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GeschichteVon Oberpostschaffner bis Kammerherr

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Bei seinen Recherchen stieß Jupp Kings auch auf ein Foto vom Haus an der Dorfstraße 1 in Götzenkirchen, in dem er aufgewachsen ist.

Kerpen-Horrem – Im Zuge seiner Geschichtsforschung fiel dem früheren Horremer Ortsvorsteher Jupp Kings nun ein altes „Adreß-Buch“ aus dem Jahre 1911 in die Hände. Herausgegeben und gedruckt wurde es von der Buchdruckerei des „Erft-Boten“ von Josef Neunzig in Bedburg. Ein Blick in das Büchlein offenbart viel Originelles und Interessantes über Kerpen in der Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Ähnlich wie später Telefonbücher enthielt das „Adreß-Buch“ eine Auflistung aller Bürger in der „13. Bürgermeisterei Sindorf“, zu der neben Boisdorf (65 Einwohner), Götzenkirchen (493 Einwohner), Horrem (2418 Einwohner) mit Schloss Frens und Burg Hemmersbach, Sehnrath (353 Einwohner) und Sindorf (1060 Einwohner) mit Haus Breitmaar gehörten. Die „Bürgermeisterei-Behörde“ befand sich an der Ecke „Heerstraße und Rathausstraße“. Heute steht dort das Ärztehaus an der Bahnunterführung, und die Heerstraße heißt Rathausstraße.

Bürgermeister war Karl Breidbach aus Horrem, Vollziehungsbeamter Heinrich Außem aus Sindorf. „Polizei-Sergeanten“ waren Vinzenz Braun „zu Horrem“ und Konstantin Büttgen „zu Sindorf“ Als Schiedsmänner fungierten Jean Baum, ein „Rentner zu Horrem“ und Wilhelm Esser, ein Landwirt zu Sindorf. Nicht nur bei amtlichen Würdenträgern wurde der Beruf wie selbstverständlich im öffentlichen „Adreß-Buch“ mitgenannt. Die Bandbreite geht von „Ackerer“ und „Faßbinder“ über „Wegewärter“ und „Rottenführer“ bis zu „Feldhüter“ und „Tagelöhner“. Überwiegend Männer sind in dem Buch verzeichnet. Selten findet sich auch einmal eine Frau, wie etwa Elise Braun, die Lehrerin in Götzenkirchen war.

Datenschutz war damals noch kein Thema. Aus heutiger Sicht bemerkenswert ist, dass als Berufsangabe auch „Invalide“ angegeben werden durfte. Umgekehrt legte man im wilhelminischen Kaiserreich sehr viel Wert auf Titel. So findet man den „Oberpostschaffner“ im „Dorf Horrem“ nur wenige Einträge hinter einem „Rentenempfänger“ und einem „Fabrikbesitzer“. „Die Berufsbezeichnungen werfen ein Bild auf die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung in dieser Zeit“, sagt Jupp Kings, der das Büchlein aus dem Nachlass von August Witt in die Hände bekam, der 1956 im Gemeinderat Horrem saß und Ortsvorsteher von Götzenkirchen war.

Die „Königliche Eisenbahn“ verzeichnet ihre Mitarbeiter akribisch und unterscheidet fein zwischen sich und der „Bahnverwaltung der Kreis-Bergheimer Nebenbahn“, die es in Horrem auch gab. In Horrem ist ein einziger Arzt aufgeführt, dafür sind aber gleich vier Hebammenvermerkt. Man ging zur Niederkunft nicht wie heute meist selbstverständlich in ein Krankenhaus.

Neben Unterteilungen wie Arzt und Hebammen gibt es auch eine alphabetische Auflistung der „Ortseingesessenen“. Darunter finden sich nicht nur die Bürger des Ortes, sondern auch die Industriestandorte wie etwa die Horremer Brikettfabrik mit ihrem „Bureau“ an der Bachstraße 33 und dem Telefonanschluss „6“, was mit einem Hörersymbol deutlich gemacht wurde im „Adreß-Buch“ von 1911. Otto Graf Beissel von Gymnich, „Königlicher Kammerherr und Rittergutsbesitzer“, ist ebenso aufgeführt wie Graf Berghe von Trips, der ebenfalls als „Königlicher Kammerherr“, aber auch als „Rentner und Rittergutsbesitzer“ von Burg Hemmersbach firmiert. Selbstredend hatte der Adel auch ein Fernsprechgerät.

Auch 1911 gab es Werbung im „Adreß-Buch“. So wirbt zum Beispiel die noch heute bekannte „Hof-Musikalien und Instrumenten-Handlung P.J. Tonger“ aus Köln für ihr Geschäft. Gab es in Horrem zu dieser Zeit nur etwa 100 Telefonanschlüsse, die von einem Mitarbeiter vom Amt einzeln verkabelt werden mussten, so waren es in der Domstadt schon viele Hundert. Bei Tonger konnte man jedenfalls 1911 bereits unter der Nummer 395 anrufen.

Kings ist froh, dass er neben dem Büchlein auch ein Foto seines elterlichen Hauses gefunden hat. „Es lag an der Dorfstraße 1 in Götzenkirchen, dort wo jetzt der neue Gebäudekomplex am Kreisel gebaut worden ist. Links oben war mein Zimmer.“