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Schutzmaßnahmen wegen CoronaSo reagiert der Chemiepark auf die Pandemie

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In einem Zeltlager der Firma Vinnolit können sich die Mitarbeiter in markierten Zonen aufhalten.

Hürth-Knapsack – Ein Zeltlager ist vor den Produktionsanlagen des Kunststoffherstellers Vinnolit im Chemiepark Knapsack aufgeschlagen. Dort machen rund 180 Mitarbeiter von Fremdfirmen, die derzeit die Anlage warten, ihre Pausen. Auch eine Verpflegungsstation gibt es, der Aufenthaltsbereich vor den Zelten ist mit Flatterband markiert. Ein Prinzip in Zeiten der Corona-Krise lautet, dass sich die Mitarbeiter von Firmen innerhalb und außerhalb des Chemieparks nicht zu nahe kommen sollen, um Infektionen zu vermeiden.

„Oberstes Ziel ist der Gesundheitsschutz der Mitarbeiter“, betont Thomas Kuhlow, Sprecher des Chemieparkbetreibers Yncoris. „Gleichzeitig muss die Produktion sichergestellt werden.“ Und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. „Im Chemiepark werden Produkte hergestellt, für die es gerade jetzt großen Bedarf gibt.“ Der Chemiepark sei in der Corona-Krise „systemrelevant“.

Stillstände lassen sich nicht verschieben

So laufen etwa die Anlagen der Standortfirma CABB auf Hochtouren. Dort wird Monochloressigsäure hergestellt, die in Seifenprodukten und Desinfektionsmitteln eingesetzt wird. Bei Lyondellbasell werden Kunststoffe erzeugt, die auch zu Medizinprodukten weiterverarbeitet werden. Bei der Herstellung von Kanülen und Infusionsbeuteln kommen Kunststoffgranulate von Vinnolit zum Einsatz, allerdings stehen die Anlagen eben gerade still. „Solche Stillstände werden langfristig geplant“, sagt Kuhlow, „die lassen sich nicht verschieben.“

Einige Standortfirmen haben die Produktion allerdings wegen eingebrochener Nachfrage gedrosselt. Betroffen sind vor allem Betriebe, die für Automobilzulieferer produzieren. „Wir haben sehr unterschiedliche Bilder“, sagt Dr. Clemens Mittelviefhaus, Geschäftsleiter von Yncoris. „Bei einigen Unternehmen ist die Auslastung der Anlagen deutlich zurückgegangen, bei anderen boomt das Geschäft.“ Insgesamt sei die Situation „relativ gut“. Allerdings sei die „Lage fragil“, warnt Mittelviefhaus. „Von jetzt auf gleich können Lieferketten reißen.“

Umschreibungen der Schichtpläne

Um Betriebsausfälle durch Corona-Infektionen in der Belegschaft zu vermeiden, hat Yncoris Vorkehrungen getroffen. Schichtpläne wurden so umgeschrieben, dass sich die Mitarbeiter bei der Übergabe nicht begegnen. Um zu verhindern, dass es sich „in den Waschhäusern knubbelt“, muss nicht mehr jeder Mitarbeiter Schutzkleidung tragen, so Kuhlow: „Auf den Messwarten sitzen Leute in Räuberzivil“ – früher sei so etwas kaum denkbar gewesen.

Die Betriebskantine bleibt geschlossen, die Gerichte werden nur noch zum Mitnehmen ausgegeben. Den zwei Dutzend Mitarbeitern droht Kurzarbeit, denn die Zahl der Mahlzeiten – früher rund 600 – habe sich halbiert, sagt Mittelviefhaus. Das Catering-Geschäft mit umliegenden Schulen und Kitas sei komplett weggebrochen. Auch im Feierabendhaus finden keine Veranstaltungen statt.

Fiebermessungen bei einigen Firmen

In den Raucherecken markieren Pylonen die Stehplätze. „Das erinnert auch an die Abstandsregeln“, so Mittelviefhaus. Einige Standortfirmen verfolgen zusätzlich ein eigenes Sicherheitskonzept. So gebe es Unternehmen, die auf Fiebermessungen an den Werkstoren bestehen. Deshalb werden einige Lkw-Fahrer bei der Abfertigung mit Wärmebildkameras gefilmt. „Wir machen das nicht bei allen, das wäre zu zeitaufwendig“, erklärt Chemiepark-Sprecher Kuhlow.

Welche Maßnahmen ergriffen werden müssen und wie die beschlossenen wirken, darüber berät täglich der Koordinierungskreis Pandemie, zu dem die Werksärztin gehört. Bislang funktionieren die Regelungen. „Wir haben aktuell keinen Corona-Fall“, so Kuhlow. Seit März gab es sechs Infizierte, die schnell identifiziert und in Quarantäne geschickt werden konnten. Fünf davon sind schon wieder bei der Arbeit. Insgesamt sind im Chemiepark 2500 Menschen beschäftigt, davon 1300 beim Betreiber Yncoris.

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Mittelviefhaus ist überzeugt, dass die Corona-Krise Arbeitsabläufe langfristig verändern werde. So könnten zum Beispiel Videokonferenzen Dienstreisen ersetzen. Auch die Bedeutung von mobilem Arbeiten werde wachsen. Aktuell sind 400 Mitarbeiter aus der Verwaltung von Yncoris im Homeoffice, vor der Krise waren es 120.

Die Pandemie zeitig unterdessen kuriose Folgen. So stieg aufgrund der Hygienevorschriften der Seifenverbrauch im Chemiepark – aber auch der von Klopapier. „Ich weiß nicht, welchen Reim ich mir darauf machen soll“, sagt Geschäftsleiter Mittelviefhaus schmunzelnd.