Lindlar – Es ist das Dauerfeuer, das den Chefarzt des Krankenhauses zu einem Schritt treibt, der im Deutschen Reich als Hochverrat gilt: Am Donnerstag, 12. April 1945 greift Dr. Wilhelm Meinerzhagen zu Stift und Papier und schreibt dem damaligen Feind. Meinerzhagen bittet den Kommandeur der vorrückenden US-Truppen, den Beschuss des Krankenhauses einzustellen. Als der Brief den US-Offizier mutmaßlich in Eichholz-Burg erreicht, verstummt die Haubitze (siehe Zeitleiste unten).
Der Brief, der auch in den letzten Stunden des Nazi-Regimes für den Schreiber noch den Tod hätte bedeuten können, sollte vielen Menschen im Krankenhaus das Leben retten. Fast 25 Mal war das Hospital an diesem Tag bereits getroffen worden. Und auch Stunden, bevor die Amerikaner im Ort einrücken, glauben noch Einzelne an den Endsieg.
Der US-Offizier, der bei Eichholz den Brief des Dr. Meinerzhagen in Händen hält, trägt als Abzeichen einen weißen Blitz auf rotem Grund auf dem Ärmel. Die Soldaten der 78. US-Infanterie nennen sich selbst „Lightning“ – Blitz.
Die US-Soldaten haben in den Ardennen gekämpft und waren unter den ersten, die die Brücke von Remagen überquerten. Gerade in den ersten Monaten des Jahres 1945 mussten die beiden Infanterieregimenter 309 und 311, die nun als Teil der „78th“ vor Lindlar stehen, große Verluste hinnehmen. Ihr eigentlicher Auftrag ist es, den Ruhrkessel anzugreifen. Lindlar ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Norden.
In den Morgenstunden des 13. April marschieren die Soldaten des 309. im Ort ein. Stolz vermerken sie in ihrem Bericht, dass sie im Ort sogar einen deutschen General verhaften konnten.
Monate nach der Einnahme Lindlars berichtet der US-General Edwin P. Parker, Kommandeur der Lightnings, der Soldaten-Zeitung „Stars and Stripes“ über die Tage im April, in denen seine Männer auch Lindlar einnahmen: „In elf Tagen bist du 50 Meilen gegen den Feind vorgerückt, Du hast 47 581 Kriegsgefangene gemacht, inklusive sieben Generäle und du hast rund 120 Städte und Dörfer eingenommen.“
Schon am 15. April zieht die 78. Division in Wuppertal ein, am 17. April wird sie von der Front abgezogen, nach 128 Tagen im Kampfeinsatz. Am 22.Mai 1946 wird die Division in Europa aufgelöst. Die Einheit wird noch im gleichen Jahr in den Vereinigten Staaten wieder aufgestellt und existiert bis heute als Ausbildungseinheit des Heeres.