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Sie fuhren einfach losWie Landwirte aus Rhein-Erft gegen die Waldbrände kämpften

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Landwirt Markus Wipperfürth fuhr der Schreck durch alle Glieder, als er auf der A4 bei der Anfahrt nach Hürtgenwald diesen Feuerball sah.

Landwirt Markus Wipperfürth fuhr der Schreck durch alle Glieder, als er auf der A4 bei der Anfahrt nach Hürtgenwald diesen Feuerball sah.  

Der Pulheimer Markus Wipperfürth und zwei weitere Kollegen aus Kerpen sicherten in Hürtgenwald und im Hohen Venn den Wassernachschub.

Der Himmel glühte Rot, als Markus Wipperfürth (53) Freitagnacht (14. August) gegen 1 Uhr in Hürtgenwald im Kreis Düren ankam. „Schon bei der Anfahrt über die A4 sah ich in der Dunkelheit diesen gewaltigen Feuerball“, berichtet der Landwirt aus Pulheim. Dieser Anblick habe ihm ordentlich Respekt eingeflößt.

Wipperfürth hat mit Mitarbeitern in den vergangenen Tagen in Merzenich, Hürtgenwald und im Hohen Venn mitgeholfen, Wasser in Güllefässern an die Einsatzstellen zu schaffen. Er hat nachts auf seinem Traktor geschlafen – beziehungsweise geruht. Er hat jubelnde Menschen am Straßenrand gesehen – Menschen, die den Feuerwehrleuten und den Landwirten applaudierten und ihnen auf selbst gebastelten Plakaten ihren Dank ausdrückten.

Wipperfürth an seinem Gülle-Fass mit einem Fassungsvermögen von 28.000 Litern.

Wipperfürth an seinem Gülle-Fass mit einem Fassungsvermögen von 26.000 Litern.

Mittlerweile ist Wipperfürth auf seinen Hahnenhof in Stommelerbusch zurückgekehrt. Noch immer erscheinen ihm die vergangenen Tage völlig surreal – unwirklich.

Der Pulheimer ist Arbeitgeber für um die 35 Mitarbeiter. Und eigentlich hat der 53-Jährige auf seinen drei Höfen in Pulheim und im Kölner Norden Arbeit genug. Doch als er hörte, dass er mit seinen großen Güllefässern mithelfen kann, die Feuer in Hürtgenwald zu löschen, überlegte er nicht lange. Mehrere Mitarbeiter hatte er bereits Tage zuvor mit Fässern zum Wald- und Vegetationsbrand nach Merzenich entsandt und anschließend direkt weiter nach Hürtgenwald geschickt. Die wollte er nun ablösen.

Pulheim: Wipperfürth kann sich auf  Familie und Mitarbeiter verlassen

Kurzerhand hatte er daheim am Brunnen noch sein großes Fass vollgeladen. „Das Güllesilo hat ein Fassungsvermögen von 28.000 Litern“, berichtet er. Es sei zudem mit verschiedenen Kupplungen ausgerüstet – mit Saug- und Druckschläuchen, mit denen Wasser aus offenen Gewässern gesaugt und umgekehrt auch in großen Mengen in kurzer Zeit abgegeben und versprüht werden kann.

„Gut, dass ich im Betrieb ersetzbar bin“, sagt er, „auf meine Mitarbeiter und meine Familie ist Verlass“. Allerdings habe er seiner Familie versprechen müssen, kein Risiko einzugehen und gut auf sich zu achten. Nur zu gut wissen sie schließlich, dass Markus Wipperfürth gar nicht anders kann, dass es ihm einfach eine Herzensangelegenheit ist, anderen Menschen zu helfen. Das war auch 2021 der Fall, als er ins Ahrtal aufbrach, um nach der Flutkatastrophe zu unterstützen.

Auch Landwirt Alexander Moll wird so schnell nicht vergessen, was er bei seinem Rettungseinsatz in Belgien am Hohen Venn erlebt und gesehen hat.

Auch Landwirt Alexander Moll wird so schnell nicht vergessen, was er bei seinem Rettungseinsatz in Belgien am Hohen Venn erlebt und gesehen hat.

Wie Wipperfürth reagierten auch die Landwirte Alexander Moll (33) und Finn Böckmann (24) aus Kerpen. „Man braucht keine Alarmierung, um sich bei dieser Einsatzlage angesprochen zu fühlen – um zu helfen“, haben sie vor einer Woche zu sich gesagt.

