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Eine bewegte WocheWas die Schicksale zweier Männer in Rhein-Erft uns lehren

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Der gebürtige Tibetaner Teki hat im einstigen Haus Danz das Restaurant „Kleiner Herd, großes Feuer“ eröffnet, in dem es Spezialitäten aus seiner Heimat gibt.

Der gebürtige Tibetaner Teki hat etwas gewagt und seine Heimat verlassen. In Brühl führt er ein Restaurant.

Die Lebenswege zweier sehr unterschiedlicher Menschen stehen für Mut und sollten uns Demut lehren.

Nein, es waren nicht nur die Bilder vom verheerenden Brand in einem Gewerbegebiet in Hürth-Kalscheuren, die sich in dieser Woche ins Gedächtnis eingeprägt haben. Auch nicht die zahlreichen bewegenden Schilderungen aus vielen Orten des Rhein-Erft-Kreises über die Gedenkveranstaltungen anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Ebenso wenig der Umstand, dass die Bezirksregierung Arnsberg dem Energiekonzern RWE grünes Licht für eines der ambitioniertesten und umstrittensten Zukunftsprojekte für die Region gegeben hat – auch wenn es einen wichtigen Meilenstein für die Zeit nach der Kohlegewinnung markiert: der Bau der Pipeline, über die von Dormagen aus Rheinwasser in die Tagebau-Schluchten gepumpt werden soll.

Teigtaschen auf Tibet als Konkurrenz zu schier übermächtigen Dönerläden

Es waren vielmehr mehr noch die menschlichen Geschichten, die Schicksale in dieser letzten Januarwoche, die haften blieben. So haben wir und Sie, liebe Leserinnen und Leser, „Teki“ kennengelernt. Der eigentlich Suolangzelan heißt und seit kurzem ein Restaurant am Rande des beschaulichen Brühler Stadtteils Pingsdorf führt.

In seiner Gaststätte „Kleiner Herd, großes Feuer“ bietet der 38-jährige Tibeter eine Leib- und Magenspeise aus seiner Heimat an – Momos: von Hand gefertigte Teigtaschen in verschiedenen Variationen. Was ihm in der Gastroszene im Rheinland inmitten von Dönerbuden vermutlich ein Alleinstellungsmerkmal verschafft; in der Hoffnung, dass er auf Menschen trifft, die unbekannten gastronomischen Angeboten offen gegenüberstehen.

Es muss ja nicht gleich die Eröffnung einer Pommesbude in Tibet sein

Andernfalls müsste Teki wieder weiterziehen. Was Teil seines früheren Lebens in Tibet gewesen ist, bevor er vor elf Jahren nach Deutschland kam: Aufgewachsen ist er dort in einer Nomadenfamilie, die mit Yaks, einer asiatischen Rinderart, und Pferden umherzog. Bis er beschloss fortzugehen, um etwas von der Welt zu sehen. Gelandet ist der 38-Jährige in Pingsdorf.

Seine Geschichte sollte viele von uns ermutigen, die ausgetretenen Pfade mal zu verlassen, Routinen aufzugeben und sich kleinen oder größeren Abenteuern zu öffnen. Ist es nicht so, dass wir vor lauter Alltag und Gewohnheiten den Blick fürs Neue, fürs Abseitige allzu oft verlieren? Und dass wir die Sicherheits- der Risikovariante vorziehen? Es muss ja nicht gleich die Eröffnung einer Pommesbude in Tibet sein.

Julian Z. mit Assistenzhund Holly und Trainerin Julia Wurmsee

Julian Z. mit Assistenzhund Holly und Trainerin Julia Wurmsee

Ein anderer Mensch, ein anderes Schicksal: Ebenfalls in dieser Woche berührte die Geschichte von Julian Z. Immer wieder, muss man ergänzen. Denn schon mehrfach haben wir über den Kerpener und den Tag berichtet, der sein Leben von hier auf jetzt veränderte. Am Karnevalssonntag 2024 hatte ein Gast in der Blatzheimer Mehrzweckhalle mit einem zersplitterten Bierglas mehrfach auf seinen Kopf und Hals eingeschlagen.

Dieser entsetzliche Vorfall hat zur Folge, dass Julian Z. seit dem Krankenhausaufenthalt an einem  Hörverlust auf einer Seite, unter einer posttraumatischen Störung, Depressionen und Angstzuständen leidet.

Assistenzhund „Holly“ hilft ihm seit gut einem Jahr, langsam wieder im Leben Schritt zu fassen – so ausgebildet, dass das Tier erste Anzeichen für ein Wiederkehren des Traumas und Panikattacken sofort erkennt.

Was uns das Schicksal von Julian Z. lehrt? Wir sollten die kleineren und mittleren Katastrophen unseres hektischen Alltags nicht so hoch hängen und stattdessen lernen, gelassener zu sein – und dankbar dafür sein, dass es uns (hoffentlich) gut geht.

Ein wenig Demut und Dankbarkeit schaden nicht.