Rio de Janeiro – Rio de Janeiro – das klingt nach weißen Traumstränden, heißen Sambanächten, kühlen Longdrinks ohne Ende. Doch gleich nachdem mein Freund und ich nach zwölf Flugstunden in der brasilianischen Metropole ankommen sind, holt uns auf der Taxifahrt zum Hostel die Wirklichkeit ein: Überall scheint ein Klima der Angst in der Luft zu liegen. Fast jedes Gebäude ist von hohen Schutzmauern umgeben, Gitterstäbe zieren die Fenster bis hinauf in den dritten Stock. Heruntergekommene Hausfassaden, Obdachlose, holprige Straßen prägen das Bild, die Luft ist stickig, und schon früh am Morgen herrscht ein beängstigendes Verkehrschaos.
Oben im Hostel Bossa de Rio im Künstlerviertel Santa Teresa angekommen, haben wir allerdings eine grandiose Aussicht aufs Stadtzentrum und sehen, dass es überraschend grün ist rund um Rio de Janeiro. Weil unser Zimmer noch nicht frei ist, lassen wir uns den Weg nach Ipanema zeigen, finden ein hübsches Café und lernen, dass man mit Schnäppchen hier wohl nicht rechnen darf: Umgerechnet 13 Euro kostet ein nicht gerade üppiges Frühstück. Der Strand ist wie ausgestorben, und das Atlantikwasser – welch unangenehme Überraschung – zumindest am Morgen noch eiskalt. Ein Fußmarsch führt uns zum Traumziel aller Rio-Touristen, ins Copacabana-Viertel mit seinem legendären Sandstrand. In meine Vorfreude mischt sich ein bisschen Enttäuschung: Viel anders als in manchen Touristenhochburgen auf Mallorca sieht das hier auch nicht aus. Mir gefällt es trotzdem.
Wir merken, dass es früh hier dunkel wird, und nutzen die Abenddämmerung, um zum Zuckerhut zu fahren. Auf der ersten Plattform angekommen, leuchtet der Himmel bereits orange-blau über uns und lässt die berühmte Christus-Statue in einem wahrhaft göttlichen Licht erscheinen. Wunderschön! Am nächsten Tag geht es mit der Bahn hinauf zur Statue. Darauf habe ich mich besonders gefreut und werde nicht enttäuscht: Die 30 Meter hohe Christus-Figur thront auf ihrem Sockel und breitet ihre Arme über der Stadt aus. Es ist atemberaubend. Von hier hat man eine prima Sicht über ganz Rio und kann in der Ferne die Wolkenkratzer im Zentrum sehen – aber auch viele kleinere und größere Elendsviertel.
An den komischen Geruch nach unappetitlichem Essen, der durch die Straßen Rios schwebt, kann ich mich nicht gewöhnen. Und auch am dritten Tag vergesse ich noch manchmal, meine Tasche immer ganz nah am Körper zu tragen. Aber es muss sein. Denn vielerorts lungern finstere Gestalten herum. Von manchen Orten hält man sich besser fern oder läuft schnell dran vorbei. Unter einer Brücke in Lapa suchen Obdachlose Schutz. Es stinkt nach Urin und Dreck. Um zur berühmten Kacheltreppe von Selaron zu kommen, huschen wir vorbei und finden uns tatsächlich bald in einer knallbunten Kunstlandschaft aus Mosaiksteinen wieder. Hier gibt es plötzlich keine Armut und keinen Dreck mehr, wir haben die schöne und leuchtende Seite Rios entdeckt. Doch wieder holt uns die Wirklichkeit ein: In unserem neuen Appartement wimmelt es von Kakerlaken und anderen Krabbeltieren. Auf dem Weg zu einem Fußballspiel fahren wir durch eines dieser Elendsviertel, die hier Favelas heißen. Mir reicht ein oberflächlicher Eindruck, aussteigen möchte ich hier nicht.
Vielleicht bin ich bei meinem nächsten Rio-Besuch mutiger. Denn wiedersehen will ich diese Stadt der Gegensätze unbedingt. Armut neben Reichtum, kunstvolle Architektur neben Blechhütten, Strandentspannung neben Großstadthektik – nein, diese Stadt lebt nicht von ihrer Schönheit, sondern von ihrem eigenen Zauber. Wer viel Schönes sehen will, dem empfehle ich Rom. Wer das Leben in all seinen Facetten spüren möchte, der ist hier in Rio richtig!
