Abo

„Mein Lieblingsplatz“Darum prägte der Freiheitsring in Frechen das Leben von Martin Bock

4 min
Auf dem Bild ist ein Mann im T-Shirt zu sehen, er umarmt eine keramische Bärenskulptur.

Der Freiheitsring in Frechen und seine anliegenden Gebäude haben eine besondere Bedeutung für Martin Bock.

Persönliche Erinnerungen und die Familienhistorie verbinden den ehemaligen Vorsitzenden des Frechener Geschichtsverein mit der Straße.

Die Geschichte Frechens steht für Martin Bock schon immer im Mittelpunkt: 25 Jahre lang war er Geschäftsführer und später Vorsitzender des Frechener Geschichtsvereins, zudem ist er dort Ehrenmitglied. Und auch die Wahl seines Lieblingsplatzes in der Töpferstadt führt in die Vergangenheit – allerdings in ganz persönliche Erinnerungen und eine bewegte Familienhistorie.

Der 1981 in Frechen Geborene nennt dabei sogar eine ganze Straße als seinen Favoriten: den Freiheitsring. Der geschichtsträchtige Straßenzug hat für Bock eine ganz besondere Bedeutung: „Ohne ihn würde es mich wahrscheinlich gar nicht geben“, erzählt er schmunzelnd.

Frechen: Vorzeigeprojekt der Weimarer Republik

Der Hintergrund: Der Freiheitsring wurde als Hindenburgring in den Jahren von 1928 bis 1931 unter Bürgermeister Dr. Peter Toll angelegt. Bei der Wohnbebauung handelt es sich um sehr frühe Beispiele des sozialen Wohnungsbaus in Deutschland. Für das Vorzeigeprojekt der Weimarer Republik wurde bei der Stadt sogar ein eigenes Hochbauamt eingerichtet.

Errichtet wurden Mehrfamilien- (Laubenganghäuser) und Einfamilienreihenhäuser, die noch heute viele bauhistorisch Interessierte zu Besichtigungen nach Frechen locken: Die Gebäude zeigen exemplarisch die Formensprache des „Neuen Bauens“, viele Fassaden wurden mit Keramiken aus der Fabrikation von Toni Ooms verziert.

Die historische Aufnahme des Freiheitsrings entstand um 1930, die keramischen Bärenfiguren an den Hauseingängen werden den Bildhauern Franz Albermann und Peter Berens zugeschrieben.

Die historische Aufnahme des Freiheitsrings entstand um 1930, die keramischen Bärenfiguren an den Hauseingängen werden den Bildhauern Franz Albermann und Peter Berens zugeschrieben.

Bocks Urgroßmutter, Ursula Bock, gehörte zu den ersten Bewohnerinnen dieses sozialen Wohnungsbaus. Geboren im Jahr 1904, starb ihr Mann, Bocks Urgroßvater, bereits im Jahr 1929 an den Folgen einer Lungenentzündung. Zu diesem Zeitpunkt war sie mit dem fünften Kind schwanger, die übrigen, von denen Bocks Großvater der älteste war, waren im Alter zwischen zwei und sieben Jahren.

1930 wurde ihr deshalb das Einfamilienreihenhaus Freiheitsring 63 zugewiesen, in dem sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1989 lebte. Die Familie seiner Großmutter lebte nach dem Zweiten Weltkrieg direkt in Häusern auf der anderen Straßenseite des Freiheitsrings. „So haben mein Großvater und meine Großmutter sich dann kennen und lieben gelernt“, erinnert sich der Frechener.

Viele schöne Zusammenkünfte mit der Familie

Das geschichtsträchtige Haus der Urgroßmutter, die nie wieder geheiratet und als Schaffnerin auf der legendären Straßenbahn „Finchen“ gearbeitet hat, gehört heute der Großcousine Ursula Pempels (80) von Martin Bock. Regelmäßig kommt er bei ihr und ihrem Mann Martin (82) zu Kaffee und Kuchen vorbei. Dabei sitzt Bock oft an genau der gleichen Stelle auf der Eckbank, an der er als kleines Kind auf dem Schoß seiner Uroma gesessen hat. Zusammen lassen die drei alte Zeiten aufleben und erinnern sich an viele schöne Zusammenkünfte in dem Haus.

