Rhein-BergViel Interesse an Berufsausbildung, aber noch wenig Verträge

Im Kfz-Bereich wurden bislang mehr neue Ausbildungsverträge unterschrieben als letztes Jahr um diese Zeit.
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Viel Interesse, aber noch wenig KonkretesMäßige Zwischenbilanz von Arbeitsagentur, Handwerk und IHK vor dem Start des neuen AusbildungsjahresAngela HilsmannRhein-Berg Sehr viele Jugendliche mit Interesse an einer Berufsausbildung und gleichzeitig immer weniger angebotene Ausbildungsstellen bei den Unternehmen in der Region. So lässt sich die Halbjahresbilanz auf dem Ausbildungsmarkt von Agentur für Arbeit, Kreishandwerkerschaft und Industrie- und Handelskammer knapp zusammenfassen.
„Seit Jahren rühren wir die Werbetrommel für die duale Ausbildung, umso erfreulicher ist es, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle so stark gestiegen ist“, freute sich gestern Nicole Jordy, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach – einerseits. Zu ihrem Bereich gehört neben dem Rheinisch-Bergischen und dem Oberbergischen Kreis auch Leverkusen. Bislang meldeten sich aus den drei Regionen bei der Agentur 3648 junge Leute auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz für dieses Jahr – 17,3 Prozent mehr als zum Vorjahresstichtag.
Seit Jahren rühren wir die Werbetrommel für die duale Ausbildung, umso erfreulicher ist es, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle so stark gestiegen ist
Das große „Aber“ folgte jedoch auf dem Fuße: Die Zahl freier Ausbildungsplätze, die Unternehmen bislang bei der Agentur gemeldet haben, ist nur etwas mehr als halb so groß wie die Zahl der interessierten jungen Leute. Mit 2283 Berufsausbildungsplätzen sank die Zahl der angebotenen Lehrstellen um 712 oder fast 24 Prozent. Allerdings sind Unternehmen nicht dazu verpflichtet, freie Lehrstellen bei der Agentur zu melden. Zudem trübt eine interne Umstellung der Agentur-Statistik das Bild, eigentlich müssen noch rund 140 hinzugerechnet werden.
Dennoch: „Wir müssen leider feststellen, dass sich die Entwicklung des letzten Jahres weiter fortgesetzt hat“, fasste Jordy zusammen. Ihr Fazit: „Dieses Missverhältnis kann einem Sorge bereiten.“ Seit vielen Jahren war der Unterschied von Angebot und Nachfrage nicht so eklatant wie heute.
Die meisten Ausbildungsangebote kommen aus dem Handel
Unterschiede gibt es zudem bei den angebotenen und nachgefragten Berufen: Die meisten Ausbildungsangebote kommen aus dem Handel. Gesucht werden Einzelhandelskaufleute, Verkäufer und Handelsfachwirte, es folgen zahnmedizinische und medizinische Fachangestellte, erst auf dem sechsten Platz Kfz-Mechatroniker. Genau dieser Beruf steht jedoch bei den jungen Leuten als erstes auf der Wunschliste, gefolgt von Kaufleuten für Büromanagement, Fachinformatiker, Anlagenmechaniker, Verkäufer und medizinischen Fachangestellten.
Auch die Kölner Industrie- und Handelskammer (IHK) und das Handwerk waren mit den Halbjahresergebnissen, die sie gestern präsentierten, nicht zufrieden. Wie Nicole Jordy so warnten auch Johannes Juszczak, Leiter Vertragsmanagement und Bildungshotline der IHK Köln, und Marucs Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land, vor einem drohenden Fachkräftemangel.
Der Ausbildungsmarkt in Rhein-Berg in Zahlen
586 freie Ausbildungsstellen wurden der Agentur für Arbeit bislang gemeldet. Das sind 142 oder 19,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Aktuell sind 406 noch unbesetzt. 1240 junge Leute meldeten sich für die Ausbildungsplatzsuche. Das sind 181 oder 17,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon haben 558 schon im vergangenen Jahr einen Ausbildungsplatz gesucht. Aktuell sind noch 808 Bewerbende auf der Suche. In Rhein-Berg, Oberberg und Leverkusen zusammen meldet das Handwerk 131 neu vereinbarte Ausbildungsverhältnisse für das neue Ausbildungsjahr ab Spätsommer, 15,6 Prozent mehr als im März 2025. 102 neue Ausbildungsverträge für das Ausbildungsjahr ab Spätsommer registrierte die IHK bislang – drei Verträge mehr als im Vorjahr. Kontakt: passgenau@koeln.ihk.de
Auch wenn im Handwerk mehr neue Ausbildungsverträge unterschrieben wurden als letztes Jahr um diese Zeit (s. Kasten), könne das nicht über die schwierige wirtschaftliche Situation vieler Betriebe hinwegtäuschen. „Auch im Handwerk erleben wir seit 15 Jahren erstmals wieder Kurzarbeit und Insolvenzen“, so Otto zu der auch hier angespannten Lage. Hinzu komme der demografische Wandel, ältere Mitarbeitende und Firmenleiter gingen in nächster Zeit in den Ruhestand. Dass nicht mehr ausgebildet werde, liege auch an der wirtschaftlichen Stagnation. Die Hoffnungen liegen nun auf positiven Effekten durch Bauturbo und Baurechtsreform. Gute Nachrichten hatte er aus dem Bereich Elektro, Kfz und Sanitär, Heizung und Klimatechnik, wo deutlich mehr neue Verträge abgeschlossen wurden. Sein Wunsch: „Mehr Offenheit am Gymnasium, nach dem Abi eine Ausbildung im Handwerk zu absolvieren.“
Wie Otto so setzt auch die IHK auf die verbleibenden Monate bis zum Start des neuen Ausbildungsjahres. Zahlen aus Zeiten vor Corona, als im IHK-Bezirk jedes Jahr rund 8500 junge Leute eine Ausbildung starteten, werden auch dann freilich kaum zu erreichen sein. Ähnlich wie bereits im März ist im Sommer auf der Kölner Galopprennbahn eine Aktion geplant, um Jugendliche und Betriebe mit noch freien Lehrstellen zusammenzubringen. Gute Nachrichten hatte Juszczak für ausbildungswillige Betriebe: Unternehmen, die ausbilden möchten, aber noch nicht entsprechend zertifiziert sind, können trotzdem schon in die Ausbildung starten. Die bestandene AEVO-Prüfung können sie dann bis zu zwölf Monate später nachreichen.
