Im Prozess um den tödlichen Unfall auf der A555 stand die forensische Begutachtung der Angeklagten im Fokus.
Ex-FC-Nachwuchsspieler vor GerichtPsychologin sieht „bemerkenswert wenig Verantwortungsübernahme“

Zwei ehemalige Nachwuchsspieler des 1. FC Köln sind vor dem Landgericht angeklagt.
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Im Prozess um das mutmaßliche Autorennen auf der A555 am 1. Dezember 2023, bei dem zwei Frauen starben, stand gestern die forensische Begutachtung der beiden Angeklagten im Mittelpunkt. Geklärt werden muss unter anderem, ob die damals 20-jährigen FC-Nachwuchsspieler nach Jugendstrafrecht zu verurteilen sind. „Sein ganzes Leben war auf den Fußball ausgerichtet“, schlussfolgerte die Psychologin für den Audi-Fahrer. „Das Geißbockheim war sein Zuhause“, entnahm sie Gesprächen mit dem Mercedes-Fahrer. Beide Angeklagte erlebten nach eigenen Angaben Ausgrenzung wegen ihrer Herkunft aus einer russischen und aus einer polnischen Familie.
Die Suche nach Anerkennung soll insbesondere der Audi-Fahrer durch die finanziell gut ausgestattete Sonderstellung als FC-Nachwuchstalent mit Statussymbolen wie sportlichen Autos, schönen Frauen und teuren Geschenken kompensiert haben. Dass sie in verbotenen Straßenrennen die PS-Stärke ihrer Autos und das eigene fahrerische Können gemessen hätten, bestritten beide auch gegenüber der Psychologin. Sie räumten aber ein, sich durch Geschwindigkeit ab und zu den Adrenalinkick verschafft zu haben, den sie sich wegen der erforderlichen Disziplin als Leistungssportler nicht auf wilden Partys mit Alkoholkonsum holen konnten. Die heute 22-Jährigen haben seit dem Inferno an der Autobahnauffahrt Wesseling keinen Kontakt mehr zueinander.
1. FC Köln trennte sich von den Nachwuchsspielern
Der FC trennte sich ein halbes Jahr später von ihnen. Die Clique, die offenbar Spaß daran hatte, Szenen aus der Actionfilmserie „Fast & Furious“ nachzuspielen und Videos davon in sozialen Medien auszutauschen, zerstreute sich. Während der Mercedes-Fahrer im Gespräch mit der Psychologin wie bereits bei der ersten Einlassung vor dem Landgericht bekundete, seine Schuld anzunehmen, irritierte die Gutachterin eine Textnachricht des Audi-Fahrers fünf Tage nach der verheerenden Kollision mit dem Kleinwagen der beiden getöteten Frauen. Er soll sinngemäß geschrieben haben: „Junge, warum habe ich kein Auto, überall muss ich hingefahren werden, das f*ckt mich ab, ich könnte kotzen.“
Für die Rechtspsychologin ein Zeichen von „bemerkenswert wenig Verantwortungsübernahme“. Trotz der Neigung, Frust durch schnelles, riskantes Fahren zu kompensieren, wenn einer auf der Ersatzbank sitzen musste, statt auf dem Platz zu stehen, attestierte die Forensikerin keinen krankhaften Narzissmus. Beide seien zudem kognitiv in der Lage gewesen, so die Psychologin, die möglichen Folgen des Rasens abzuschätzen. Die Gruppendynamik sei jedoch in der verhängnisvollen Nacht auf der A555 stärker gewesen als die Einsichtsfähigkeit. Für kommenden Montag werden die Plädoyers erwartet. (red)
