„Bitte spielen Sie weiter“Pianist aus Bergisch Gladbach gab Konzerte in der Ukraine

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Paul Kruk aus Bergisch Gladbach inmitten von Kindern in einem Flüchtlingsheim in der Ukraine.

Der Pianist und ehrenamtliche Dolmetscher Paul Kruk bei einem Besuch in einem Flüchtlingsheim in der Ukraine.

Paul Kruk, Pianist aus Bergisch Gladbach, war auf Konzertreise in der Ukraine.

Es ist das Ohnmachtsgefühl, das Paul Kruk so quält. Der Konzertpianist und ehrenamtliche Dolmetscher aus Bergisch Gladbach will etwas tun, Hoffnung spenden. Als vermutlich erster Künstler hat er eine Konzertreise durch den Westen der Ukraine gemacht. Seine musikalische Botschaft an seine Landsleute lautet: „Ihr seid nicht alleine. Wir lassen Euch nicht im Stich.“

Seine Aufgabe ist auch, den Zuhörern Erleichterung zu verschaffen und Trost zu vermitteln – wenigstens für einen Moment. Gleich nach Weihnachten ist der 65-Jährige zu seiner fünftägigen Reise in seinem roten Kleinwagen aufgebrochen in die Region zwischen Uzhhorod an der ungarisch-ukrainischen Grenze und Lwiw. Er erlebt bei seinen Auftritten mit seinem elektronischen Piano vor verwundeten ukrainischen Soldaten in Krankenhäusern und in Flüchtlingsheimen, wie sehr Musik Menschen direkt und emotional anspricht.

Kruk zeigt ein Video von einem schwer verwundeten Soldaten. Der Mann mit einer Beinverletzung – er leidet unter extremen Schmerzen, das sieht man in seinem Gesicht   – kommt im Rollstuhl angefahren und dreht sich im Takt zu einer Mozart-Sonate, ergreift sogar die Hand einer Krankenschwester, um mit ihr im Kreis zu tanzen.

Bergisch Gladbacher spielte Werke von Mozart, Beethoven und Bach

Der Gladbacher spielt Werke deutscher Komponisten wie Mozart, Beethoven und Bach, die jeder kennt: Für Elise, Freude schöner Götterfunken, die Mondscheinsonate. In einem Krankenzimmer liegen zwei Soldaten: „Ich dachte, sie schlafen, weil sie gar nicht reagierten.“ Aber als Kruk aufhört zu spielen, meldet sich einer zu Wort: „Bitte spielen Sie weiter.“ Und Kruk spielt weiter und weiter.

„Das ist das Beste, was ich jemals in meinem Leben gemacht habe“, sagt der Musiker. Er stammt selbst aus der Ukraine, ist 1996 ausgewandert und spricht Ukrainisch und Russisch. Hunderte Konzerte habe er in seiner Karriere als Pianist und Lehrer gegeben, in großen und kleinen Sälen gespielt.

„Aber das waren die wichtigsten und emotionalsten.“ Manche Zuhörer wiegen sich im Takt. Viele können die Tränen nicht zurückhalten, berührt von der Intensität der Musik inmitten ihres tristen und bedrückenden, angstbesetzten Alltags. Manche sitzen mit versteinerten Gesichtern da, brauchen Zeit, sich erweichen zu lassen.

Viele haben keine Hoffnung mehr. Sie haben alles verloren, wissen nicht, wie es weitergeht.
Paul Kruk, Pianist aus Bergisch Gladbach

Drei Auftritte hat der Künstler pro Tag. Organisiert hat die Tour ein befreundeter ukrainischer Mathematikprofessor. Die Standorte will der 65-Jährige nicht nennen – aus Sicherheitsgründen. Die Städte und Dörfer liegen im Dunkeln, berichtet Kruk. Auch in den Wohnungen gibt es kein Licht. In den Straßen ist es laut und stinkt, weil vor Geschäften Stromgeneratoren rattern. Nirgendwo hört man ein Lachen. Menschen sind gestorben. Auf den Friedhöfen stehen weithin sichtbar ukrainische Flaggen an den Gräbern der gefallenen Soldaten. Fotos zeigen die Gefallenen.

„Es sind junge Männer.“ Viele seien auf Minen getreten, erfährt Kruk von einem Soldaten, der an der Front war und ein   Video zeigt von einem Artillerie-Gefecht.   Kruk fühlt Bitterkeit und Verzweiflung: „Warum?“, fragt er.

Gleich bei seiner ersten Station, der Aufführung eines traditionellen Silvester-Stücks für Kinder in einem Theaterfoyer, erlebt der Gladbacher einen Raketen-Alarm. Plötzlich mitten in der Aktion schnappen sich die als Bären, Hexen oder Hasen verkleideten Darstellerinnen und die erwachsenen Zuschauer die Kinder und rennen schnell weg. Sirenen sind nicht zu hören.

„Deshalb hatte ich keine Angst“, berichtet Kruk, „ich wusste gar nicht, was vorgeht“. Denn die Warnung erfolgt über eine App. Die mitgebrachte Schokolade verteilt Kruk dann in einem Keller, wo alle drei Stunden lang ausharren. Nachbarn aus der Siedlung Löhe, wo Kruk wohnt, haben die Süßigkeiten mitgegeben.

Im Gepäck hat er außerdem 40 hochwertige Abbindesysteme, sogenannte Tourniquets, um Blutverlust bei Verletzungen zu stoppen, gekauft von dem Erlös seiner Benefizkonzerte in Bergisch Gladbach. Dazu noch 1000 Euro. Die Menschen in den Flüchtlingsheimen, die er besucht, sind sehr dankbar. Denn es werden dringend Medikamente gebraucht, erzählt Kruk.

Leerstehende Häuser sind zum Zufluchtsort für vorübergehend aus den umkämpften Städten geflohene Ukrainer geworden, teils ohne Heizung, ohne Küche. „Viele haben keine Hoffnung mehr. Sie haben alles verloren, wissen nicht, wie es weitergeht“, schildert Kruk.

Es tut ihm gut, dass er einem Ehepaar unter die Arme greifen kann, das fünf Waisen im Alter zwischen neun und 16 Jahren bei sich aufgenommen hat. „Wir sind Lebensmittel einkaufen gefahren, damit die Familie einen schönen Silvesterabend hat.“ Sobald er genug Geld gesammelt habe, um die Miete für einen Transporter finanzieren zu können, will Kruk wieder in sein Heimatland fahren.                                                                                     

Ein Arzt hat ein Röntgen- und ein Ultraschallgerät zur Verfügung gestellt. Spenden zur Finanzierung der Fahrtkosten seien willkommen. Paul Kruk ist über E-Mail zu kontaktieren.

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