Dem Wein aus einer der besten Lagen am Mittelrhein wurde 1900 die Goldmedaillen in Paris und Marseille verliehen, ein Jahr später folgte der Große Preis von Rom.
Eine der besten RegionenIn Rheinbreitbach lebt Weingeschichte wieder auf

Karsten und Viola Keune in ihren Weinkeller an einem französichen Barrique-Fass.
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Im warmen Licht der Mittagssonne blitzte der kleine Silberstüber hell auf. Die alte Münze lag sicher schon mehr als zwei Jahrhunderte von Pflanzen überwuchert unentdeckt an einem vergessenen Pfad im Weinberg. Zufällig wurde sie vor wenigen Wochen von Winzer Karsten Keune dort bei Pflegearbeiten gefunden. Das in der Domstadt gängige Zahlungsmittel konnte von ihm dem Jahr 1744 zugeordnet werden. Damals wurde in Rheinbreitbach der Messwein für die Kölner Bischöfe angebaut.
Bis weit nach Frankreich und Italien reichte der gute Ruf der Winzer aus dem Dorf. Und da war es kein Wunder, dass dem Wein aus einer der besten Lagen am Mittelrhein im Jahr 1900 die Goldmedaillen in Paris und Marseille verliehen wurden, ein Jahr später folgte der Große Preis von Rom. Stolz zeigen Viola und Karsten Keune diese Auszeichnungen. Ihnen gehören inzwischen jene von der Sonne verwöhnten Weinberge. Und sie möchten sich diese internationalen Auszeichnungen gerne wieder zurückholen. Die Goldene Kammerpreismünze der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz ist schon auf ihren Flaschen zu entdecken.
Der Weinberg von Keune in Rheinbreitbach ist auch Lebensraum für zahlreiche Tiere
Das Ehepaar Keune liebt die Natur, ist stolz wenn scheue Falken und majestätische Milane sie bei der Arbeit auf dem Weinberg beobachten. Gottesanbeterinnen, Schmetterlinge und Bienen haben dort eine Heimat gefunden. Eidechsen, Blindschleichen und Barrenringelnattern schätzen ebenfalls die warme Südlage der Hänge. „Als wir 2015 das Areal gekauft hatten, war noch alles verbuscht“, erinnert sich Viola Keune. Die Flächen der Lagen mit den Namen Vogelsang und Horn wurden sorgsam gerodet und neue Reben gepflanzt.
Das Feuer für guten Wein loderte schon immer in Karsten Keune. „Bei uns in Westfalen kommt eigentlich immer ein Bier auf den Tisch“, so der gebürtige Mendener. Sein Vater hätte jedoch ein gutes Glas Wein geschätzt. Und so schloss sich der Sohn dieser Tradition an. Als er 2013 zusammen mit Dankward Heinrich für den Heimatverein Rheinbreitbach ein Buch über die Weinbaugeschichte der Region schrieb, wurde das Feuer zur Flamme. Eine alte preußische Lagekarte aus dem Jahr 1904 hatte es ihm angetan. Zwei Wingerte des heutigen Weingutes Keune waren dort mit bis zu 540 Silbergroschen taxiert- so hoch wie die besten Weingüter an der Mosel und im Rheingau.

