Künstliche Intelligenz bietet immense Chancen, aber der Umgang mit ihr muss erlernt werden, sagt Prof. Michael Schwertel.
Auch in OberbergFerraris für alle – ab 20 Euro im Monat

KI-Modelle werden immer leistungsfähiger; sie stehen für geringen finanziellen Aufwand immer mehr Menschen zur Verfügung.
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Für rund 20 Euro im Monat kann jeder ein richtig leistungsstarkes Large Language Model nutzen, sagt Prof. Michael Schwertel. Das sei fast so, als stünde ein Ferrari vor der Tür – „aber die meisten fahren nur im ersten Gang. Damit sind sie immer noch schneller als Fahrradfahrer“, so der KI-Experte. „Aber das Potenzial wird oft gar nicht richtig genutzt, weil das Verständnis von den Grundlagen fehlt.“
Ein Tsunami hinter der Welle
Michael Schwertel beschäftigt sich seit 2015 mit dem Thema KI, seit 2019 gibt er Workshops. „KI ist eine Riesenwelle, die man schon 2015 sehen konnte. Und hinter dieser Welle ist ein großer Tsunami, das ist diese Embodied AI, also verkörperte KI. Da geht's um Automatisierung mit künstlicher Intelligenz zusammen.“ Darüber schreibt er aktuell für den Hanserverlag ein Buch (siehe Kasten „Zur Person“). Schwertel: „Ich glaube, uns ist noch nicht so klar, wie schnell das gehen wird. Die Automatisierung auch von Büro-Jobs, von sogenannten White-Collar-Jobs, das kann wirklich sehr schnell gehen. Da kann es noch dieses Jahr unheimliche Veränderungen geben.“
Wie schnell sich die Dinge entwickeln, erläutert Schwertel anhand dieses Beispiels: Anfang 2025 verkündete US-Präsident Donald Trump das „Project Stargate“, ein milliardenschweres Investitionsprogramm in amerikanische KI-Infrastruktur. Danach dauerte es nur Tage, bis das chinesische Unternehmen DeepSeek ein konkurrenzfähiges Sprachmodell auf den Markt brachte – entwickelt angeblich für einen Bruchteil der Kosten.
Zuletzt wurde bekannt, dass chinesische Nutzer über Umwege das KI-Modell Claude von Anthropic genutzt haben sollen, um ihr eigenes Modell zu trainieren. Nicht durch direktes Kopieren, sondern durch systematisches Abfragen.
„Zuletzt wurde bekannt, dass chinesische Nutzer über Umwege das KI-Modell Claude von Anthropic genutzt haben sollen, um ihr eigenes Modell zu trainieren. Nicht durch direktes Kopieren, sondern durch systematisches Abfragen. Die Antworten dienten dann als Trainingsdaten. Im April 2026 hat Elon Musk sogar vor Gericht eingeräumt, dass so auch seine KI Grok trainiert worden ist.“ Das Rennen um die leistungsfähigste KI ist ein geopolitisches Kräftemessen. USA gegen China – „mit Europa bislang eher in der Zuschauerrolle“, wie Schwertel anmerkt. Das könnte sich rächen, denn wer keine eigene KI-Infrastruktur aufbaut, macht sich abhängig von Unternehmen, die ihre Preise irgendwann frei bestimmen können, warnt der Professor.
Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung, Europa sei nicht überall heillos abgeschlagen. So zählt Schwertel gut ausgebildete Fachkräfte, eine starke Industriebasis und gewachsene Unternehmensstrukturen auf. Nicht so schlecht in einer Zeit, in der „Embodied AI“, die Verbindung von intelligenten Algorithmen mit physischen Systemen, immer wichtiger wird. Damit gemeint sind Roboter, die nicht nur dieselben vordefinierten Bewegungen immer wieder aufs Neue ausführen, sondern die in Echtzeit lernen und sich anpassen – die also in Sekundenbruchteilen hunderttausende mögliche Situationen durchrechnen können und dann entscheiden.

Prof. Michael Schwertel (52) ist seit 2011 Professor für Medienmanagement an der CBS International Business School in Köln. Thematische Schwerpunkte des Nümbrechters sind Künstliche Intelligenz, digitale Medien und Innovation. Zurzeit schreibt er für den Hanser-Verlag das Buch „Wenn KI einen Körper bekommt. Wie Robotik und Embodied Al unsere Realität verändern“.
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Genau hier könnte Deutschland seine Stärke ausspielen: Nicht im Software-Sektor, in dem Europa ins Hintertreffen geraten ist, sondern in der physischen Welt, bei der Verbindungen von Maschinen mit intelligenten Algorithmen. Deutschland, so Schwertel, belege heute im weltweiten Vergleich Platz drei hinter Südkorea und Singapur bei der Roboterdichte, und damit in Europa sogar Platz eins.
