Heike Bergmann, 19 Mitarbeitende und zahlreiche Ehrenamtler kümmern sich um mehrere Hundert Hunde, Katzen, Kleintiere sowie verletzte Wildtiere.
TierschutzTierheimleiterin über ihre Arbeit in Bergheim, Sorgen und Tiere in Not

Heike Bergmann sind die Ziegen, Gänse, Schafe und Hühner des Tierheims sehr wichtig. Sie wünscht sich mehr Mitgefühl für sogenannte Nutztiere.
Copyright: Beate Schwarz
Im Tierheim Bergheim kümmern sich 19 Mitarbeitende jedes Jahr um etwa 200 Hunde, 300 Katzen, zahlreiche Kleintiere sowie verletzte und verwaiste Wildtiere. Immer häufiger müssen verwahrloste oder sehr kranke Tiere aufgenommen werden, weil den Haltern das Geld fehlt. Beate Schwarz traf Heike Bergmann, Leiterin des Tierheims, und sprach mit ihr über die Finanzierung, die Anspruchshaltung von Interessenten und den Blick auf Haus- und Nutztiere.
Frau Bergmann, Sie hatten eine kurze Nacht. Was war los?
Heike Bergmann: Wir waren mit einer Katze bis 4 Uhr in der Tierklinik. Das kommt schon mal vor – aber meistens kann ich durchschlafen (lacht). Wenn man im Tierheim arbeitet, muss man flexibel sein und improvisieren können.
Sie arbeiten seit rund 20 Jahren im Tierschutz. Was hat sich in den Tierheimen in dieser Zeit verändert?
Um die Jahrtausendwende galten Tierheime als Elendsorte. Sie hatten den Ruf, dass sie dreckig sind und die Tiere dort eingeschläfert werden. Tierschutzvereine und -aktivisten haben viel verändert. In Belgien können Fundtiere noch immer nach zwei Wochen eingeschläfert werden, in Deutschland nicht. Hier in Bergheim haben wir fast neun Jahre saniert, umstrukturiert, neu gebaut. Und das alles im laufenden Betrieb. Ich denke, dass unser Tierheim ein guter, positiver Ort geworden ist. Das gilt auch für viele andere Heime.
Nach meiner Erinnerung wurden Tiere früher besonders oft vor den Sommerferien ausgesetzt. Ist das noch so?
Zu uns werden das ganze Jahr über Tiere gebracht. Nur im Januar ist es etwas ruhiger.
Warum werden Haustiere gebracht?
Häufig stecken finanzielle Gründe dahinter. Viele Leute wollen oder können die Tierarztkosten nicht bezahlen. Wir sehen häufig Modetiere. Oft sind das Qualzuchten mit großen gesundheitlichen Problemen; das wird schnell teuer. Scottish Fold-Katzen zum Beispiel haben Knorpelveränderungen im gesamten Körper, die große Schmerzen bereiten. Weil sie die Ohren nicht aufstellen können, neigen sie zu Ohrerkrankungen. Britisch Kurzhaar sehen knuffig aus, haben aber oft Herzprobleme. Französische Bulldoggen müssen alle am Gaumensegel operiert werden, damit sie besser atmen können.
Was ist mit Verwahrlosung?
Dass Tiere aus Messie-Haushalten gerettet werden müssen, haben wir immer häufiger. Einige Halter sind psychisch krank. Oder sie legen sich zwei Katzen oder Hunde zu, kastrieren sie nicht und plötzlich haben sie viel mehr Tiere als sie versorgen können. Wir kommen in Wohnungen, in denen wir überall im Kot stehen, Tiere vor Hunger tote Artgenossen gefressen haben. Das nimmt uns sehr mit.
Melden Nachbarn oder Verwandte schlechte Haltung zu selten?
Ja. Viele haben Angst, es sich mit dem Nachbarn zu verderben. Wir raten: lieber anonym melden als schweigen. Die Tiere können sich nicht selbst helfen.
Unterschätzen Tierhalter die Kosten?