Veronika und Karsten Keune betreiben ein Weingut in Rheinbreitbach.
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Und somit begann die zweite Berufslaufbahn für das Ehepaar. Zwei Jahre lang lernten sie bei der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim alles, was man auf dem Weinberg braucht. Nach bestandener die Prüfung dürfen sie sich jetzt offiziell Winzerin und Winzer nennen. In der Lage Vogelsang pflanzten sie mit Merlot und Cabernet Reben, die im Brunello oder dem Bordeaux zu Hause sind. Die Südwestausrichtung der Lage Horn nutzten sie für die Anpflanzung von Rotem und Weißem Riesling.
Der Strukturwandel an den Hängen des Rheines begann um das Jahr 1905 - Immer mehr Winzer gaben auf
„Die Grundlage für den guten Wein hier ist ein besonderer heller Tonschiefer, der sich in einem prähistorischen Flusslauf abgelagert hatte“, so Karsten Keune. Durch die stetige Wasserbewegung konnten sich fast keine Pflanzenreste am Boden ablagern. So sei die helle Farbe der Gesteine entstanden. Schiefer, der einen großen Anteil von Pflanzenteilen enthält, sei dagegen dunkel. Er würde dem Wein eine starke mineralische Stilistik verleihen. Der helle Schiefer in Rheinbreitbach dagegen punkte durch zarte Nuancen. Und das schätzten seit dem 14. Jahrhundert viele Kölner Klöster und Stifte.
Der Strukturwandel an den Hängen des Rheines begann um das Jahr 1905. Pilzkrankheiten wie Mehltau und Schädlinge wie der Traubenwickler oder die Reblaus machten den Winzern das Leben schwer. Nach dem Ersten Weltkrieg sank der Anbau der Reben. Obstbäume kamen an ihre Stelle. Noch heute sind einige am Rande der Weinhänge zu entdecken. „Wir lassen sie als Erinnerung stehen“, so Viola Keune beim Rundgang. Sie zeigt auf eine 300 Jahre alte Mauer, die noch immer ihren Zweck der Terrassierung des Hanges erfüllt. In den offenen Fugen finden zahleiche Tiere wichtige Verstecke.
Das Winzerehepaar möchte mit Qualität überzeugen. „Das sind wir der historischen Lage hier schuldig.“ Deshalb reisten beide nach Bordeaux, um sich Tipps von den dortigen Winzern zu holen. Und sie waren überrascht von der Offenheit der französischen Kollegen. Viele Ratschläge wurden umgesetzt. „Wichtig ist zum Beispiel, dass beim Rotwein während der Gärung die Temperatur nicht zu hoch sein sein darf. Das zerstört die wertvollen Fruchtaromen“, so Karsten Keune. Zurück in Deutschland hat das Ehepaar eine spezielle Anlage entwickelt, die diesen Vorgang überwacht und den Wein während der Gärung notfalls leicht kühlt.

Bessere Qualität: Beim Weingut Keune in Rheinbreitbach werden die Triebe der Reben horizontal geführt. Guyot-Erziehung wird dies genannt.
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Beim Anbau wurden die Tipps der Kollegen aus Frankreich ebenfalls berücksichtigt. An der Rebe wird der Trieb horizontal geführt. Das sorgt für eine gute Belüftung und Sonneneinstrahlung der Trauben, was eine gleichmäßige Reife fördert. Guyot-Erziehung wird dies genannt und speziell in Frankreich verwendet. „Im Gegenteil zur heimischen Bogenführung der Triebe haben wir weniger Ertrag, jedoch bessere Qualität“, so Karsten Keune. Dennoch waren die beiden Winzer überrascht, dass bereits ihr erster Rotwein beim renommierten deutschen Rotweinpreis von Meininger zu einem der besten deutschen Weine gewählt wurde.
Die in kleinen Barrique-Fässern in französischen Stil produzierten Weine sind so nachgefragt, dass der „Pondus 2023“ limitiert werden musste. Nur eine Flasche zum Preis von 29 Euro wird pro Kunde abgeben. Und auch der feinherbe Riesling ist gefragt. Der „Sehnsucht 2023“ für 10,90 Euro wurde ebenfalls mit der Goldenen Kammerpreismünze ausgezeichnet. Die richtige Balance zwischen Säure und Süße ist das Geheimnis. Er wird übrigens in 0,5-Liter-Flaschen abgefüllt. „Viele Weinliebhaber schätzen die Möglichkeit, einfach mal abends wie in Frankreich eine kleinere Flasche aufzumachen“, berichtet Karsten Keune.
Kontakt: Weingut Keune, Rheinblickstraße 104, 53169 Rheinbreitbach, 0177/9603114, www.weingut-keune.de