Trotz der nur 75 Quadratmeter Wohnfläche hätten jahrzehntelang Familienfeiern in dem Haus am Freiheitsring stattgefunden, so Ursula Pempels: „In der ersten Etage wurde das größte Zimmer ausgeräumt, unten wurde gekocht und alle standen mit den Tellern in der Hand herum. Es waren immer alle da, das Geld für große Feiern in Restaurants war nicht da, aber das hätte auch keiner gewollt.“ Ob Kommunion, Hochzeiten, Karneval oder Kirmes – das Haus war der Familientreffpunkt. 

Auf dem Bild sind drei Personen vor einem Haus zu sehen.

In dem Familienhaus am Freiheitsring erinnern sich Martin Bock (l.) und seine Verwandten Ursula und Martin Pempels an viele schöne Zusammekünfte.

Bock, der seit 2010 bei der Gold-Kraemer-Stiftung arbeitet, schwärmt aber nicht nur von diesen familiären Erinnerungen: Der ganz Freiheitsring ist wie ein kleines Freilichtmuseum. Aus den kleinen, unscheinbaren Bäumen, die um 1930 gepflanzt wurden, seien heute mächtige, Schatten spendende Bäume gewachsen, die dem Freiheitsring das Aussehen einer repräsentativen Allee verliehen. Ein Spaziergang im Sommer lohne sich also allemal, und es gebe viel zu entdecken, so der Frechener.

Viele der Häuser haben keramische Details an ihren Fassaden – so gibt es unter anderem auch die „Bäreninsel“: Sie lockert die statische Reihe der Einfamilienhäuser nach den Plänen des Architekten Julius Gatzen, die vor allem für die Lehrer der benachbarten Schule errichtet wurden, auf. Die großen Bärenfiguren, Ooms'sche Baukeramik, an den Hauseingängen der Nummern 58-76 und 80-82, werden den Bildhauern Franz Albermann und Peter Berens zugeschrieben.

Auf dem Bild sind Gebäude am Freiheitsring zu sehen.

Die Bauprojekte am Freiheitsring gelten als Vorzeigeprojekte des „Neuen Wohnens“.

Auf dem Bild ist der Freiheitsring zu sehen.

Die Bäume am Freiheitsring in Frechen spenden im Sommer viel Schatten.

Und noch eine weitere Erinnerung aus der Jugendzeit prägt Martin Bock bis heute: „Die Kreuzung Freiheitsring/Lindenstraße/Dr.-Tusch-Straße wurde Ende der 90er-Jahre als eine der ersten in Frechen in einen Kreisverkehr umgebaut. Als ich 1999 meinen Führerschein machte und mit Kreisverkehren nicht so richtig klar kam, ließ mich mein Fahrlehrer eine ganze Fahrstunde lang immer wieder von jeder Richtung aus durch diesen Kreisverkehr fahren. Da denke ich eigentlich auch heute immer noch daran, wenn ich durchfahre.“


So geht die Serie weiter

Für die eine ist es der Friedhof, für den anderen ein Sportplatz oder ein verstecktes Wegekreuz – ganz individuell fällt die Wahl des Lieblingsplatzes im Kreis aus. In jeder Ausgabe während der Sommerferien stellen wir mit der Serie „Mein Lieblingsplatz“ einen Ort in den zehn Kommunen vor, der für einen Menschen eine besondere Bedeutung hat, und laden zur Entdeckungstour ein.

Am Samstag, 29. August, stellt Sibille Simons den Brunnen im Salvatorianerinnen-Kloster in Kerpen-Horrem vor. (red)