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Vor 30 JahrenAls das oberbergische Eishockey-Frauen-Team erstmals deutscher Vizemeister wurde

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Ein schwarz-weißes Foto zeigt eine Eishockeymannschaft.

Schon bei der Vorstellung des Wiehler Kaders während der Eröffnungsfeier des Finalturniers stand die komplette Eishalle Kopf.

Die Wiehler Eishalle war am 17. Februar 1996 mit 1000 Zuschauern an beiden Finaltagen komplett ausverkauft.

Wenn Uli Hecht über das Halbfinalspiel gegen Geretsried spricht, das 30 Jahre zurückliegt, ist das Leuchten seiner Augen sogar durch das Telefon zu spüren. „Das war eines der besten Spiele, das ich je gesehen habe. Das war unfassbar. Uns hätte an diesem Tag keine Mannschaft schlagen können, davon bin ich überzeugt“, schwärmt der 61-Jährige, der an jenem 17. Februar 1996 als Co-Trainer der Wiehler Frauen-Eishockey-Mannschaft hinter der Bande steht.

Die „Huskies“ fertigen die Oberbayern in der eigenen, komplett ausverkauften Eishalle schließlich mit 11:3 ab – das Endspiel um die deutsche Meisterschaft ist erreicht. „Die Halle ist explodiert. Ich habe es nie wieder erlebt, dass die so voll war“, berichtet Hecht, der in der Kammer der Eismeister live ins Programm von Radio Berg geschaltet wird.

Verteidigerin Britta Schwethelm war mit 15 Jahren das „Küken“ des Teams

Auch für Verteidigerin Britta Schwethelm, mit 15 Jahren das „Küken“ der Mannschaft, war es ein eindrückliches Erlebnis. „Wir haben uns in einen Rausch gespielt. Die Halle war mit 1000 Zuschauern an beiden Finaltagen komplett ausverkauft, das kannten wir so nicht. Meist war nur eine Handvoll Fans da“, erinnert sich die Gummersbacherin, damals eine der wenigen „Einheimischen“ im Team.

Denn eigentlich handelt es sich bei den Wiehlerinnen um die Mannschaft des Neusser EC: Die Frauensparte des Deutschen Meisters von 1993 war nach Unstimmigkeiten im Klub 1994 geschlossen nach Oberberg gewechselt. In Neuss hatten die Frauen am späten Abend trainieren müssen, in Wiehl wurden sie dagegen mit offenen Armen empfangen. „Wir bekamen Premium-Eiszeiten für Trainings und Heimspiele“, erinnert sich Hecht, der auch die Torhüterinnen betreut. Zusätzlich entsteht eine Reservemannschaft. „Generell war der Stellenwert, den wir in Wiehl genossen haben, immens hoch“, stellt Hecht klar.

Britta Schwethelm im Porträt.

„Ich bin heute noch mit so vielen Spielerinnen von damals in Kontakt. Das war außergewöhnlich, einfach eine geile Zeit“, sagt Britta Schwethelm.

Die Fahrerei ist es allerdings auch: Top-Stürmerin Laila Dekmeijere und Torfrau Silke Friedrichs düsen aus Wilhelmshaven (!) zum Training, Nationalspielerin und Kapitänin Natascha Schaffrik aus Mannheim, andere Spielerinnen sowie das Düsseldorfer Trainergespann um Hecht und Chefcoach Thomas Althausen reisen aus dem Rheinland an. „Ich habe das mal überschlagen: Wahrscheinlich bin ich dreimal um die Welt gefahren in der Zeit“, rechnet Hecht vor, im Hauptberuf Malermeister, der später auch als Jugendtrainer in Wiehl arbeitet.

Raus aus dem Auto, rauf aufs Eis – und da geraten die Frauen gehörig ins Schwitzen: Das Trainergespann legt Wert auf Fitness und lässt durchaus hart trainieren. „Wir haben das schon ernstgenommen“, sagt Hecht. Die Folge: „Das technisch beste Eishockey haben wir nie gespielt, aber durch mannschaftliche Geschlossenheit und eine Top-Kondition geglänzt, was dann auch eine gewisse Körperlichkeit mit sich gebracht hat.“

Ein schwarz-weißes Foto zeigt eine Spielsituation beim Eishockey.

Nach einem sagenhaften 11:3-Sieg über Geretsried zog Wiehl ins Finale ein.

Die Saison 1995/96 schließen die „Huskies“ in der Nordgruppe der Bundesliga auf Platz zwei ab, im Viertelfinale setzen sie sich gegen den EV Landshut durch. Für das Final-Heimturnier um den Titel zieht die Mannschaft sogar gemeinsam in die Wiehler Jugendherberge. Nach der überraschenden Halbfinal-Gala gegen Geretsried – nach Einschätzung des Fachmagazins „Eishockey News“ der Top-Favorit – greifen die „Huskies“ tags darauf tatsächlich nach dem Meistertitel. Im Finale jedoch erweist sich die ESG Esslingen um die schier unbezwingbare Torhüterin Stephanie Kürten als stärker, am Ende heißt es 0:4.

„Es flossen viele Tränen“, berichtet Schwethelm, aber schnell habe der Stolz auf eine tolle Saison überwogen: „Für uns war es einfach eine geile Erfahrung, vor so vielen Leuten zu spielen.“ Hecht ballt beim Meister-Dinner kurz die Faust in der Tasche, als die Esslingerinnen ihren Triumph mit einer Polonaise zu „Lemon Tree“ feiern, doch auch er kann den Vizetitel irgendwann genießen. Auch bei der Wahl zur „OVZ-Mannschaft des Jahres“ landen die „Huskies“ auf dem Treppchen.

Ein Jahr später erreichen die Wiehlerinnen erneut das Finale, diesmal mit Neuzugang Raffaela Wolf im Angriff – Schwethelms „Vorbild“. „Wegen ihr habe ich mit Eishockey angefangen“, gesteht die heute 45-Jährige. Ihr älterer Bruder Björn hatte mit dem Wiehler Nachwuchs gegen Wolfs Mannschaft aus Wesel gespielt. „Die Wiehler kannten das nicht, dass beim Gegner ein Mädchen mitspielte, und machten sich darüber lustig“, erzählt Schwethelm und ergänzt lachend: „Raffaela hat ihnen sieben Tore reingeknallt, sie war mit Abstand die Beste. Da wollte ich dann auch Eishockey spielen.“

Doch auch mit Wolf reicht es 1997 nicht zur Meisterschaft: Wieder setzt sich Esslingen im Endspiel durch, diesmal in Schwaben und deutlich mit 13:0. „Wiehl hatte einen jener Tage zu überstehen, wo die Räder rückwärts laufen, egal was man macht“, schreibt die „Eishockey News“. Auch in den Jahren danach spielen die Oberbergerinnen noch eine gute Rolle, doch im Jahr 2000 ist trotz des dritten Platzes Schluss: Die Wiehler Frauenmannschaft löst sich auf, ein Großteil des Kaders inklusive Schwethelm schließt sich dem EC Bergkamen an. „Dort haben wir dann 2005 die Meisterschaft gewonnen“, sagt die Gummersbacherin.

Geblieben sind schöne Erinnerungen und der Zusammenhalt: „Ich bin heute noch mit so vielen Spielerinnen von damals in Kontakt“, sagt Hecht. „Das war außergewöhnlich, einfach eine geile Zeit.“