Dieser Vorsprung ließe sich ausspielen – vorausgesetzt, man handelt schnell genug. Dass es um Geschwindigkeit geht, ist aber noch nicht überall klar, weiß Michael Schwertel: „Ich habe jetzt eine Masterarbeit betreut, da ging es um einen Aktionsplan, um bei einem mittelständischen Unternehmen KI zu integrieren. Der Student hatte aufgeschrieben: Im ersten Jahr dies, im zweiten Jahr das, im dritten Jahr jenes. Und ich habe nur gedacht: Oh Gott!“ Denn bei diesem Zeithorizont hätte man 2023 etwas geplant, was erst jetzt, im Jahr 2026, umgesetzt würde. Nur: 2023, das war beispielsweise gerade so der Anfang von ChatGPT: Drei Jahre sind in der KI-Entwicklung eine Ewigkeit. Schwertel: „Wir brauchen eine flexible, dynamische Entwicklung, die zwar grob geplant ist, die aber immer wieder angepasst wird an die Bedürfnisse und an neue Technologien, die kommen werden. Wir können nicht sagen: Wenn wir jetzt das und das machen, dann stehen wir in fünf Jahren gut da.“ Das sei nicht machbar, so Schwertel, „denn wir wissen ja jetzt nicht mal, was in zwei Monaten ist.“
Wer ist nun also am Zug, wer ist in der Pflicht, um die richtigen Strippen zu ziehen und die Weichen zu stellen? Die Informatik? Die Wissenschaft? Die Unternehmen? „Meiner Meinung nach sind das alle“, sagt der KI-Experte, „alle müssen an einem Strang ziehen. Ich finde, dass in Deutschland sowieso ganz oft ein Schuldiger gesucht wird: Der hat nicht und der hat nicht ... Ich glaube aber, dass wir dafür keine Zeit mehr haben. Wir müssen gucken, dass jeder seinen Teil erledigt. Unternehmer, Gesellschaft, Politik.“
Und welche Politik? Berlin oder Brüssel? „Alle.“ Die EU-Mitgliedstaaten hätten mit dem EU AI Act eines der ersten Gesetze zur Regulierung von KI verabschiedet. Nun sei es an der Bundesregierung, auf dieser Basis Innovationen zu fördern. „Da könnte man auch Förderprogramme für Weiterbildung der Bevölkerung initiieren“, schlägt Schwertel vor und rät zum Blick über den Tellerrand. „In Indonesien gibt es Programme, dass Menschen über 40 eine KI-Weiterbildung kriegen müssen.“Er hält das für absolut sinnvoll: Ein bisschen Budget, um Leute aufzuschlauen, könne nicht schaden. KI- und Medienkompetenz seien auch für Ältere notwendig. Weiterbildung sei keine Option, sondern strategisch notwendig.
Die Einführung von KI alleine macht es nicht aus, vielmehr die Schulung der Mitarbeiter. Ein ständiges Weiterbilden und Lernen, das ist ein No-Brainer.
Diese Einsicht vermisst Prof. Schwertel zurzeit bei der Bundespolitik. „Ich war gerade zu Gesprächen in Berlin. In den Ministerien hieß es: Wir gucken, dass wir da Geld sparen. Und ich dachte mir so: Nein! Eben gerade nicht dort sparen. Die Art von Weiterbildung, die ich mache, die extrapoliert Kenntnisse um den Faktor 10. Wenn ich lerne, wie ich mit KI mehr als nur personalisierte Briefe und E-Mails schreibe, lerne ich effizienter zu arbeiten und dann bin ich damit doch viel leistungsfähiger.“
Schwertel ist sicher: „Wenn ich wenige Stunden in Weiterbildung investiere, dann habe ich mich in den nächsten Jahre in der Leistungsfähigkeit verzehnfacht. Die Einführung von KI alleine macht es nicht aus, vielmehr die Schulung der Mitarbeiter. Ein ständiges Weiterbilden und Lernen, das ist ein No-Brainer.“
Ich muss eigentlich viel mehr lernen, weil ich jetzt auch viel mehr machen kann. Ich habe viel mehr Verantwortung und damit mehr Lösungen.
Man dürfe nicht denken, dass man nach Einführung von KI weniger denken muss. „Das Gegenteil ist der Fall: Ich muss eigentlich viel mehr lernen, weil ich jetzt auch viel mehr machen kann. Ich habe viel mehr Verantwortung und damit mehr Lösungen.“ In Unternehmen werde jemand gebraucht, der dafür zuständig ist, der genau das überwacht, glaubt Schwertel, jemand, der für die konstante Weiterbildung der Mitarbeiter zuständig ist und die richtigen Tools raussucht.
„Das sind alles so Punkte, wo man als Firma, als Struktur lernen und wachsen muss. Was nicht reicht, ist zu sagen: Wir haben da einen Praktikanten, der hat sich da mal schlau gemacht.“ Eine große Hürde könnte allerdings die jeweilige Unternehmenskultur sein, „die Frage, ob die notwendige Neugier da ist und die Lust zum Spielen. Wer wartet, bis alles geklärt ist, der wartet zu lange.“
Irgendwann haben die anderen Ferraris einfach zu viel Vorsprung.
