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Tierpräparatorin im Interview: „Bei meinen Toten fühle ich mich behütet“

4 min
Eine Frau lächelt in die Kamera.

Judith Brauneis arbeitet in der Pathologie und ist Buchautorin.

Im Interview spricht Markus Peters mit Judith Brauneis ihre tägliche Arbeit in der Pathologie und ihre Lesung in Pulheim. 

Seit über 25 Jahren arbeitet Judith Brauneis in München als Präparatorin in der Pathologie, Tausende Tote sind in diesen Jahren durch ihre Hände gegangen. Am 7. Mai stellt sie auf Einladung des Hospizvereins Pulheim ihr Buch „Frollein Tod: Im Himmel gibt's Lachs“ in der Stadtbücherei Pulheim vor. 

Frau Brauneis, was erwartet das Publikum bei der Lesung in Pulheim?

Es erfährt, dass es Menschen gibt, die ihre Arbeit mit Verstorbenen als Herzensprojekt und Berufung verstehen. Ich erzähle meine persönliche Geschichte: wie ich zum Tod gefunden habe, wie die tägliche Konfrontation mit Trauer und Leid mich verändert hat, und warum diese Arbeit mein Leben zum Guten gewendet hat.

Was sind Ihre Aufgaben in der Pathologie?

Ich bin an meinem Institut die einzige Präparatorin und betreue dort jährlich etwa 1200 Verstorbene. Ich registriere jeden Einzelnen, kenne die Unterlagen, organisiere die Übergabe an Bestatter und führe gemeinsam mit Ärzten Autopsien durch. Diese werden von der Klinik veranlasst, um Diagnosen zu überprüfen, Todesursachen zu klären und Medizinstudenten auszubilden. Für meine Arbeit habe ich eine Ausbildung mit Staatsexamen und Studienprüfungen absolviert. Später habe ich zusätzlich die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin gemacht.

Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, der Ihren Beruf ergreifen möchte?

Man muss körperlich fit und kräftig sein, denn die Arbeit ist anstrengend und hat auch handwerkliche Aspekte. Außerdem halte ich Empathie für wichtig: Man sollte den Verstorbenen nicht als Objekt sehen, sondern als Menschen mit einer Geschichte, für den man Verantwortung trägt.

Verändert die tägliche Arbeit mit dem Tod das eigene Verhältnis dazu?

Man muss etwas aufpassen, nicht ängstlich oder paranoid zu werden. Ich habe eher Angst um die Menschen, die ich liebe, weniger um mich selbst. Deshalb versuche ich, jeden Tag gut abzuschließen und meinen Liebsten zu zeigen, was sie mir bedeuten.

Sie schreiben, dass Ihnen kein einziges Gesicht der vielen Toten in Erinnerung geblieben ist. Warum?

Es sind schlicht zu viele. Täglich sehe ich 15 bis 20 Verstorbene – das kann kein Mensch behalten.

Sie beschreiben den Leichenkeller ihres Instituts als Wohlfühlort. Warum?

Dort fühle ich mich sicher. Die Welt draußen ist oft beängstigend, aber bei meinen Toten, meinen Aufgaben und den Bestattern fühle ich mich behütet. Die Arbeit erfüllt mich. Meine Toten sind brav, da tut mir keiner was.

Wie kamen Sie zur Notfallseelsorge und Trauerbegleitung?

Ich bin da langsam hineingewachsen. Schon 1998 habe ich im Institut festgestellt, dass fast jeder Verstorbene Angehörige hinterlässt, die in Not sind und jemanden brauchen, der sie auffängt. Obwohl die Pathologie eigentlich keine Trauerbegleitung anbietet, habe ich mit meinem Chef einen Raum geschaffen, in dem Angehörige Abschied nehmen konnten. Anfangs war das für mich reine Arbeit – ich war jung und emotional noch distanziert. Das änderte sich mit den Jahren. Ich kam in eine Sinnkrise, ich hatte das Gefühl, schon alles gesehen zu haben, und suchte nach etwas Tieferem – nach Spiritualität, nach einer höheren Aufgabe. Deshalb habe ich mich bewusst auf die Trauer der Menschen eingelassen – und dann selbst Verluste erlebt, in einer schweren, komplizierten Trauerphase, die drei Jahre andauerte. Diese Erfahrung hat mich verändert. Seitdem ist es mein Lebensziel, dass niemand sich so fühlen muss wie ich damals. Ich wollte wirklich helfen – und das erfüllt mich bis heute.

Wer kommt zu Ihren Lesungen?

Es ist oft ein sehr gemischtes Publikum: Ältere, die sich mit dem Tod beschäftigen, Menschen in Trauer, aber auch viele Jüngere auf Sinnsuche. Oft sagen mir Besucher, dass sie durch mich den Mut gefunden haben, in die Hospizarbeit oder in einen ähnlichen Beruf zu gehen.

Was sagen Sie Menschen, die glauben, dass nach dem Tod „das große Nichts“ kommt?

Ich frage, ob das für sie in Ordnung ist. Ich denke: Bevor ich gelebt habe, war auch nichts – und daran habe ich keine schlechten Erinnerungen. Also wird es wohl okay sein.

Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser aus Ihrem Buch und von Ihren Veranstaltungen mitnehmen?

Vor allem Sicherheit. Das Gefühl: Wenn ich in Not bin, wenn ich trauere oder sterbe, wird jemand da sein, der mich auffängt. Dieses Vertrauen möchte ich vermitteln. Ich möchte auch andere ermutigen: Wenn Sie jemanden kennen, der trauert, unterstützen Sie ihn nach bestem Wissen und Gewissen. Ich glaube, dass jeder Mensch dazu fähig ist, einem Trauernden beizustehen.

Hat sich Ihr Glaube durch Ihre Arbeit verändert?

Inzwischen glaube ich. Das hat aber weniger mit der Arbeit zu tun als mit dem Leben selbst.

Wie kamen Sie auf den Titel „Im Himmel gibt's Lachs“?

Ich wollte einen heiteren Titel für ein schweres Thema. Außerdem glaube ich, dass gute Menschen im Jenseits mit dem belohnt werden, was sie lieben. Bei mir war das Lachs – also wurde es der Titel.


Lesung

Judith Brauneis: „Frollein Tod: Im Himmel gibt's Lachs“, Riva Verlag, 224 Seiten, ISBN: 978-3-7423-1748-3, 17, Euro. Die Lesung mit der Autorin ist Donnerstag, 7. Mai, 19 Uhr, in der Stadtbücherei Pulheim, Steinstraße 13, geplant. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten unter 02238/52713 oder per E-Mail.