Oberberg – „Mit einer vierköpfigen Familie aus dem Iran bin ich mal in die Jugendherbergen nach Aachen und Marburg gefahren, um der Familie auch unsere Kultur näher zu bringen“, erzählt Günter Krauß. Der 74-Jährige ist einer der vielen ehrenamtlichen Helfer in Oberberg, die Geflüchtete beim Erwerb der deutschen Sprache unterstützen. 41 Jahre lang arbeitete Krauß als Deutschlehrer, unter anderem an den Gesamtschulen in Marienheide und Derschlag. Seit 2009 engagiert er sich in der Flüchtlingshilfe und bringt Geflüchteten Deutsch bei. Zuletzt begleitete er eine 33-jährige Iranerin erfolgreich auf ihrem Weg zum Sprachniveau B2 – ein positives Beispiel für den gelungenen Spracherwerb von Zuwanderern. Aber so erfolgreich läuft es nicht immer.
Bundesweit hat nur die Hälfte aller Zuwanderer im vergangenen Jahr einen Deutschkurs mit Erfolg abgeschlossen. Das geht aus Zahlen der Bundesregierung hervor. 51,5 Prozent der über 170 000 in Deutschland lebenden Migranten, die zum ersten Mal an einem Sprachkurs teilnahmen, haben demnach das Sprachniveau B1 nicht erreicht.
Ehrenamtliche sind wichtige Unterstützung
Die Zahlen aus dem Oberbergischen Kreis sind noch schlechter. 2018 nahmen kreisweit 472 Teilnehmer an dem Deutschtest für Zuwanderer teil, nur 156 Teilnehmer und somit 33 Prozent schlossen die Prüfung mit dem Sprachniveau B1 ab. 38 Prozent erreichten immerhin das niedrigere Niveau A2. Der Kreis spricht im Landes- und Bundesvergleich dennoch von einem „respektablen Ergebnis“.
Die vielen Sprachkursträger im Oberbergischen werden zum Teil von ehrenamtlichen Helfern unterstützt, welche Geflüchtete begleitend zu den Sprachkursen Nachhilfe geben. Sprachkurse, die ausschließlich von Ehrenamtlichen durchgeführt werden, finden im Kreis aktuell nicht statt. Das sah 2015 noch anders aus. Als eine große Anzahl geflüchteter Menschen ins Oberbergische kam, hätten auch Ehrenamtliche anfangs Sprachkurse übernommen und seien eine wichtige Unterstützung gewesen, heißt es vom Kommunalen Integrationszentrum. Mittlerweile habe man das Sprachangebot durch die hauptamtlichen Träger ausgebaut, sodass Ehrenamtliche vor allem unterstützend tätig seien.
Ehrenamtliche sind nicht ausreichend ausgebildet
So auch Günter Krauß. Er hilft geflüchteten Familien bei Amtsgängen und besucht sie auch zu Hause. Dabei wird aber nicht einfach stupide am Schreibtisch gepaukt. Krauß versucht, seinen Deutschunterricht so spannend und persönlich wie möglich zu gestalten. Auf Zuwanderer, die Hilfe beim Deutschlernen benötigen, wird der Rentner durch den Sozialdienst katholischer Frauen und Männer in Strombach aufmerksam. Auch heute sei er noch mit vielen Familien, die er sprachlich betreut habe, freundschaftlich verbunden.
Dass das Erlernen der deutschen Sprache nicht immer erfolgreich verläuft, bemerkt aber auch Krauß in letzter Zeit immer wieder. „Es ist schade, dass viele nicht auf Augenhöhe mit den geflüchteten Familien arbeiten“, sagt er. Seiner Meinung nach seien regelmäßige Hospitationen hilfreich, um den Erfolg der ehrenamtlichen Sprachhilfen zu verbessern. Das sieht Axel Wüstefeld von der Flüchtlingshilfe aus Engelskirchen ähnlich: „Es gibt im ehrenamtlichen Bereich keine richtige Qualitätskontrolle, dabei wäre das sicher wichtig.“ Krauß sieht ein Problem zudem in der fehlenden Ausbildung der ehrenamtlichen Sprachlehrer. „Nicht alle haben einen pädagogischen Beruf erlernt so wie ich und tun sich sicher schwerer.“
Unterstützung vom Kreis gab es jedoch. Um die ehrenamtlichen Helfer entsprechend vorzubereiten, führte das Kommunale Integrationszentrum gemeinsam mit dem Oberbergischen Kreis und dem Katholischen Bildungswerk eine spezielle Sprachlehrqualifizierung durch. In einem dreiteiligen Kurs erhielten die Teilnehmer Material und Informationen als Unterstützung beim Deutschlehren. Ein wichtiges Thema war dabei auch der richtige Umgang mit Geflüchteten. Aufgrund des schwindenden Bedarfs von Seiten der Ehrenamtlichen seien die Qualifizierungsangebote allerdings wieder eingestellt worden, heißt es vom Kreis.
Krauß möchte sein Wissen auch in Zukunft weitergeben. Er weiß: „Es braucht Zeit, bis die Geflüchteten Vertrauen aufgebaut haben. Und auch für mich sind das ganz neue Kulturen, die ich kennenlerne. Am Anfang musste ich mich mit Händen und Füßen verständigen.“ Später habe er richtig mitgezittert, wenn eines der Kinder eine Prüfung in der Schule gehabt habe, für die man gemeinsam gelernt habe.
Sprachkurse für Zuwanderer
Zuwanderer in Deutschland können von den jeweiligen Kommunen zu einem Integrationskurs mit dem Ziel des Sprachniveaus B1 verpflichtet werden, erklärt das Kommunale Integrationszentrum Oberberg. Beratung erhalten Geflüchtete im Oberbergischen Kreis bei speziellen Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände. Für den Südkreis zuständig sind die Jugendmigrationsdienste (JMD) des Internationalen Bundes, für die Mitte und den Norden Oberbergs der JMD des Caritasverbandes. Geflüchtete, die sich noch in einer Duldung befinden, können sich an die Flüchtlingsberatungsstellen des Kirchenkreises An der Agger und des Caritasverbandes wenden. Aufbauend auf den Integrationskurs werden im Kreis berufsbezogene Deutschsprachförderungskurse angeboten.
Wenn es um Alphabetisierung gehe, sei es zu befürworten, dass ein strukturierter Spracherwerb durch geschultes Fachpersonal stattfinde, heißt es vom Kommunalen Integrationszentrum. Ehrenamtliche seien aber ein wichtiges Bindeglied zwischen den Sprachkursen und dem Alltag der Geflüchteten. (lth)
