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Slotcar-Racing in BrühlEine Runde dauert zwei Sekunden

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Zahlreiche Teilnehmer aus verschiedensten Ländern kamen nach Brühl zu Slotcar-EM.

Brühl – Wenn Michaela und Manfred Seyfarth ins Flugzeug steigen, dann sind die Kleidungsstücke in der Regel akkurat im Handgepäck verstaut. Die restlichen jeweils 23 Kilo Kofferstauraum sind derweil mit einem überdimensionalem Nähkästchen gefüllt, in dessen Schubladen sich unzählige Schrauben, Werkzeugteile, Lötkolben, eine Reifenschleifmaschine, meterweise Kabel, Netzgeräte, Karosserien, Mini-Motoren, Pneus, Pinsel, Öl und Waschbenzin befinden. Seit rund zehn Jahren sind die beiden alle sechs bis acht Wochen beinahe rund um die Welt auf Tour. Denn Michaela Seyfahrt „kann fahren“ und ihr Vater Manfred filigrane Motoren bauen. Eine perfekte Kombination für ein technisch anspruchsvolles Hobby, dem sich in Deutschland nur wenige Liebhaber widmen: dem Slotcar-Racing. Eine Art Carrerabahn-Fahren, nur schneller. Viel schneller.

Denn die ultraleichten Flitzer rasen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometer über die Spur und sind vom ungeübten Auge des Laien kaum wahrzunehmen. Da die Autos fast fliegen, heißen sie auch „Wingcars“ (Flügelautos), ihre Motoren erreichen bis zu 200 000 Umdrehungen. Sie funktionieren über reine Aerodynamik. In unfassbaren zwei (!) Sekunden pro Runde peitschten Michaela Seyfahrt und ihre 32 Mitstreiter aus Schweden, Finnland, der Schweiz, Tschechien, Nordamerika und Brasilien in der vergangenen Woche bei den Slotcar-Europameisterschaften in Brühl die pfeilschnellen Boliden via Impulskontrolle am Handsteuergerät über die 47 Meter lange „Blueking-Bahn“ von Metallbaumeister Peter Fröbel. Sogenannt, weil auch King Elvis einst eine solche Bahn besessen haben soll. Die Rennstrecke befindet sich in einer unscheinbaren Halle auf dem Gelände der Metallbaufirma Fröbel im Brühler Osten – und kann samt angeschlossener Bar auch von Privat- oder Geschäftsleuten gemietet werden. Ihr Layout ist international genormt: Sie beginnt mit einer relativ leicht zu meisternden Steilkurve, die in den kniffligen „Dead Man“ übergeht. Es folgen so klingende Namen und Schikanen wie „Finger“, „Ninety“, „Donut“ und „Top Turn“: Längsgeraden plus Rechts- und Linkskurven mit unterschiedlichen Neigungswinkeln, Radien und Schwierigkeitsstufen.

Die kleinen, ultraleichten Flitzer (50 Gramm inklusive Alufahrwerk und Motor, Maßstab 1:24) beschleunigen von 0 auf 100 in 0,3 Sekunden. Würde man ihre Geschwindigkeit in Relation zu echten Autos hochrechnen, dann würden sie über 2000 Stundenkilometer schnell fahren. So schnell sind sonst nur Düsenjäger.

Doch wie kontrolliert man Wagen, die man kaum sieht? Für die Elite der Slotcar-Piloten kein Problem. „Das ist reine Übungssache“, erklärt Michaela. „Irgendwann sieht man, wer vor, wer neben oder hinter einem ist“. Dazu bedarf es blitzschneller Auffassungsgabe, einer guten Tagesform und einer exzellenten Rennübersicht. Denn ansonsten passieren zu viele Unfälle. Und jeder Crash kostet Zeit. Auch Rennleiter Atte Hietalahti aus Finnland im komfortablen Rennsessel auf der Empore hat das rasante Geschehen jeden Sekundenbruchteil felsenfest im Blick. Die acht Streckenposten müssen ebenfalls auf Zack sein: Fliegen die Fahrzeuge aus der Spur, müssen sie blitzschnell wieder eingesetzt werden, denn der Strom bleibt „drauf“. Es sei denn, ein Wagen landet im Innenbereich der „Achterbahn“, dann stoppt das Rennen vorübergehend, bis alles wieder an seinem Platz ist.

Achtmal vier Minuten dauert ein Rennen. Nach jedem Turn ist Spurwechsel. Von der Außen- bis zur Innenbahn muss jeder Wagen jede Spur einmal fahren. Dazwischen gibt es eine Pause von drei Minuten. Dann wird die Strecke mit Tüchern, Pinseln und voroxidiertem Öl, dem sogenannten „Glue“ präpariert. Das sorgt für den klebrigen Grip auf der Strecke, also die nötige „Bodenhaftung“. Während Papa Manfred an der „Formel 1“-Box am benachbarten Tisch die Ersatzreifen schleift, ist Michaela hochkonzentriert am Werk. Sie hat sich ihren Platz in der internationalen Spitzenklasse des männlich dominierten Rennsports hart erarbeitet. „Die Kleine soll uns mal vorbeilassen“, hieß es früher auch schon mal. „Heute wissen die Jungs genau, wen sie vor sich haben“, ist Michaela Seyfahrt mächtig stolz.

Apropos vorbeilassen: Michaela Seyfahrt sicherte sich in Brühl ihren ersten Europameister-Titel in der Klasse G 12. Und auch in den schnelleren Kategorien, wie den „OMO“ (One Motor Open“), machte sie sich inmitten all der routinierten, preisgekrönten Welt- und Europameister hervorragend. Ruhm, Ehre und Anerkennung der Kollegen sind natürlich toll, findet Michaela. Das Wichtigste aber ist für die 21-jährige Studentin des Bankwesens aus Heilbronn, ein Hobby gefunden zu haben, das Vater und Tochter gemeinsam ausüben können.

www.bluekingclub.de/