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StadtgeschichteWie in Kürten das erste Rathaus entstand

6 min
Das Alte Rathaus in Spanien

Das erste Rathaus der Gemeinde Kürten, heute das Rathaus-Nebengebäude.

Vor 60 Jahren errichtete die Verwaltung ihre erste Zentrale, mit zwei bedeutenden Glaskunstwerken.

Es hätte auch ganz anders kommen können. So einen Satz sagt man, wenn sich Schicksale im Leben auseinander entwickeln, warum auch immer. Auch für die Gemeinde Kürten kann man sagen: Es hätte auch alles anders kommen können. Es geht hier um das erste moderne Rathaus für das Amt Kürten, errichtet 1956 und 1957 für die vier selbständigen Amtsgemeinden Kürten-Ort, Bechen, Olpe und Wipperfeld. Heute wird es schlicht „Rathaus-Nebengebäude“ genannt, zahlreiche Serviceangebote von Gemeinde und Kreis haben dort ihren Platz. Der Geschichtsverein Kürten ist auch mit seinem Archiv vertreten. Dieses Haus ist eine versteckte, unterschätzte Schönheit an der Nebenseite des Karlheinz-Stockhausen-Platzes, damals Marktfeld, mit dem prachtvollen Schmuckfenster der beiden Glasbildner Hans und Fritz Hans Lauten (Vater und Sohn) als Hingucker, mit farbigen Glasbausteinen und klassischem Treppenaufgang. So was Feines wird heute nicht mehr gebaut.

Die Dörfer brauchen ein Rathaus

Als die Gemeindeväter zu Anfang der 1950er-Jahre und wohl schon vor Kriegsbeginn 1939 erkannten, dass ihnen ein ordentliches Rathaus fehlt, sollte zuerst woanders gebaut werden. Am Ortsausgang an der Ahlenbachermühle war eine geeignete Fläche in den Blick geraten, und mit der Deutschen Post, der Polizei und auch der Kreissparkasse Köln als Partnern wäre wohl ein modernes Gemeindezentrum entstanden. Die Parzelle lag im Amt Olpe, fürs Rathaus sollte sie ins Kürtener Amt eingemeindet werden. Aber es kam anders. Das lassen die von Gemeindearchivarin Ute Ströbel-Dettmer bestens gehüteten Unterlagen erkennen.

Ein Glasfenster

Im Saal des Bürgerhauses hat...

Ein Kauf des in Kirchenbesitz liegenden Grundstücks gelang der Kommune nicht, vorher sprangen die Projektpartner ab. Diese Partner hätten wohl auch die Finanzierung des Rathausbaus zu großen Teilen mitübernehmen sollen. Die Standortfrage schien seinerzeit aber nicht unumstritten zu sein. Berichtet wird von heftigen Diskussionen unter den Politikern, auch in der Bevölkerung wird darüber gestritten worden sein. Die Entscheidung zum Standort prägt bis heute das Leben in Kürten. Alles ist gerichtet zum Rathaus und zum Bürgerhaus am Karlheinz-Stockhausen-Platz, früher als Marktfeld bekannt.

Ein Pferd im Glasfenster

dieses fünfteilige Glaskunstwerk ...

Mitte der 50er fielen die Würfel in diese Richtung. Abrupt ist 1955 in den Dokumenten von einer Parzelle am Hülsensteeger Weg die Rede, das ist der spätere Bauplatz. Eine Einigung kam trotz mancher politischer Debatten schnell in Sicht, für etwas mehr als 10.000 D-Mark kaufte die Amtsgemeinde das Grundstück. Die Kreissparkasse behielt hingegen ihre erste Grundstückswahl bei und baute einige Zeit später ihre Zweigstelle im Umfeld der Ahlenbachermühle. Ein bergischer Bauunternehmer aus dem Nachbarort Bensberg-Dürscheid, der spätere Bürgermeister Hubert Josten von der CDU, sprang, so schildern es die Dokumente, auf den Zug auf und errichtete benachbart zur Kreissparkasse erfolgreich Mehrfamilienhäuser. Das Amt Kürten baute dann am Marktfeld, und zwar das Rathaus, die Empfangshalle und die Dienstwohnung des Gemeindedirektors.

Ein Schweif im Glasfenster

aus der Werkstatt von Hans und ...

Vom historisch ersten Rathaus der Amtsgemeinde, dem Schieferhaus auf den Höhen der Bergstraße, verabschiedeten sich die Bediensteten nach 64 Jahren. Dieses Haus war 1893 unter Bürgermeister Kalkbrenner entstanden. Zuletzt arbeiteten 29 Beamte dort, das Bauamt musste schon damals aus Platzgründen in eine Baracke ausweichen. Es sind ja Geschwister, das große Kürtener Panoramafenster und der Bauer mit seinem Pflug. Heute sind die Kunstwerke aus der Kürtener Werkstatt von Hans und Fritz Hans Lauten getrennt, das Bauern-Bild ist in den Saal des Bürgerhauses umgezogen. Aber in den ersten Jahren nach der Einweihung war auch das Glaskunstwerk mit dem Bauern, der den Pflug mit seinem Sohn zieht und von Frau und Tochter ein Brot gereicht bekommt, im Rathaus untergebracht, im damaligen Sitzungszimmer. Es entstand in der Werkstatt der Lautens, ebenso wie das herausragende Bildnis an der Vorderseite des Hauses. Die Sülz zieht sich wie eine blaue Schlange durch das Werk, und an den Biegungen des Flüsschens sind die Kirchen von Kürten, Bechen, Olpe und Wipperfeld zu erkennen; der Ort Wipperfeld war damals noch ein Teil der Gemeinde. Werkzeuge der Handwerker und Ortstypisches schmücken das Bild, das die beiden Glasbildner gemeinsam Verwaltung und Politik vorstellten. Fritz Hans Lauten war damals 20 Jahre alt und stand am Anfang seiner künstlerischen Karriere. Hat das Werk der Vater oder der Sohn erschaffen? Das ist bislang offen, vieles spricht für eine gemeinsame Arbeit.

