Der Schüler wurde einen Tag vor der Ratssitzung 16 Jahre alt. Er will sich für die Interessen von Kindern und Jugendlichen einsetzen.
Politisch engagiertElias Neumann ist mit 16 Jahren Kerpens jüngster Sachkundiger Bürger

Elias Neumann ist jüngster Sachkundiger Bürger in Kerpen.
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Noch vor einigen Jahren, so berichtet Rébecca Neumann, da habe ihr Sohn sie gedrängt, Briefe an Angela Merkel zu schreiben. Auf Fotos habe er mit den Händen Rauten geformt - ganz wie das politische Vorbild. Und mit Mitschülern gründete er in der Grundschule eine „Partei“ nach dem Vorbild der Großen. Genannt hatten sich die Kinder damals „Die Bunten“, weil jeder willkommen sein sollte.
Heute ist das politische Interesse des mittlerweile 16-jährigen Elias Neumann stärker denn je. Deshalb ist er seit der vergangenen Ratssitzung der jüngste Sachkundige Bürger Kerpens. Eine Änderung der Gemeindeordnung NRW aus dem Jahr 2025 macht es möglich. Die sieht nun vor, dass das Mindestalter für Sachkundige Bürger in den Städte- und Gemeinderäten bei 16 Jahren liegt. Zuvor musste man dafür mindestens volljährig sein. Für Elias sei das sofort ein Zeichen gewesen, die politischen Ambitionen in die Tat umzusetzen. Denn hinzu kam: Er wurde genau einen Tag vor der entscheidenden Ratssitzung 16 Jahre alt.
Kerpen: Junge Menschen fühlen sich nicht gesehen
„Leider habe ich in Kerpen oft das Gefühl, dass die Interessen und Bedürfnisse der jungen Bürgerinnen und Bürger nicht ernstgenommen werden“, sagt Elias: „Deshalb möchte ich mich jetzt für andere Jugendliche vor Ort einsetzen.“ Das wird er künftig im Jugendhilfeausschuss für die UWG/BBK-Fraktion tun. So fehle es etwa an geeigneten Aufenthaltsmöglichkeiten für junge Menschen in der Stadt. Von Spielplätzen würden sie oft verscheucht, weil sie keine Kinder mehr seien. „Oft treffen wir uns dann einfach zuhause“, sagt Elias.
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Das politische Interesse liege bei ihm in der Familie, sagt der 16-jährige Schüler. „Durch meinen Opa Wolfgang Scharping und durch meine Mutter kannte ich es ja kaum anders“, verrät er. Der 2022 verstorbene Wolfgang Scharping war Bruder des ehemaligen SPD-Bundesvorsitzenden Rudolf Scharping. „Wenn ich keinen Babysitter hatte, musste er mit zu den politischen Veranstaltungen“, erinnert sich Rébecca Neumann, die selbst für die UWG in einer Fraktion mit der BBK im Stadtrat sitzt.
Früh geübt hat sich der Schüler auch im Sprechen vor dem politischen Publikum. „Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die Schulhöfe umzäunt werden“, erinnert sich Elias: „Für die Interessen von Kindern und Jugendlichen habe ich mich mit einer Rede vor dem Jugendhilfeausschuss eingesetzt.“
Kinder wollten eigene Partei gründen und Wahlkampf führen
Das sei auch so eine Sache gewesen, sagt seine Mutter und lacht: „Eigentlich wollten sie ja ein richtige Partei gründen. Elias wollte Plakate aufhängen und Wahlen veranstalten. Ich musste dann erklären, dass das noch nicht geht.“ Die Kinder hätten unter anderem ein Logo entworfen und ihre Kernthemen definiert. So forderten sie etwa eine bevorzugte Bebauung mit Mehr- statt Einfamilienhäusern, um in gemeinsamen Grünanlagen mit den Freunden spielen zu können. Auch Klimaschutz sei ihnen wichtig gewesen. So regten sie etwa die Begrünung von Dächern der Bushaltestellen in der Kolpingstadt an.
Neben den Vorbildern in der eigenen Familie imponiere ihm Willy Brandt, sagt Elias: „Er hat zur Zeit des Nationalsozialismus eine unglaubliche Stärke und Haltung bewiesen und Verantwortung übernommen.“ Und: „Er war mal großer Angela-Merkel-Fan“, sagt Rébecca Neumann: „Eine Zeitlang hat er ständig auf Familienfotos mit dieser Merkel-Raute posiert.“
Die Begeisterung für die damalige Kanzlerin ging so weit, dass Elias seine Mutter im Grundschulalter drängte, Briefe an Angela Merkel zu schreiben. „Es ging um die Flüchtlings-Thematik. Und in einem anderen um Atomwaffen. Sie hatten in der Schule darüber geredet und er hat mich mit Fragen gelöchert. Und da habe ich gesagt: Dann schreib ihr eben einen Brief.“
Lapidar daher gesagt, doch Elias vergaß diesen wohlgemeinten Ratschlag nicht. „Später am Abend informierte er mich dann, dass wir noch einen Brief zu schreiben hätten“, erinnert sich Rébecca Neumann. Unter anderem sollte Neumann auch stellvertretend für ihren Sohn um einen Besuch der damaligen Kanzlerin bitten. „Das habe ich mich dann aber doch nicht getraut“, sagt sie lachend.
Seine Mitschüler reagierten auf seine politischen Ambitionen derweil positiv, sagt Elias: „Sie fragen auch manchmal um Rat, wenn es darum geht, ob ich mich für etwas Bestimmtes einsetzen soll, zum Beispiel bei Sportangeboten.“
Eine Zukunft als Berufspolitiker könne er sich allerdings nicht vorstellen. „Auf lokaler Ebene kann ich mir schon vorstellen, mich längerfristig für Kerpen einzusetzen, weil ich hier auch später leben möchte. Aber erstmal möchte ich Berufssoldat werden und vielleicht später in die IT gehen.“
Die Änderung der Gemeindeordnung
Dank einer Änderung der Gemeindeordnung des Landes Nordrhein-Westfalen zum 1. November 2025 können nun auch Menschen ab 16 Jahren in Ausschüssen der Städte des Rhein-Erft-Kreises als Sachkundige Bürger mitwirken. Die Zahl der sachkundigen Bürgerinnen und Bürger darf die Zahl der Ratsmitglieder jedoch laut Gemeindeordnung in den einzelnen Ausschüssen nicht erreichen.

