Die Tiertafel Rhein-Erft ist oft die letzte Rettung für Tierfreunde in Not, sie übernimmt anteilsmäßig auch Kosten für den Tierarzt.
Hilfe für 240 Menschen„Ohne die Bergheimer Tiertafel wäre unsere Aiko schon tot“

Aiko liegt auf einer Matte im Behandlungszimmer der Tiertafel. Tierphysiotherapeutin und Tierheilpraktikerin Martina Neidhard hilft der Hundedame, damit deren Gelenke trotz der Arthrose beweglich bleiben. Herrchen Gerd Stemmeler schaut zu.
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Ihre beiden Hunde Timon und Cora sind für Andrea Schelian ihr Ein und Alles. „Ich würde lieber selber nichts mehr essen, als meine Hunde hungern zu lassen“, sagt die 57-Jährige. Sie hat kaum Geld, sucht derzeit eine Wohnung. „Offiziell bin ich obdachlos.“ Doch in eine kommunale Notunterkunft wolle sie nicht gehen. Dort sind Haustiere nicht erlaubt. Da schlafe sie doch lieber im Freien, weil sie sich von ihren beiden Lieblingen nicht trennen möchte.
Für Andrea Schelian wie für rund 240 andere Menschen, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, ist die Tiertafel Rhein-Erft in Bergheim daher die letzte Rettung. In ihren Räumen an der Hauptstraße gibt die Tafel kostenlos Futter, Zubehör wie Leinen, Körbchen, Spielzeug und Decken aus; zudem übernimmt sie anteilsmäßig auch Kosten für den Tierarzt und Heilbehandlungen. Tiere mit Allergien oder anderen Empfindlichkeiten erhalten sogar das für sie geeignete Spezialfutter.
Ehrenamtler loben Rock für seine Unterstützung an diesem Nachmittag
An diesem Freitagnachmittag (16. Januar) erblickten die 57-Jährige und die übrigen Kundinnen und Kunden unter den Ehrenamtlern einen neuen Helfer: Landrat Frank Rock hatte seinen Bürosessel im nahen Kreishaus in der Kreisstadt des Rhein-Erft-Kreises mit der Tierfutter-Ausgabestelle getauscht.
Andrea Schelian war die Dankbarkeit anzusehen, als ihr der 55-Jährige das Futter und einige Hunde-Leckerchen in ihren roten Anhänger legte, in der Timon und Cora saßen. „Zu wissen, dass meine Hunde in den nächsten Tagen nicht hungern müssen, gibt auch mir ein schönes und sicheres Gefühl“, sagte die Frau.
„Der macht hier einen richtig guten Job“, lobten die Ehrenamtler den CDU-Politiker. An dessen Seite informierte sich auch die für Veterinärangelegenheiten zuständige Dezernentin Marion Groß über die Tiertafel. Und auch sie war voll des Lobes für das große Engagement der Ehrenamtler und das ihres Chefs. Sie schienen nicht müde zu werden, den Kunden kiloweise Hundefutter, Leckerchen, Katzenstreu und Katzenfutter aus den Regalen der weitläufigen Halle zur Ausgabe-Theke zu bringen. „Das macht richtig viel Spaß“, versicherte Frank Rock. Er selbst hält zu Hause in Alt-Hürth einen Border Collie.
Wer Tiere mag und will, dass es ihnen gut geht, der ist bei uns genau richtig
Sein Fazit nach gut zwei Stunden, in denen er und das Tafel-Team rund 100 Kunden bediente: „Hier wird den Menschen mit viel Einsatz und Herz in schwierigen Lebenslagen geholfen.“ Groß ergänzte: „Und der Bedarf steigt.“ Beide wollten an diesem Freitagnachmittag nicht nur mit anpacken, sondern mit dem Termin auch öffentlich für das ehrenamtliche Engagement bei der Tiertafel werben.
Das Team benötigt Unterstützung. „Wer Tiere mag und will, dass es ihnen gutgeht, der ist bei uns genau richtig“, merkte Dagmar Oetken (65) an. Zusammen mit Annette Quadt (68) leitet sie die Tiertafel Rhein-Erft. Beide waren schon dabei, als es die Tiertafel Rhein-Erft in ihrer jetzigen Form noch gar nicht gab, in Bergheim aber schon eine Ausgabestelle für Tierfutter der Tiertafel Deutschland existierte.

Nicole Stemmeler (r.) erklärt Landrat Frank Rock und Ehrenamtlerin Marlene Schmitz, dass ihre Aiko schon alt sei und viele Leckerchen gar nicht mehr richtig essen könne.
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Die Dankbarkeit ihrer Kunden, aber auch das Gefühl, den Menschen und Tieren effizient helfen zu können, ist ihnen bis heute Antrieb und Motor. Sie wissen schließlich genau, dass die Haustiere es schaffen, den Alltag der Menschen aufzuhellen, dem Tag einen Sinn zu geben und trübe Gedanken zu vertreiben. „Wie schlimm muss es sich für die Betroffenen anfühlen, wenn für die Nahrung und Pflege ihrer Tiere kein Geld mehr übrig bleibt?“, fragte Oekten nachdenklich.
Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, aber auch zunehmend die Altersarmut führen dazu, dass das Geld knapp und es dadurch für viele Menschen immer schwerer wird, die Kosten für ihr Tier aufzubringen. „Rentner sind sogar in besonderer Weise betroffen, weil ihnen mit Eintritt ins Rentenalter das Geld für den Unterhalt ihrer Haustiere fehlt, weil ihre Rente zu niedrig ist, die Lebenshaltungskosten dagegen immer weiter steigen“, berichtete Oekten.

Andrea Schelian hatte ein gutes Gefühl, als die Tiertafel verließ. Für die kommenden zwei Wochen hat sie wieder genug Futter für ihre beiden Hunde.
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Auch Nicole und Gerd Stemmeler aus Bergheim wüssten nicht, was sie ohne die Tiertafel tun sollten. „Sie ist unsere Rettung“, sagen sie. Ihre betagte Hundedame Aiko hat Arthrose in den Gelenken. Um die Symptome zu lindern, bekommt ihr Hund in Bergheim jeden Monat eine Spritze und in den Behandlungsräumen Physiotherapie. „Das hilft ihr“, erklärte Nicole Stemmeler. Ihr Mann sei vor zwei Jahren arbeitslos geworden, und von ihrer kleinen Rente sei es nicht möglich, die hohen Behandlungskosten und das Tierfutter für ihre beiden Hunde zu zahlen. Nicole Stemmeler ist sich sicher: „Ohne die Bergheimer Tiertafel wäre unsere Aiko schon tot.“
Die Tiertafel Rhein-Erft finanziert sich zu 100 Prozent aus Spenden. Derzeit wird sie von großen Unternehmen, aber auch von treuen und großzügigen Privatleuten mit Geld und Sachspenden unterstützt. Die Ehrenamtler freuen sich über jede Geld- oder Sachspende.

Die Räume der Tiertafel Rhein-Erft sind groß. Sie bietet auch Futter für alte Tiere und Allergiker.
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Die Kunden der Tiertafel sind gelistet und werden nur gegen die Vorlage ihres Ausweises und eines gültigen Bescheides zum Beispiel zur Altersrente, Grundsicherung oder Bürgergeld, als Kunden aufgenommen. Die Tiertafel Rhein-Erft unterstützt maximal zwei Hunde und zwei Katzen pro Haushalt. Doch vier Haustiere sind schon die absolute Ausnahme. Die meisten der etwa 240 gelisteten Kunden haben ein Tier oder ein weiteres. (mkl)

