SPD und CDU wollen sich um ein zweites Frauenhaus bemühen, denn das einzige im Kreis hat nur neun Plätze und muss regemäßig Frauen ablehnen.
„Zu wenig Plätze“Rhein-Berg wartet auf ein zweites Frauenhaus

Ein zweites Frauenhaus will die Schwarz-Rote Koalition im Rheinisch-Bergischen Kreis etablieren.
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Körperliche, seelische und sexuelle Gewalt, meist ausgehend vom männlichen Partner, treibt Frauen und Kinder in Frauenhäuser. Im vergangenen Jahr fanden allein 41 Frauen und 21 Kinder Schutz im einzigen Frauenhaus des Rheinisch-Bergischen Kreises. Und dass, obwohl es vor Ort nur neun Plätze gibt.
Abhilfe soll ein zweites Frauenhaus schaffen – das haben sich zumindest die SPD und CDU in Rhein-Berg auf die Fahne und in den Koalitionsvertrag geschrieben. „Es sind Gespräche darüber mit der Politik geplant“, sagt die Leiterin des Frauenhauses, Ruth Bernhardt. Eine Einschätzung, wie realistisch die Etablierung eines zweiten Frauenhauses sei, könne sie aktuell jedoch noch nicht geben. Aber: „Es würde sehr helfen, wir haben einfach zu wenig Plätze.“
Auch im vergangenen Jahr „viele Frauen“ abgelehnt
2024 hatte Bernhardt mitgeteilt, dass das Frauenhaus in dem Jahr 104 Ablehnungen aufgrund fehlender Aufnahmemöglichkeiten aussprechen musste (wir berichteten). „Auch vergangenes Jahr mussten wir wieder viele Frauen ablehnen“, sagt sie nun.
Einer der Gründe dafür ist laut der Leiterin der Wohnungsmarkt. Weil die Frauen, die eigentlich keine Betreuung mehr benötigten, keine eigene Wohnung fänden, blieben die Plätze länger blockiert. Nach Angaben des Jahresberichts des Vereins Frauen stärken Frauen, zu dem das Frauenhaus gehört, variierte die Aufenthaltsdauer der Bewohnerinnen zwischen einer Woche und einem Jahr.
Gewalthilfegesetz greift erst am 2032
Zentrales Thema des Frauenhauses sei im vergangenen Jahr außerdem die Aufnahme einer Frau gewesen, deren Aufenthalt aus rechtlichen Gründen nicht refinanziert werden konnte. Sechs Monate lang habe das Frauenhaus sämtliche Kosten für den Lebensunterhalt der Frau tragen müssen ebenso wie für notwendige größere Anschaffungen. „Diese Erfahrung machte deutlich, wie schnell Frauenhäuser in existenzielle Schwierigkeiten geraten können, wenn Schutz nicht eindeutig rechtlich abgesichert und finanziert ist“, heißt es dazu im Jahresbericht.
„Die Ausgaben konnten wir dank Spenden decken“, erklärt Bernhardt auf Nachfrage. Mittlerweile sei die Finanzierung rückwirkend genehmigt worden. „Diese Situation hat uns die Bedeutung“ des „Gewalthilfegesetzes nochmals eindrücklich vor Augen geführt“, teilt der Verein dazu mit. Der in diesem festgehaltene individuelle Rechtsanspruch der Frauen auf Schutz (siehe „Das Gewalthilfegesetz“) greife jedoch erst ab 2032. Aber schon jetzt brauche es „dringend verlässliche und zeitnahe Lösungen für betroffene Frauen“.
Auch in der Mädchenberatungsstelle wächst die Nachfrage
Bis das Gesetzt in Kraft trete, handele es sich um „eine zu lange Leidenszeit für alle Betroffenen, die auf Unterstützung warten“, teilt Magdalene Holthausen, Leiterin der Mädchenberatungsstelle von Frauen Stärken Frauen, im Jahresbericht mit. Grundsätzlich bewertet sie das Gewalthilfegesetz als einen „Meilenstein“. Trotzdem bleibe die Skepsis bezüglich des Zeitplans bestehen.
Auch in der Mädchenberatungsstelle wächst die Nachfrage, im vergangenen Jahr hatten 483 Mädchen und 88 Vertrauenspersonen zu der Stelle Kontakt. 58 junge Frauen davon nahmen laut Jahresbericht das Beratungsangebot in Anspruch. 68 Prozent der Mädchen, die beraten wurden, seien 17 Jahre alt oder jünger gewesen. Zum ersten Mal habe es drei Beratungsanfragen von Mädchen unter zwölf Jahren gegeben. Im Vergleich zu den Vorjahren seien die Themen familiäre Probleme, psychische Belastungen und jede Form von Gewalt am häufigsten in den Beratungen angesprochen worden. Neu sei auch, dass Mädchen in Beratungen über suizidale Gedanken sprachen und suizidale Absichten äußerten. Dazu, wie es zu dieser Entwicklung kam, könne der Verein keine Aussage machen.
Viele Frauen suchten sich bei der Frauenberatungsstelle Hilfe
In der Frauenberatungsstelle des Kreises gab es im vergangenen Jahr 789 Beratungsgespräche mit 422 Frauen und 26 Vertrauenspersonen von Frauen. „Wie im Vorjahr sind diese Zahlen gleichbleibend hoch“, heißt es im Jahresbericht dazu. Die Hälfte aller Anfragen kamen von Frauen im Alter zwischen 26 und 40 Jahren. Die Frauen „fühlen sich alleingelassen, überfordert, machtlos, sind zusätzlich mit Gewalt konfrontiert und wissen nicht mehr weiter.“ Scham und Schuldgefühle setzten ihnen zusätzlich zu.
„In unseren Einrichtungen erleben wir täglich das Ausmaß von Männergewalt gegen Frauen und Mädchen“, teilt Holthausen im Bericht mit. Ihnen davor Schutz zu bieten, das will der Verein Frauen stärken Frauen auch in diesem Jahr wieder bewältigen.


