Orgelmusik. Der Vorhang in der Aula des Rösrather Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums öffnet sich. Auf der Bühne eine Kapelle, auf dem Altar eine Urne. Ein Mann schreitet durch den Mittelgang. Für eine Beerdigung wirkt er erstaunlich gut gelaunt. Der Gründer, Chef und Patriarch von „Feinwäsche Steinfels“ ist tot. Die Theatergruppe „Bühne-11-hundert“ hat die Aula als Proberaum bezogen. Am Freitag, dem 13. November, um 20 Uhr ist Premiere.
Ein Nachfolger will sich empfehlen
Der Mann im Mittelgang heißt Horst Bohne und wird von Jürgen Steinbach gespielt. Auf der Bühne ist er der stellvertretende Geschäftsführer der Traditionsfirma. Sein Chef, Gernot Steinfels, hat mit 94 Jahren das Zeitliche gesegnet. Bohne sieht seine Chance: Die Trauerfeier soll würdevoll sein und ihn als logischen Nachfolger ins Spiel bringen.
Streit um die Kranzschleife
Doch die Würde hält keine fünf Minuten. Sie scheitert an einem Stück Stoff. Auf der Kranzschleife, die Bohne im Namen der Firma bestellt hat, steht in goldenen Lettern: „In tiefer Trauer – Die Mitarbeiter“. Vier Wörter. Ein Satz, wie er auf deutschen Friedhöfen tausendfach zu lesen ist. Doch bei „Feinwäsche Steinfels“ zündet er wie ein Funke im Pulverfass. Wo bleiben die Mitarbeiterinnen? Sind sie nur mitgemeint? Oder zeigt der Text genau das männlich dominierte Denken, das in modernen Unternehmen längst passé sein sollte?
Von „Extrawurst“ zu „Kalter weißer Mann“
Das Stück heißt „Kalter weißer Mann“. Geschrieben haben es Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, bekannt durch ihren Erfolg „Extrawurst“. Damals löste eine Geflügelwurst auf dem Grill eines Tennisclubs eine Integrationsdebatte aus. Das Prinzip bleibt: Ein winziger Anlass legt die großen Bruchlinien der Gesellschaft offen.
Wildes Wortgefecht
Unter der Regie von Dennis Satin wird die Aula zum Schauplatz eines Wortgefechts, bei dem bald niemand mehr weiß, warum man sich eigentlich versammelt hat. Da ist die selbstbewusste Marketing-Leiterin Alina Bergreiter (Ariane Zimmermann), die das Unternehmen ins 21. Jahrhundert führen will. Da ist der junge Social-Media-Experte Kevin Packert (Niclas Heim), der genau weiß, wie schnell ein unbedachtes Wort im Internet zum Shitstorm wird.
Die Figuren prallen aufeinander
Auf der anderen Seite steht die langjährige Sekretärin Rieke Schneider (Sandra Merz-Schubert), die mit den neuen Sprachregeln wenig anfangen kann. Und mittendrin, lautstark und meinungsstark, die Praktikantin Kim (Chiara Heider). Berufserfahrung hat sie kaum, dafür umso festere Ansichten darüber, was man heute noch sagen darf.
Horst Bohne, gespielt von Jürgen Steinbach, rudert verzweifelt mit den Armen. Er will nur seine Ruhe, eine ordentliche Beerdigung und den Chefposten. Doch er tappt in jede sprachliche Falle, die das moderne Vokabular bereithält. Jeder Versuch, die Wogen zu glätten, scheitert. Wer sich entschuldigt, macht sich verdächtig; wer schweigt, erst recht. Sogar Pfarrer Koch (Thomas Zimmermann), eigentlich für den ewigen Frieden zuständig, gerät zwischen die Fronten. Er merkt: Tote lassen sich leichter unter die Erde bringen als Lebende zur Vernunft.
Ausgewogen und ohne erhobenen Zeigefinger
Die Stärke des Stücks liegt in seiner Ausgewogenheit. Die Autoren ergreifen keine Partei. In „Kalter weißer Mann“ bekommt jeder sein Fett weg. Das Publikum darf sich auf Dialoge freuen, die im Sekundentakt zünden. Man lacht über die Figuren und vielleicht auch über sich selbst. Denn die Sätze hat man so oder ähnlich schon am eigenen Küchentisch oder in der Büroküche gehört.
Dennis Satin verzichtet in seiner Inszenierung auf den erhobenen Zeigefinger. Das Theater ist keine Volkshochschule. Die Komödie stellt keine Diagnosen, sie zeigt Symptome: Wie viel Rücksicht braucht eine Gesellschaft, und wann wird aus Respekt pure Empfindlichkeit?
Am Ende geht der Anstand verloren
Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: Während die Trauergemeinde erbittert um die richtigen Worte für die Schleife streitet, geht das Wesentliche verloren, der Anstand im Umgang miteinander. Der Patriarch in der Urne hat das Theater hinter sich. Die Lebenden in Rösrath dürfen sich zwei Stunden lang köstlich darüber amüsieren.
Termine und Karten
Termine: 14., 18., 20. November, um 20 Uhr, 15. und 21. November um 18 Uhr. Eintritt 16 Euro, ermäßigt 12 Euro. Die Premiere am 13. November ist bereits ausverkauft. Vorverkauf: Buchhandlung Till Eulenspiegel, Hoffnungsthal Lenßen & Lüghausen, Needles and Pins Handarbeitstreff, Apotheke zur alten Post, Rösrath.