Ja, und die Verantwortung! Ich denke, dass nur bei zwei von 100 Hunden, die wir aufnehmen, alles Notwendige getan wurde. Unser Basischeck kostet schon um die 1000 Euro. Dazu gehören allgemeine Untersuchung, Blutabnahme, Giardientest, FIV- und FelV-Test bei Katzen, Vollschutzimpfung, Entwurmen, Transponder sowie die Kastration.
Wie finanzieren Sie Futter, Pflege, Tierärzte und Operationen?
Wir haben Verträge mit einzelnen Kommunen. Wir können aber pro aufgenommenem Tier nur Tagessätze abrechnen, das reicht natürlich nicht. Bei Abgabe eines Tieres nehmen wir eine Schutzgebühr, für einen Hund sind es 500 Euro, für eine Katze 250. Das deckt bei weitem nicht unsere Kosten, wenn ein Tier lange hier war. Viele Interessenten finden die Gebühr zu hoch. Sie vergessen dabei, dass sie ein komplett geimpftes und gechiptes Tier bekommen.
Wie wichtig sind Spenden?
Sehr wichtig. Wenn wir online um Handtücher bitten, bekommen wir sie. Wenn eine Operation sehr teuer ist, bringen viele kleine Spenden das Geld zusammen. Wenn wir Holzhäuser für Kaninchen brauchen, schicken uns Menschen welche. Social Media hilft uns, Tierfreunde zu erreichen.
Ohne Social Media geht nichts mehr, oder?
Das stimmt. Wir erzählen dort Geschichten – von neuen Fundtieren oder glücklichen Vermittlungen. Jeder kann an unserem Alltag teilhaben. Das bindet viele Menschen an das Tierheim.
Wie bringen Sie Tiere und neue Halter zusammen?
Interessenten können auf unserer Website und im Tierheim schauen, welche Tiere zur Vermittlung freigegeben sind. Es ist wichtig, dass sie über die Eigenheiten des Wunschtiers Bescheid wissen. Und wir möchten alle Menschen aus dem Haushalt kennenlernen, auch die Situation zu Hause. Manche Interessenten möchten ein Tier schon beim zweiten Besuch mitnehmen. Das geht nicht. Sie müssen erst eine Beziehung zum Tier aufbauen und wir müssen schauen, ob alles passt. Leider sind viele sehr ungeduldig – in Zeiten des Internets kann man ja sonst auch alles sofort bekommen.
Haben Sie genug ehrenamtliche Helfer?
Man kann nie genug haben! Wir sind sehr froh über unsere tollen Gassigänger, Katzenstreichler und Wäschebeauftragten.
Das Tierheim Bergheim hält einige Ziegen, Hühner, Gänse und Schafe. Warum?
Jedes Tier ist für uns gleich wertvoll. Wir kümmern uns um den verletzten Spatz genauso wie um einen alten Hund. Das Elend der sogenannten Nutztiere wird viel zu wenig gesehen. Auch Tierhalter spalten das ab. Sie tun alles für ihre Katze, blenden aber aus, was wir Rindern, Schafen oder Hühnern antun, um Fleisch essen oder Schuhe aus Leder tragen zu können. Wenn wir mit Menschen täten, was wir Tieren antun, säßen wir im Gefängnis. Im Tierheim haben wir die Ziegen und Hühner auch, um bei den Besuchern etwas anzustoßen.
Häufig sind Kindergartengruppen und Schulklassen zu Gast. Wie reagieren sie auf die Tiere?
Die Kinder streicheln die Hunde und Katzen gern, aber fasziniert sind sie vor allem von den Ziegen und Gänsen. Es ist uns wichtig, Empathie für diese Tiere zu wecken und damit hoffentlich einen bewussten Umgang mit Nahrungsmitteln.
Das Tierheim Bergheim
Das Tierheim Bergheim wird vom Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V. betrieben. Es finanziert sich aus Spenden und Gebühren, etwa bei der Abgabe an neue Halter oder für die Pflege von Tieren, die die Ordnungsämter der Gemeinden oder das Veterinäramt in Obhut nehmen. Auf der Website gibt es Infos, an wen man sich wenden kann, wenn man einen Igel oder Vogel findet, der Hund entlaufen ist oder der Verdacht besteht, dass in der Nachbarschaft Tiere nicht gut behandelt werden. www.tierheim-bergheim.de