Wenig später saßen auch sie auf ihren Traktoren – die Güllefässer im Schlepp – unterwegs nach Hürtgenwald. „Die brauchen Wasser – und wir haben das Equipment dafür, um ihnen Wasser zu holen“, erklärt Moll und verweist auf sein Güllefass mit einem Fassungsvermögen von fünf Kubikmetern. Moll wusste in der Zeit seiner Abwesenheit seinen Gemüsehof am Talweg in Kerpen bestens von seiner Frau und seinen Eltern betreut.

Mit Feuerwehrmann Pierre in der Mitte: Landwirt Alexander Moll (r. ) und sein Berufskollege Finn Böckmann.

Mit Feuerwehrmann Pierre in der Mitte: Landwirt Alexander Moll (r. ) und sein Berufskollege Finn Böckmann.

„In solchen Fällen müssen einfach alle ein bisschen mehr leisten“, sagt er. „Da mitzuhelfen ist für mich selbstverständlich“, ergänzt auch Böckmann.  „Junge, fahr“, habe ihm auch sein Vater gesagt. Der ist zugleich auch sein Chef. Böckmann arbeitet im landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern in Kerpen-Horrem.

Die Rauchwolke sahen er und Moll schon aus Kerpen. Doch erst beim Näherkommen erkannten sie, wie groß und gewaltig das Ausmaß dieses Feuers war. „Das war einfach der Wahnsinn“, berichtet Moll.  

Menschen standen am Wegesrand und winkten den Helfern zu

So wie ihr Kollege Markus Wipperfürth erhielten sie in Hürtgenwald den Auftrag, Wasser aus einem Teich im Tal rund zehn Kilometer den Berg hinauf zur Einsatzstelle zu bringen. „Wir sind sicherlich 30- bis 40-mal die Strecke gefahren“, erinnert sich Moll. Irgendwann hätten sie aufgehört zu zählen. Das Wasser aus dem Fischteich und aus Tümpeln pumpten sie an der Einsatzstelle in große Auffangbecken, wo es von der Feuerwehr abgepumpt und von den Löschhubschraubern aufgenommen wurde – für die Löscharbeiten am Boden und in der Luft.

Als sich die Lage in Hürtgenwald am Sonntagmorgen entspannte, fuhr Wipperfürth direkt weiter nach Eupen – ins Hohe Venn. Moll und Böckmann waren kurz zu Hause, fuhren dann aber mittags auch nach Belgien, um sich dort mit Wipperfürth an einer Kabelfabrik zu treffen. In Kolonne ging es von dort in den Wald.

Menschen winkten und applaudierten ihnen auch dort vom Straßenrand zu. „Und dann waren wir auf einmal mitten im Rauch“, berichtet Wipperfürth, „wir sahen keine fünf Meter weit.“ Dabei seien der Rauch und Qualm richtig „beißend“ gewesen. „Das geht auch beim Waschen nicht mehr aus den Klamotten.“ 

Auch am Hohen Venn waren Wipperfürth, Moll und Böckmann Teil des Pendelverkehrs – Teil der „Wasserstraße“ –, die in ihren Güllefässern das Wasser im Tal aus der Weser pumpten und es rund 15 Kilometer hinauf ins Waldgebiet zum Hohen Venn fuhren – dorthin, wo es unter der Erde brannte und wo die Einsatzkräfte der Feuerwehren so dringend dieses Wasser brauchten, um die Brände im Zaum zu halten.

Wie Fackeln standen die Bäume in Brand, an denen Moll und seine Kollegen vorbeifuhren.

Wie Fackeln standen die Bäume in Brand, an denen Moll und seine Kollegen vorbeifuhren.

„Französische Feuerwehrleute haben uns eingewiesen“, berichtet Moll. Verstanden habe er nicht viel – eigentlich gar nichts. Deswegen habe er sich etwas mulmig gefühlt, als er mit seinem Gespann über die teils dampfenden und qualmenden Wege fuhr. „Aber alles ist gut gegangen“, freut er sich. Auch Wipperfürth und Böckmann sind gesund, erschöpft, aber auch glücklich wieder zu Hause.

Für sie stellt sich die Frage, ob sie noch einmal genau so handeln würden, nicht. Sie sind auch das nächste Mal dabei, wenn Hilfe benötigt wird. Und darum muss sie auch niemand bitten. Sie machen es einfach.


Der Waldbrand in Hürtgenwald im Kreis Düren war der größte Waldbrand im Land Nordrhein-Westfalen seit Beginn der amtlichen Datenerfassung 1991. Er brach am 13. August aus und dehnte sich auf etwa 300 Hektar aus. Aufgrund der Gefahr für die Bevölkerung wurden in der Nacht auf den 14. August die etwa 1800 Einwohner des Ortes Gey in der Gemeinde Hürtgenwald evakuiert. (jtü)