Der frühere Bergisch Gladbacher Pfarrer Thomas Werner will als neuer Eine-Welt-Vorsitzender den Dialog stärken – und hat Pläne für Zanders.
„Gemeinschaft braucht Plätze“Was sich Thomas Werner auf Zanders vorstellen kann

„Gemeinschaft braucht gemeinsame Plätze“. Was der frühere Pfarrer der Bergisch Gladbacher Gnadenkirche, Thomas Werner, mit dem Stadtverband Eine Welt vor hat.
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Er denkt gar nicht ans aufhören: Der frühere Pfarrer der evangelischen Gnadenkirche in Bergisch Gladbach, Thomas Werner, ist neuer Vorsitzender des Stadtverbands Eine Welt in Bergisch Gladbach. Im Interview mit Guido Wagner spricht er darüber, warum ihn seine Kindheit in Südafrika bis heute prägt, weshalb ihn der Ruhestand nicht zur Ruhe kommen lässt – und warum er auf dem Zanders-Areal die Chance für ein Modell des Zusammenlebens in Bergisch Gladbach sieht.
Herr Werner, Sie hätten nach Ihrem Abschied von der Gnadenkirche auch einfach den Ruhestand genießen können. Warum übernehmen Sie jetzt den Vorsitz des Stadtverbands Eine Welt?
Weil mich die gesellschaftliche Entwicklung umtreibt. Ich beobachte mit Sorge, wie sich unsere Gesellschaft zunehmend spaltet und wie schwer sich viele Menschen mit Vielfalt tun. Gerade deshalb braucht es Orte, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Der Stadtverband Eine Welt bietet genau diese Chance. Das hat mich gereizt.
Sie wirken aber nicht wie jemand, der sich aus dem Berufsleben verabschiedet hat.
(Lacht.) Nein, das stimmt wohl. Gestalten hat mir immer Freude gemacht. Mir hat nach meinem Abschied aus der Gnadenkirche genau das gefehlt: Menschen zusammenzubringen, Dialog zu ermöglichen und gemeinsam etwas aufzubauen. Deshalb fühlt sich dieses Ehrenamt gar nicht wie ein Neuanfang an, sondern eher wie eine Fortsetzung – auf einer anderen Ebene.
Sie engagieren sich also nicht mehr als Pfarrer?
Nein, bewusst als Bürger dieser Stadt. Natürlich werde ich immer evangelischer Pfarrer bleiben – und bin als solcher auch noch hier und da tätig. Im Stadtverband Eine Welt geht es darum, Verantwortung für das Zusammenleben aller in Bergisch Gladbach zu übernehmen.
Ihre Geschichte beginnt allerdings weit entfernt von Bergisch Gladbach – in Südafrika.
Ja. Ich bin dort geboren. Meine Eltern waren Deutsche und in den 1950er-Jahren als Pfarrer und Lehrerin nach Südafrika ausgewandert. Uns war immer bewusst, dass wir dort Gäste sind. Diese Erfahrung prägt mich bis heute.
Inwiefern?
Sie verändert den Blick auf Migration. Ich sage oft: „Wir alle sind Ausländer- fast überall.“ Wer einmal erlebt hat, wie wichtig Offenheit und Gastfreundschaft sind, begegnet Menschen, die zu uns kommen, mit anderen Augen.
Als Kind kamen Sie später nach Deutschland zurück. War das ein Kulturschock?
Absolut. Für mich war Deutschland damals grau, kalt und der Umgang in der Schule deutlich rauer als das, was ich aus Südafrika kannte. Das vergisst man nicht.

