Die Anklage ist sich sicher, dass Tino W. vor 22 Jahren in Bad Driburg von einem Nachbarn aus Habgier getötet wurde.
22 Jahre alter Cold CaseStaatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft für Mann aus Kürten

Mord aus Habgier? Seit sechs Monaten untersucht das Schwurgericht in Paderborn einen 22 Jahre zurückliegenden Fall.
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Ein Mann wird brutal getötet, seine Börse verschwindet, der Täter legt falsche Spuren, um nicht entdeckt zu werden. Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Tino W. wurde aus Habgier ermordet, von einem Nachbarn – für den 57-Jährigen aus Kürten fordert jetzt die Anklägerin eine lebenslängliche Haftstrafe.
Fast sechs Monate hat der Prozess am Schwurgericht in Paderborn im Cold Case um den Tod von Tino W. (29) bisher gedauert. 22 und ein halbes Jahr liegt die Tat zurück, die damals im November 2003 Bad Driburg erschüttert hat und die Familie des Getöteten bis heute nicht ruhen lässt, ebenso wenig die Mord-Ermittler.
Staatsanwaltschaft plädiert auf lebenslange Haftstrafe
Die Frage, ob der Mann, der nach neuen Ermittlungen und Auswertungen alter DNA-Spuren vor Jahresfrist als Tatverdächtiger verhaftet wurde, auch tatsächlich der Täter ist, hat Staatsanwältin Kathrin Lohmeier jetzt in ihrem Plädoyer mit „Ja“ beantwortet. Der 57-jährige damalige Nachbar, der seit vielen Jahren in Kürten lebt, habe W. aus Habgier umgebracht – womit der Tatbestand des Mordes erfüllt sei. Dafür kennt das Strafgesetzbuch nur eine Strafe: lebenslängliche Haft.
In einer dezidiert vorgetragenen Indizienkette führte Lohmeier aus, weshalb sie den 57-Jährigen als Täter betrachtet. Der Zeitpunkt, zu dem das unerwartete Verschwinden Tino W.s dessen Arbeitgeber und Freunde beunruhigte, und die Beobachtungen ihm nahe stehender Personen bei der Nachschau in W.s Wohnung stünden in absolutem Widerspruch zu einer ersten polizeilichen Aussage des Angeklagten am Tag, an dem abends W.s Leiche in dessen Badezimmer gefunden wurde: Dass der heute 57-Jährige den Kellner mit seinem Opel Astra und einem Koffer zu einem Kurzurlaub habe aufbrechen sehen.
Die Legende vom Kurzurlaub
W.s Wohnung sei nicht in dem aufgeräumten Zustand gewesen, in dem er sie hinterlassen hätte, wenn er verreist wäre, sagte die Staatsanwältin. Auch die Haustiere, denen stets Tino W.s besondere Aufmerksamkeit gegolten habe, seien nicht versorgt gewesen. Für den ermittelten Todeszeitpunkt am 11. November 2003 am frühen Nachmittag habe ein anderer, ehemaliger Tatverdächtiger, der mittlerweile verstorben sei, ein lückenloses Alibi, wie die Beweisaufnahme ergeben habe.
Dass gegen jenen ehemaligen Lebensgefährten des homosexuellen W. überhaupt ermittelt worden sei, habe der 57-Jährige durch seine Aussage ausgelöst: „Der gesamte Tatverdacht gegen ihn beruht auf einer Lüge des Angeklagten.“ Nur der Täter, so Lohmeier, „konnte ein Interesse an der Legende vom Kurzurlaub haben“ – um falsche Fährten zu legen und um von sich abzulenken.
Der Angeklagte sei „notorisch klamm“ gewesen
Für einen geplanten Kurzurlaub von Tino W. gebe es keine Hinweise, im Gegenteil: Sein Reisekoffer sei in der Wohnung gefunden worden, das Auto sei umgeparkt worden, etwa einen Kilometer weiter. „Wir haben es mit einem erfahrenen und guten Lügner zu tun, der die Polizei jahrelang auf falsche Spuren geführt hat“, folgerte die Staatsanwältin auch mit Blick auf die Erklärungen des Kürteners seinerzeit, die den Besitz von „wahnsinnig vielen kleinen Scheinen“ erkläre – Geldscheine in 5er und 10er Stückelung, wie sie beim Angeklagten kurz nach dem Tod Tino W.s gesehen worden seien und die dieser behauptetet, von seiner Mutter bekommen zu haben.
Habgier führt Lohmeier als Tatmotiv an, „es gibt keine andere plausible Erklärung.“ Der 57-Jährige sei „notorisch klamm“ gewesen, habe seiner Lebensgefährtin nur vorgespielt, einer geregelten Arbeit nachzugehen, während er tatsächlich keinerlei Einkünfte gehabt habe. Tatsächlich habe er aber zum Tatzeitpunkt etliche finanzielle Verpflichtungen gehabt, von Kontopfändungen und Gerichtsvollzieherbesuchen hätten seine früheren Partnerinnen berichtet.
Die Verteidigung kommt am 13. Mai zu Wort
Der Täter, der Tino W. getötet habe, sei ausschließlich auf Bargeld aus gewesen: Und der Kürtener habe gewusst, dass dieser welches in seiner Kellnerbörse aufbewahre. Dass an der Leiche Tino W.s noch Schmuck gefunden wurde, sei leicht zu erklären: „Der war nicht besonders wertvoll, und man muss ihn auch erstmal los werden.“ Das gelinge höchstens erfahrenen Kriminellen mit Verbindungen zu Hehlern.
Die DNA-Spuren des Angeklagten, die letztlich seine Täterschaft bewiesen, seien jene, die an der Kleidung der Leiche und im Auto an Lenkrad und Handbremse gefunden wurden – die am Ärmel seien eindeutig, die im Auto laut Gutachter „viel zu gut für eine indirekte Übertragung“ und an Stellen, die der Angeklagte zwangsläufig habe anfassen müssen, um das Auto zu fahren, „mit dem er sonst niemals auf legalem Wege in Kontakt gekommen wäre.“
Die Verteidiger Jann Henrik Popkes und Tim Hoffmann werden am 13. Mai plädieren. das Urteil soll am 20. Mai verkündet werden.
