Rhein-Berg – Zuerst glaubte Christa H. (Name geändert), dass die schlimmen Zustände bei der ambulanten Pflege nur Einzelfälle seien. Doch die Liste der alptraumartigen Vorfälle wurde von Tag zu Tag länger. Die unerträglichen Arbeitsbedingungen. Die Spritzen, die sie gesetzt habe, ohne dazu befugt zu sein. Die teilweise würdelose Behandlung der Menschen durch den zermürbenden Zeitdruck. Nach drei Jahren stieg die 38-jährige Pflegehelferin aus. „Was ich erlebte, habe ich nicht für möglich gehalten.“ Zerplatzt ist der Traum, anderen zu helfen.
Kasse machen mit menschlichem Leid. Die boomende Branche lockt offenbar Schwindler an. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt derzeit gegen sieben ambulante Pflegedienste wegen des Verdachts des Betrugs. Es geht um gefälschte Abrechnungen und Arbeitsnachweise. Es stehe noch nicht fest, ob darunter Betriebe aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis seien, sagt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer.
Christa H. hat im Rheinisch-Bergischen Kreis bei zwei privaten Pflegediensten gearbeitet. Als Quereinsteigerin kam die EDV-Fachfrau zu dem Job, da die Nachfrage nach Altenpflege groß ist. Sie bewarb sich bei einem privaten Pflegedienst um eine Ausbildung als Pflegehelferin und wurde sofort genommen.
Nach nur vier Tagen Einarbeitung sei Christa H. allein auf die tägliche Jagd gegangen – auf die Jagd nach Zeit. In der Regel betreut sie sechs bis zwölf Patienten in einer Schicht, je nach Pflegebedarf. „Das war von vornherein nicht zu schaffen.“ Sie nennt ein Beispiel: Bei einer ihrer Touren habe die Einsatzleitung drei Patienten gleichzeitig auf 10 Uhr gelegt, um möglichst viele Kunden unterzubringen. Die Patienten mit Terminen am Ende der Schicht hätten oft bis zu zwei Stunden warten müssen.Dem Betreiber des Dienstes ginge es dabei einzig um Erlöse, vermutet Christa H.: „Der hilfsbedürftige Mensch als Zahlenfolge“. Die Pflegehelferin Christa H. sei von Fall zu Fall gehetzt, um keinen sitzen zu lassen. Ein entsprechender Fahrstil habe geholfen: „Um zwei Minuten für die Patienten herauszuholen.“ Fiel ein Kollege aus, seien Doppelschichten fällig gewesen – Pflege-Zack-Zack im Minutentakt, von 6 bis 22 Uhr.
Ohne vorher Hebegriffe einzuüben, habe die Odenthalerin vom ersten Tag an Patienten, die sich nicht mehr bewegen können, aus dem Krankenbett, in den Rollstuhl, auf die Toilette, zurück in den Rollstuhl und wieder ins Bett gehievt. „Ins kalte Wasser geworfen“, kommentiert Christa H. Das hört sich nüchtern an. Doch dahinter verbirgt sich Frust über diese Form der Schwerstarbeit, „die eigentlich zu zweit erledigt werden müsste, wenn kein Hilfsmittel wie ein Hebekran vorhanden ist“. Nach vier Monaten erleidet Christa H. einen Bandscheibenvorfall. Ältere Kollegen habe sie in ihrer Zeit im Pflegedienst nicht angetroffen: „Schichtarbeit, Verantwortung und psychische Belastung. Das hält keiner lange aus.“
In einem anderen Fall habe Christa H. einer älteren Frau ein Medikament intravenös spritzen müssen – eigentlich eine Aufgabe für examinierte Krankenpfleger. Pflegehelfer dürfen lediglich subkutan, also unter die Haut, injizieren. „Ich stand da und wusste noch nicht einmal, wie die Kappe von dem Fläschchen aufgeht, geschweige denn wie eine Spritze aufgezogen wird, ohne dass sich Blasen bilden.“ Damit der Schwindel nicht auffliegt, habe sie „geschauspielert“. Unter dem Druck sei ihr ein Fehler unterlaufen: „Ich habe mich in der Dosis vertan.“ Zum Glück sei nichts passiert. Auf den Protokollen sei dann in der Zentrale nachträglich jedes Mal das Unterschriftenkürzel eines voll ausgebildeten Krankenpflegers eingetragen worden.
In dem Bewusstsein, für das Allgemeinwohl zu arbeiten, habe Christa H. weggesehen. Das ist auch der Grund für die gewünschte Anonymität: „Ich habe mich selbst strafbar gemacht.“ Beim Betreiber habe sie sich nicht beschwert: „Das bringt nichts.“ Dem Inhaber des Dienstes fehle das Geld für mehr Personal. Nach Abschluss der Ausbildung nach anderthalb Jahren wechselte die Pflegehelferin zu einem anderen ambulanten Dienst im Kreis. Aber es sei noch schlimmer gekommen, erzählt Christa H.: „Eine alte Frau drückte abends den Notruf, der beim Inhaber ankam. Der rief mich dann an. Aber ich hatte noch zwei Patienten zu versorgen. »Macht nichts«, hieß es. »Dann fahr danach dahin«. Als ich nach einer Stunde bei der Frau ankam, lag sie immer noch auf dem Küchenboden. Sie hatte sich einen Arm gebrochen.“ Das sei der Moment gewesen, endgültig aufzugeben. Wegzusehen sei kein Ausweg. Denn das schlechte Gewissen bleibe. Christa H. sagt, sie werde nie wieder bei einem Pflegedienst arbeiten.
