Eine persönliche Spurensuche: Warum es Freude macht in der Stadt Frechen zu leben.
75 Jahre FrechenEine Packung Mon Chéri, Klütten und der Geruch von Heimat

Das Rathaus in Frechen. Die Stadt feiert jetzt ihr 75-jähriges Bestehen.
Copyright: Matthias Heinekamp
Es gibt Städte, über die man berichtet. Und es gibt Städte, mit denen man ein Stück seines eigenen Lebens verbindet. Frechen gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Ich bin in Frechen aufgewachsen, hier zur Schule gegangen, habe meine Kindheit und Jugend in dieser Stadt verbracht. Meine Eltern – beide aus Bachem – haben mir hier eine wunderbare Kindheit ermöglicht. Viele Erinnerungen sind deshalb untrennbar mit Frechen verbunden: mit Straßen und Plätzen, mit Menschen, mit kleinen Geschichten und großen Ereignissen.
Frechen ist die Stadt, in der mir ein Arzt mit Zigarre im Mund die Platzwunde genäht hat, als ich sechs Jahre alt war. Frechen ist die Stadt, in der ich als Kind meine erste Medaille für die Teilnahme am Volksradfahren erhielt. Frechen ist die Stadt, in der mir meine Steno-Lehrerin zum Fachabi verholfen hat und auch die Stadt, in der Frau Kassel (Zweirad Kassel) ihren Engelbert aus der Kellerwerkstatt rief, wenn ich wieder zwei neue Blinker für mein Leichtkraftrad brauchte, weil die Kurve doch enger war, als ich dachte. Frechen ist auch die Stadt, in der ich die Geburt unserer Tochter erleben durfte und die Stadt, in der unser Sohn nach einem Sturz auf der Feuerwache Hilfe bekam, weil die Verletzung zu groß für die Hausapotheke und zu klein für die Notaufnahme war. Frechen ist die Stadt, der ich meinen ersten Termin für die Zeitung hatte. Und Frechen ist die Stadt, mit dem ganz besonderen Geruch.
Denn Frechen war für mich immer auch die Stadt der Kohle und des Dampfes, die Stadt der Bartmannkrüge und der Briketts. Die Luft, die für andere vielleicht nach Vergangenheit roch, war für mich ein Stück Heimat. Frechen ist die Stadt, in der in den 70iger Jahren Beschwerden über Brikettstaub auf frischgewaschener Wäsche auf der Leine noch mit einer Packung Mon Chéri gelöst werden konnte. Als in der Klüttenstadt im Dezember 2022 das letzte Brikett auf dem Wachtberg gepresst wurde, war die Fabrik Carl schon 27 Jahre Geschichte. Aus dem Pressenhaus wurden Wohnungen, auf Freiflächen entstanden Reihenhäuser, die zu einem neuen Stadtteil wuchsen. Vieles hat sich seitdem verändert. Die Zukunft auf dem Gebiet des Wachtbergs steht noch bevor. Frechen musste und muss sich verändern.
Nach der Wende hat es mich Anfang der 1990iger Jahre für eine Zeit nach Ostdeutschland verschlagen. Doch lange hielt es mich dort nicht. Es zog mich zurück – zurück in die Stadt, in der ich zu Hause bin.
Und vielleicht liegt genau darin das Besondere an Frechen: Heimat ist nicht nur ein Ort. Heimat sind vor allem die Menschen. Frechen hat viele herzliche, hilfsbereite und engagierte Menschen. Menschen, die anpacken, wenn Hilfe gebraucht wird. Menschen, die ihre Stadt nicht nur bewohnen, sondern sie mit Leben füllen. Besonders spürbar wird das im Vereinsleben. Ob Sportverein, Karneval, Schützenwesen, Kultur, Theater, Kino, Brauchtum oder gesellschaftliches Engagement: Frechen hat beeindruckende Seiten. Ohne diese Menschen wäre Frechen eine andere Stadt.
Frechen hat weit mehr vorzuweisen, als manchmal der Blick von außen vermuten lässt. Hier gibt es innovative und erfolgreiche Unternehmen, engagierte Mittelständler und besondere Persönlichkeiten. Es gibt Menschen, die Ideen entwickeln, Arbeitsplätze schaffen, Vereine führen, Sport treiben, Kultur gestalten und sich jeden Tag für ihre Stadt einsetzen.
Frechen hat also allen Grund, selbstbewusst auf seine vergangenen 75 Jahre zu schauen. Aber ein Jubiläum ist nicht nur Anlass für einen Blick zurück. Es ist vor allem eine Gelegenheit, nach vorne zu schauen. Und da gibt es durchaus Aufgaben.

Frechen war als Klüttenstadt bekannt. 2022 wurden die letzten Briketts in der Fabrik Wachtberg gepresst.
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Der Strukturwandel hat Frechen getroffen. Bei aller positiven Entwicklung entsteht der Eindruck, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Kommunen im Rhein-Erft-Kreis noch nicht das aus ihrem Potenzial macht, was möglich wäre. Dabei sind die Voraussetzungen ideal. Frechen liegt vor den Toren Kölns und damit unmittelbar vor einer der größten Städte Deutschlands. Die Stadt ist gut angebunden – über Autobahnen und Bundesstraßen ebenso wie mit dem öffentlichen Nahverkehr. Ja, es ist nicht alles auf dem neuesten Stand – aber eine gute Grundstruktur ist da. Frechen verfügt über Industrie- und Gewerbegebiete sowie Flächen für neue Entwicklungen. Gleichzeitig liegen Wald und Naherholungsmöglichkeiten direkt vor der Haustür.
Frechen hat vieles, was eine lebenswerte und zukunftsfähige Stadt benötigt. Was es jetzt braucht, ist der gemeinsame Wille und der gemeinsame Plan, dieses Potenzial zu nutzen. 75 Jahre Frechen sollten deshalb auch ein Anlass sein, den Blick stärker nach vorne zu richten. Politik sollte sich weniger an persönlichen oder parteipolitischen Interessen orientieren, sondern viel mehr daran, was der Stadt, den Menschen gut tut. Die großen Herausforderungen – von Stadtentwicklung und Wirtschaft über Verkehr und Wohnen bis hin zu Bildung und Klimaschutz – lassen sich nicht im politischen Klein-Klein lösen. Eine Stadt ist schließlich keine Parteizentrale. Eine Stadt ist das gemeinsames Zuhause aller, die dort leben und wohnen.

Der Wasserturm in Frechen, ein Wahrzeichen der Stadt.
Copyright: Udo Beissel
Und Frechen ist mein Zuhause geblieben und das meiner Frau und unserer Kinder im Laufe der Jahre geworden. Trotz aller Veränderungen - vielleicht gerade wegen aller Veränderungen.
Ich wünsche mir deshalb für die nächsten 25 Jahre bis zum 100. Geburtstag eine Stadt, die ihre Chancen nutzt und bei allen politischen Auseinandersetzungen nie aus den Augen verliert, worum es eigentlich geht: um die Menschen, die hier leben.
Denn Frechen ist mehr als die Stadt der Bartmannkrüge, der Kohle und der Klütten. Frechen ist eine Stadt mit Geschichte und Charakter aber auch eine Stadt mit Zukunft. Und es ist eine Stadt, in der es Freude macht, zu leben.
Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag, Frechen.
„Udo Beißel“ ist stellvertretender Redaktionsleiter im Rhein-Erft-Kreis und gebürtiger und überzeugter Frechener.
