivarin Sarah Zeppenfeld hat als Forscherin hierzu wichtige Pionierarbeit geleistet und viele Details zusammengetragen.

Seit Juni 2025 steht auf dem Hausmannsplatz, hinter der Kirche St. Nikolaus, ein Denkmal des Wipperfürther Künstlers Michael Wittschier, das an die Opfer der NS-Diktatur erinnert.


Fast 15.000 Menschen wurden in den Jahren 1941 bis 1945 im hessischen Hadamar ermordet. Die Klinik war eine von sechs Tötungsanstalten im Deutschen Reich. Die Opfer der Massenmorde waren vor allem Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, die nicht dem „Idealbild“ der nationalsozialistischen Rassenideologie entsprachen.

Adolf Hitler beauftragte im Oktober 1939 Philipp Bouhler, den Leiter der Kanzlei des „Führers“, und seinen Begleitarzt Karl Brandt mit der Umsetzung der sogenannten „Aktion Gnadentod“. Ein Befehl zum staatlich organisierten Massenmord, dem rund 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Die organisatorische Leitung war in Berlin in einer Villa an der Tiergartenstraße 4 untergebracht, daher der spätere Name „Aktion T4“.

Die Gesundheitsverwaltung des Reichsinnenministeriums verschickte Meldebögen an die psychiatrischen Kliniken. Anhand dieser Meldebögen entschieden dann Gutachter über Leben und Tod, ohne die Patienten überhaupt gesehen zu haben. Wer schon lange in einer Anstalt lebte oder als nicht arbeitsfähig galt, landete fast immer auf den Todeslisten. Die Patienten wurden zunächst in Zwischenanstalten wie Galkhausen und Grafenberg transportiert. Von dort fuhren regelmäßig Busse mit Patienten nach Hadamar. In einer eigenen Busgarage wurden sie ausgeladen, die Personalien wurden überprüft, die Männer und Frauen mussten sich ausziehen, dann wurden sie in die Gaskammer im Keller der Anstalt geführt. Dort sperrte das Klinikpersonal die Menschen ein, bevor ein Arzt den Hahn mit dem tödlichen Kohlenmonoxid öffnete.

Das Foto zeigt die Rauchfahne des Krematoriums der Tötungsanstalt Hadamar

Rauchfahne des Krematoriums der Tötungsanstalt Hadamar, heimlich aufgenommen

Die Leichname wurden zum Krematorium geschleift und dort eingeäschert. Der Rauch war weithin zu sehen. Den Angehörigen wurden Totenscheine mit falschen Angaben zugeschickt, denn der Massenmord sollte geheim bleiben, was nicht gelang. Nach Protesten, vor allem durch Vertreter der katholischen Kirche, wurde die „Aktion T4“ im August 1941 zwar eingestellt, doch die Krankenmorde, jetzt nicht mehr zentral gesteuert, gingen bis Kriegsende weiter.

1983 wurde in Hadamar eine erste Ausstellung zu den NS-Krankenmorden eröffnet, seit 1991 existiert dort eine Gedenk-, Bildungs- und Forschungsstätte.