Zwei Männer im Glasfenster

Fritz Hans Lauten seinen Platz. Es ...

Aber ganz so reibungslos lief es nicht. Noch im Sommer 1957 debattierten die Politiker über Entwürfe, die beiden Glasbildner wurden höflich aufgefordert, die Silhouetten der Kirchen bitte maßstabgerecht abzubilden. Für beide Fenster zahlte die Verwaltung 4500 D-Mark. Bei der Einweihungsfeier mit Schlüsselübergabe an Gemeindedirektor Opgenoorth im November 1957 fanden die Verantwortlichen viele Worte der Anerkennung. Die Pastöre waren da, Landrat Roesch und die Amtsbürgermeister. „Die einzelnen Räume, die durch die großen Fenster und den hellen Anstrich licht und sonnig wirken, bieten den Beamten und Angestellten die Möglichkeit, konzentriert zu arbeiten“, schreibt die „Bergische Landeszeitung“.

Zwei Frauen im Glasfenster

entstand 1957.

Im Erdgeschoss waren Kasse, Bauamt, Ordnungsamt und Fürsorgeamt untergebracht, im ersten Geschoss Steuerabteilung, Standesamt, Finanzabteilung, Sozialamt, die Büros des Hauptgemeindebeamten und des Büroleiters sowie das Vorzimmer. Der repräsentativste Raum aber war der Sitzungssaal mit dem Buntglasfenster des Bauern. Stolz waren sie in Kürten auf ihr neues Rathaus, das sich auf seiner Durchreise zu einer Rede in Wipperfürth auch kurz Bundeskanzler Konrad Adenauer anschaute. Das war am 1. Mai 1958, ein halbes Jahr nach der Fertigstellung. Aus Zeitgründen blieb der Kanzler auf dem Platz vor dem Marktfeld, eine Besichtigung fiel aus.

Für 1957 war das Rathaus jedenfalls vorbildhaft: Decken und Treppenhaus waren mit Stuckputz ausgestattet, für andere Bereiche war weißer Edelputz verwendet worden. Das Haus bekam eine moderne Ölheizung, eine Haustelefonanlage und auch eine Elektrouhr. Trittschall schützte die Fußböden. Natürlich, das liebe Geld. Das war schon in den 1950er-Jahren eine entscheidende Sache. Kürten war damals auch nicht reich, große Sprünge waren nicht drin. Es gab auch ein Budget für den Rathausbau, von der Politik freigegeben. Das waren 400.000 D-Mark. Als der Verwaltungsdirektor Opgenoorth in den Wochen nach der Einweihung auf die Ausgaben schaute, erschrak er offenbar. Der verantwortliche Planer hatte die Ausgaben ziemlich eindeutig überschritten. Was folgte, war für die Kürtener recht unangenehm. Die Kreisverwaltung trat in Aktion und eröffnete einen Untersuchungsausschuss.

Harsche Kritik vom Kreis

Das ist in den Akten der Archivarin auch nachzulesen. Wie ein Kriminalfall liest sich dies teilweise, die mit Blaupause kopierten Dokumente sprechen eine deutliche Sprache. Eine korrekte Ausschreibung wäre wohl erforderlich gewesen, aber sie unterblieb in einigen Gewerken. Manches wurde wohl auch ohne Ausschreibung an Firmen vergeben. Die Prüfer des Kreises griffen zu harten Worten, nicht nur wegen der Finanzen. 398.000 D-Mark schlugen am Ende zu Buche, allerdings ohne rund 30.000 D-Mark für die Inneneinrichtung des Rathauses.

Anfangs sollte das Projekt nur 220.000 D-Mark kosten, die Kosten hatten sich verdoppelt. Nein, wie die Kürtener ihr erstes Rathaus geplant hatten, das konnten die Prüfer der Kreisverwaltung aus Bergisch Gladbach nicht durchgehen lassen. „Weißes (Rat-)Haus mit schwarzem Hintergrund“, titelte die „Bergische Landeszeitung“ ironisch. Die Kreiskommission hielt sogar strafrechtliche Verfahren für nicht ausgeschlossen. Es sei aus Behördensicht undenkbar, dass ein derart umfangreiches Projekt so schlecht vorgeplant worden sei. Zwölf Tage waren die Prüfer im Rathaus und studierten die Akten.

Wenigstens stellten die Prüfer auch fest, dass das Rathaus seiner Größe nach zu einer Gemeinde wie Kürten passe, die Ausführung habe im üblichen Rahmen gelegen. Bei der Einweihung im Herbst 1957 war von alledem noch keine Rede. Aber noch lange nach dem Umzug blieb die Finanzfrage das beherrschende Thema im Ort.