Der Schleimpilz Metatrichia floriformis entfaltet unter dem Mikroskop eine atemberaubende Ästhetik.
Schlau und mobilOberbergs rätselhaft-schöner Schleimpilz

Was wie die Vegetation eines Star-Wars-Planeten anmutet, sind die Sporocarpien, also spezifische Fortpflanzungsorgane.
Copyright: David Cornette
Metatrichia floriformis hat keinen deutschen Namen, man könnte das Fachwort frei als „Blütenförmiges Überhaar“ übersetzen. Es handelt sich um eine Art aus der rätselhaften Gruppe der Schleimpilze, also der Myxomycenten, neuerdings Plasmodial-Amöben. Biologen tun sich schwer mit der Systematik dieser Lebewesen: Schleimpilze haben keine nähere Verwandtschaft zu Pilzen wie Champignons, Schimmel oder dem Fußpilzerreger. Ein fundamentaler Unterschied ist nämlich, dass sich Schleimpilze fortbewegen können.
Sie bleiben also nicht an dem Ort, an dem ihre Spore gelandet ist, sondern verlassen ihren Geburtsort wie ein Tier auf der Suche nach Nahrung und Partnern. Ihre Fortbewegung ist am ehesten mit der von Schnecken zu vergleichen, nur noch langsamer.
An Schönheit kaum zu überbieten
Schleimpilze sind etwas ganz Eigenes unter den Eukaryoten, also den Lebewesen, die nur einen Zellkern haben. Trotz ihrer Größe, die in Extremfällen fast einen Quadratmeter umfassen kann, sind es Einzeller aus der Gruppe der Amoebozoa, die sich allerdings zu einem „Fusionsplasmodium“ zusammenschließen können, bestehend aus unzähligen Individuen umhüllt in einer einzigen Plasmamembran. Und in dieses Zustand bewegen sie sich sehr langsam fort. Cineasten erinnert das vielleicht an den „Blob“ aus dem gleichnamigen Horrorfilm von 1988. So leben sie vor allem an Totholz, im Boden, unter Laub oder in Spalten von Bäumen. Man kann sie eigentlich überall antreffen, doch sie sind sehr schwer zu finden, denn die meisten Arten sind verdammt klein.
Wenn man sie aber entdeckt, erschließt sich eine Welt, die an Schönheit kaum zu überbieten ist, wie der Lindlarer Künstler und Naturpädagoge David Cornette in seiner Ausstellung „Schattenwelten“ im Freilichtmuseum vor drei Jahren eindrücklich zeigen konnte.
Amöben bauten Tokio nach
Plasmodial-Amöben sind aber nicht nur schön, sondern auch schlau. Obwohl sie kein Nervensystem und damit kein Gehirn haben, können sie kommunizieren und haben auch deshalb seit mindestens 100 Millionen Jahren auf der Erde überlebt. In einem Experiment hatten Forscher den Großraum Tokio mit Haferflocken nachgebildet. In das Zentrum wurde ein Plasmodium gelegt, also eine einzellige, zähflüssige Masse mit tausenden von Zellkernen der gleichen Schleimpilzart. Was die Art machte? Sie erschloss sich die Nahrung mit Verbindungsbahnen, die dem Nahverkehrsnetzes von Tokio entsprach. Sogar den schnellsten Weg durch ein Labyrinth meistern Schleimpilze in entsprechenden Tests auf mysteriöse Weise.
Zurück zu der schönen Metatrichia floriformis. Was wie die Vegetation eines Star-Wars-Planeten anmutet, sind die kugeligen bis birnenförmigen Sporocarpien, also spezifische Fortpflanzungsorgane. Zusammen mit dem Stiel wird eine Höhe von bis zu vier Millimetern erreicht. Diese Art gilt als weit verbreitet. David Cornette hat sie an der Sülzbahntrasse zwischen Lindlar und Untereschbach ausfindig gemacht.
Wie schwer diese Arten zu entdecken sind, zeigt eine ukrainische Studie von Dudka und Leontyev aus dem Jahr 2011. Bei einer mykologischen Untersuchung stellte Metatrichia floriformis, gesammelt im Buchen-Urwald des Uholsko-Schyrokoluzhansky-Massivs erst den zweiten Nachweis der Art für die Ukraine dar. Der erste Nachweis stammte aus dem Jahr 1934 und wurde in den Wäldern von Tschornohora erbracht.
Die Schwesterart Metatrichia vesparium soll immerhin eine der häufigsten Schleimpilz-Arten weltweit sein, wird aber trotzdem selten beobachtet. Auch sie ist ein Beispiel dafür, dass die Natur unendlich faszinierend ist und sich in unscheinbaren Details ein Universum aus atemberaubender Ästhetik und beharrlichem Lebenswillen entfaltet.