Stadtverband Eine Welt Bergisch Gladbach: Seit den jüngsten Vorstandswahlen hat Thomas Werner den Vorsitz im Stadtverband eine Welt Bergisch Gladbach e.V. von Horst Fossen übernommen. Dem neu- bzw. wiedergewählten Vorstand des Stadtverbandes Eine Welt Bergisch Gladbach e.V. gehören an (v.l.): Dr. Dietrich Tegtmeyer, Michael Laufenberg, Thomas Werner, Horst Fossen, Mechtild Münzer und Dettlef Rockenberg, Achim Rieks (nicht im Bild).
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Trotzdem verbindet Sie bis heute viel mit Afrika.
Ja. Mein jüngster Bruder lebt in Kapstadt, und ich bin nach dem Ende der Apartheid regelmäßig wieder nach Südafrika gereist. Dort erlebt man gewaltige Gegensätze: ein wirtschaftlich starkes Land mit einer enormen Kluft zwischen Arm und Reich. Das führt einem vor Augen, welchen Schatz wir mit unserem Sozialstaat und unserer Demokratie besitzen.
Gab es Begegnungen, die Sie besonders geprägt haben?
Eine ganz besonders. Kurz nachdem ich 1992 Pfarrer in Bergisch Gladbach geworden war, klingelte ein junger Mann aus dem Kongo an meiner Haustür. Ich dachte zunächst, er brauche Hilfe. Stattdessen sagte er: „Ich wollte nur meinen Pfarrer kennenlernen.“
Und daraus entstand mehr?
Ja. Er engagierte sich viele Jahre ehrenamtlich in unserer Gemeinde, arbeitete später in einem Altenheim und wurde für viele ein Freund. Umso erschütternder war es, als er eines Tages über Nacht abgeschoben wurde. Diese Geschichte hat mich tief bewegt und begleitet mich bis heute.
Hat sie Ihren Blick auf Flüchtlinge verändert?
Sie hat ihn bestätigt. Hinter jeder Fluchtgeschichte steckt ein Mensch mit Hoffnungen, Talenten und einer eigenen Geschichte. Das vergisst man leicht, wenn nur noch über Zahlen diskutiert wird.
An der Gnadenkirche haben Sie das „Fest der Religionen und Kulturen“ auf den Weg gebracht und viele Jahre mitgestaltet. Was haben Sie daraus mitgenommen?
Dass Vorurteile verschwinden, sobald Menschen sich auf gleicher Augenhöhe begegnen. Wenn man miteinander isst, feiert oder einfach ins Gespräch kommt, merkt man schnell, dass uns viel mehr verbindet als trennt.
Fehlt Ihnen dieser Dialog heute?
Ja. Mir fehlt oft die Bereitschaft, wirklich zuzuhören. Viele reden übereinander, aber zu wenige miteinander. Dabei lebt unsere Demokratie genau davon.
Sie sprechen häufig von „versöhnter Verschiedenheit“. Was bedeutet das für Sie?
Dass Menschen unterschiedlich sein dürfen und trotzdem gemeinsam Verantwortung übernehmen. Unterschiedliche Kulturen, Religionen oder Lebensentwürfe sind keine Bedrohung, sondern vielmehr eine Bereicherung – wenn wir einander mit Respekt begegnen.
Was reizt Sie am Stadtverband Eine Welt besonders?
Sein enormes Potenzial. Neben der Stadt Bergisch Gladbach, die Mitglied ist und die Geschäftsführerin stellt, arbeiten dort 17 ganz unterschiedliche Initiativen und Vereine zusammen. Ich bin beeindruckt, mit wie viel Herzblut sich die Ehrenamtlichen engagieren. Diese Kräfte möchte ich stärker bündeln und sichtbarer machen – in den einzelnen Stadtteilen, aber auch in der neuen Mitte von Bergisch Gladbach, die derzeit auf dem ehemaligen Zanders-Gelände entsteht.
Warum spielt dieses 36 Hektar große ehemalige Industriegelände für Sie eine so wichtige Rolle?
Weil dort nicht einfach nur ein neuer Stadtteil entsteht. Dort bietet sich die einmalige Chance, von Anfang an Orte für Begegnung mitzudenken. Bergisch Gladbach ist heute wesentlich vielfältiger als noch vor 30 oder 40 Jahren. Das sollte sich auch in einem neuen Quartier widerspiegeln.
Wie könnte das aussehen?
Ich wünsche mir Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Religionen einander begegnen und ganz selbstverständlich miteinander in Kontakt kommen. Das braucht Orte. Gemeinschaft entsteht an gemeinsamen Plätzen.
Denken Sie dabei auch an den Eine-Welt-Laden?
Ja, unbedingt. Für die Mitarbeitenden und mich wäre es eine echte Chance, wenn der Eine-Welt-Laden aus dem Forum am Forum-Park mit dem Umzug der Stadtbibliothek auf das Zanders-Areal einen zentralen Platz bekäme – idealerweise in Verbindung mit einem Café. Dann wäre das kein Laden mehr, den man gezielt suchen muss, sondern ein lebendiger Treffpunkt mitten im Alltag.
Das klingt nach mehr als nur einem Geschäft.
Genau. Dort könnte man fair gehandelten Kaffee trinken, Produkte kaufen, miteinander ins Gespräch kommen und etwas über globale Zusammenhänge erfahren. So stellen wir uns einen Ort vor, an dem aus Fairtrade echte Begegnung wird.

Hat viele Pläne als neuer Vorsitzender des Stadtverbands Eine Welt: der ehemalige Pfarrer der evangelischen Gnadenkirche, Thomas Werner.
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Sie sprechen von einem Modellprojekt für Bergisch Gladbach.
Ja. Das Zanders-Areal bietet die Chance, von Anfang an interkulturellen Dialog mitzudenken. Wenn uns das gelingt, könnte dort ein Quartier entstehen, das zeigt, wie Zusammenleben in einer vielfältigen Stadt funktionieren kann. Diese Chance sollten wir nicht verstreichen lassen.
Sie sehen darin also mehr als Stadtentwicklung.
In der Tat. Es geht nicht nur um Häuser und Straßen. Es geht darum, wie Menschen künftig miteinander leben. Wenn wir jetzt mutig sind, können wir dort etwas schaffen, das weit über Bergisch Gladbach hinaus Vorbildcharakter hat.
Welche weiteren Aufgaben sehen Sie für den Stadtverband?
Wir müssen jüngere Menschen gewinnen. Das gelingt aber nicht, indem wir ihnen fertige Konzepte präsentieren. Wir müssen ihnen zuhören und ihnen zutrauen, Verantwortung zu übernehmen und gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten.
Wie wollen Sie das schaffen?
Ich komme nicht mit fertigen Antworten. Ich möchte zunächst fragen: „Was bewegt euch? Welche Ideen habt ihr?“ Dann kann daraus etwas Gemeinsames entstehen. Junge Menschen haben oft einen viel selbstverständlicheren Umgang mit Vielfalt als wir Älteren.
Sie wirken nach Ihrem Ruhestand alles andere als müde.
(Lacht.) Nein. Natürlich muss ich auch auf meine Kräfte achten. Aber ich habe den Eindruck, dass dieser Stadtverband enormes Potenzial hat. Und ich freue mich darauf, gemeinsam mit vielen anderen etwas daraus zu machen.