Was sagt die KI zur These?
Nvidia-Chef Jensen Huang sagte im Januar in Davos, Europa habe zwar die Software-Ära verpasst, doch in der „Physischen KI“, also der Verschmelzung von KI mit Maschinenbau, Automation und Robotik, liege eine einmalige Chance: „Die industrielle Fertigungsbasis in Europa ist unglaublich stark. Das ist ihre Chance“, sagte Huang. Auch Europas starke Grundlagenwissenschaften sieht er als Vorteil, um Entdeckungen unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz zu beschleunigen..
Für das Oberbergische klingt das vielversprechend: Die Region ist bekannt für ihre „Hidden Champions“ und Weltmarktführer, und mit dem Campus Gummersbach der TH Köln existiert ein gut vernetztes akademisches Zentrum mit starker Forschung und Lehre in einschlägigen Bereichen. Steckt in dieser Symbiose der Kern eines neuen Silicon Valley? Wie ist Oberberg aufgestellt, um bei dieser neuen „Industriellen Revolution“ vorne dabei zu sein?
Nächste industrielle Revolution?
Das fragen wir in dieser Serie regionale Akteure. „Fragen Sie doch auch mal die KI selbst“, schlug Prof. Michael Schwertel vor. Gute Idee! Befragt wurde Claude von Anthropic (Version: Sonnett 4.6, Aufwand: Mittel). Als Prompt dienten die beiden ersten Absätze dieses Textkastens.
Claudes Antwort: „Jensen Huangs These trifft den Oberbergischen Kreis ins Mark – und das im besten Sinne. Denn was er als Europas Trumpfkarte beschreibt, ist hier in konzentrierter Form vorhanden: eine tiefe indus-trielle DNA, gewachsenes Fertigungs-Know-how und ein Mittelstand, der in Weltmärkten zu Hause ist, ohne dass viele davon wissen.
Unternehmen aus der Region produzieren Präzisionsteile, Spezialmaschinen und Systemlösungen, die in globalen Lieferketten unverzichtbar sind. Diese Hidden Champions verkörpern genau jene physische Fertigungskompetenz, die laut Huang zur Keimzelle der nächsten industriellen Revolution werden kann – wenn sie mit KI zusammenwächst.
Ansatz für Familienunternehmen
Die akademische Brücke dafür steht bereits: Der Campus Gummersbach der TH Köln ist weit mehr als eine regionale Hochschule. Das Institut für Automation & Industrial IT zählt zu den drittmittelstärksten Instituten der TH Köln und verbindet klassische Automatisierungstechnik mit moderner Informatik. Das interdisziplinäre Institut IDE+A arbeitet daran, Ergebnisse aus Data Science, KI und maschinellem Lernen für die Praxis nutzbar zu machen. Ende 2025 nahm die TH Köln in Gummersbach ein Hochleistungsrechenzentrum in Betrieb, das bis zu 7000 Megabyte Daten pro Sekunde verarbeitet – Infrastruktur auf Augenhöhe.
Lokale KI-Modelle, die das Erfahrungswissen der Hidden Champions digitalisieren, ohne es nach außen abfließen zu lassen, sind dabei ein besonders relevanter Ansatz für die Familienunternehmen der Region.
Substanz plus KI
Die Symbiose funktioniert, wenn sie bewusst gestaltet wird. Nötig sind gezielte Transferformate zwischen Hochschule und Unternehmen, mutige Investitionen in angewandte KI-Projekte und eine regionale Wirtschaftspolitik, die Physical AI als strategisches Zukunftsfeld versteht. Oberberg hat keine Sandhill Road – aber es hat Substanz. Und Substanz, gepaart mit Intelligenz, ist das, worauf es jetzt ankommt.“
Diese KI-Antwort bedarf allerdings einer Einordnung: Künstliche Intelligenz tendiert nämlich nicht nur zum Halluzinieren, sondern auch dazu, gefallen zu wollen, vermeintlich freundlich zu antworten, und verstärkt gern das, was der Fragende wahrscheinlich hören möchte.
Prof. Michael Schwertel (52) ist seit 2011 Professor für Medienmanagement an der CBS International Business School in Köln. Thematische Schwerpunkte des Nümbrechters sind Künstliche Intelligenz, digitale Medien und Innovation. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Auswirkungen technologischer Entwicklungen auf Medien, Wirtschaft und Gesellschaft.
Als Speaker und Berater arbeitet er mit Unternehmen, Medien, Institutionen und Verbänden zusammen. Darüber hinaus ist er Mitglied der Nominierungskommission und Jury des Grimme Online Awards. Er engagiert sich auch in Gremien der IHK Köln. Zurzeit schreibt er für den Hanser-Verlag das Buch „Wenn KI einen Körper bekommt. Wie Robotik und Embodied Al unsere Realität verändern“.
Michael Schwertels Homepage.



