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„Diese Reben wurden 1892 gepflanzt“Warum Winzer im Siebengebirge beim Wein auf Direktverkauf setzen

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Winzer Kay Thiel und Brigitte Schmälter, die mit ihm über Wein diskutiert.

Winzer Kay Thiel und Brigitte Schmälter, die mit ihm über Wein diskutiert.

Winzer Kay Thiel aus Königswinter setzt auf ein überschaubares Produktangebot mit Sekt und Weinen aus der Region.

„Kommen Sie doch einfach in meine Vinothek in der Heisterbacher Straße in Königswinter“, schlägt Kay Thiel vor, als die Redaktion ihn um ein Gespräch zum aktuellen Thema Krise beim Weinbau in Deutschland bat. Vor zehn Jahren hat der heute 64-Jährige als Winzer im Siebengebirge begonnen. Inzwischen gehören er und Mitinhaberin Katrin Sensenschmidt zu einer der ersten Adressen dort. Von Krise will er nicht reden: „Genau das Gegenteil ist bei uns der Fall.“

Stolz holt er einen 2024 Riesling „Rheinkilometer 616“ aus dem Regal. 42 Euro stehen als Preis auf dem Etikett, pro Person ist die Abgabemenge auf drei Flaschen beschränkt. „Wir bewirtschaften die älteste Fläche am ganzen Mittelrhein. Die Reben für diesen Riesling wurden 1892 gepflanzt“, berichtet er. Ganze 140 Flaschen ergab die Lese im vorigen Jahr. Deshalb auch die Kontingentierung. Keine 100 Flaschen sind mehr vorrätig. „Allein in den ersten 14 Tagen im Dezember haben wir schon 50 verkauft.“

Flurbereinigung in den 60er Jahren hat dem Produkt Wein nicht gutgetan

„Ein kapitalistischer Wettlauf um das günstigste Produkt hat eingesetzt.“ Wer sich an diesem Rennen beteiligen wolle, brauche eine gute Kondition. Und die hätten die deutschen Großbetriebe nicht, weil ihnen vergleichbare Flächen und klimatische Bedingungen fehlten. „Die Preise für einen Liter Fasswein sind inzwischen auf 35 bis 60 Cent gefallen“, berichtet Thiel. Da könne ein deutscher Winzer nicht mehr mithalten.

Die Probleme haben für ihn in den 1960er Jahren durch die Flurbereinigung in Deutschland begonnen. Das Ziel war es, größere und besser bewirtschaftete Flächen für die Landwirtschaft zu schaffen. Viele Areale waren durch Erbaufteilung unrentabel geworden. Betriebe wurden durch die Flurbereinigung zusammengelegt.

Die Weine von uns gibt es nicht für fünf Euro pro Liter im Discounter. Wir überfluten auch nicht den Markt mit Tausenden Litern.
Kay Thiel, Winzer in Königswinter

Diese so neu entstandenen großen Flächen in einer Hand konnten gut bewirtschaftet werden, „und irgendwann kamen die Bauern auf die Idee, statt Kartoffeln oder Getreide dort Wein anzubauen“. Aus kleinen mit Viehzucht, Weinanbau und Feldwirtschaft aufgestellten Betrieben seien Agrarfabriken geworden. Dem Produkt Wein habe das nicht gutgetan.

42 Euro pro Flasche kostet dieser Riesling von 2024 bei Kay Thiel.

42 Euro pro Flasche kostet dieser Riesling von 2024 bei Kay Thiel.

Für Thiel sind Winzer mit einer persönlichen Vermarktung und einer dazu passenden Geschichte noch immer gut aufgestellt. „Die Weine von uns gibt es nicht für fünf Euro pro Liter im Discounter. Wir überfluten auch nicht den Markt mit Tausenden Litern“, betont er. Der Betrieb mit einer Anbaufläche von vier Hektar habe eine Größe, die auskömmlich sei.

„Wir möchten nicht weiterwachsen, obwohl uns nach wie vor Hänge angeboten werden.“ Das überschaubare Produktangebot mit Sekt und Weinen aus der Region sei gut nachgefragt: „Wir müssen unsere Keller nicht mit Rabatten leeren, wenn die neue Ernte zum Reifen in die Fässer gefüllt wird.“ Der Wein liege dann schon längst in den Regalen der Kundinnen und Kunden.

Winzer erwartet bessere Aufklärung über Alkoholkonsum durch den Winzerverband

„Der Konsum von Alkohol in jungen Jahren ist schädlich, das bestätige ich auch“, sagt Thiel. Dass die Weltgesundheitsorganisation den Genuss aber pauschal als negativ bezeichne, sei seiner Meinung nach nicht richtig. Die älteren Generationen und typischen Weintrinker hätten bei mäßigem Weinverbrauch nichts zu befürchten.

Man müsse die Studie einfach einmal genau lesen. In Zeiten des Internets würden aber immer wieder einfach „irgendwelche Textfetzen rausgeblasen, die dann als neueste Wahrheit“ gelten. Hier müsste seiner Ansicht nach bessere Aufklärungsarbeit durch den Winzerverband geleistet werden.

Kay Thiel Oberdollendorf Winzer Geschichte

Kay Thiel Oberdollendorf Winzer Geschichte

In diesem Moment kommt Brigitte Schmälter zufällig herein. Die Vorsitzende des Trägervereines der Biologischen Station des Rhein-Sieg-Kreises hat „die guten Tropfen aus der Region erst in den letzten Jahren schätzen gelernt“, wie sie im Gespräch mit der Redaktion verrät. Inzwischen ist sie ein überzeugter Fan des Weines aus dem Siebengebirge. Sie schätzt den persönlichen Kontakt und die Beratung vor Ort in der Vinothek. Auch der ökologisch zertifizierte Anbau der Reben auf den Hängen von Kay Thiel sei ihr wichtig.

„Auch das gehört zur Story, die für die Vermarktung wichtig ist“, bestätigt Thiel. „Meine Kunden wissen, dass ich auf die Umwelt achte und mein Wein deshalb etwas ganz Besonderes ist.“ Dazu gehörten der Anbau auf den Steillagen des Siebengebirges mit den Bodenarten Grauwacke, Schiefer und Ton. Steillagen bedeuten auch, dass Menschen die Weinberge in Handarbeit bewirtschaften müssen. „Bei mir rauscht kein Traktor zwischen den Reben hindurch wie in Spanien oder Frankreich“, betont Thiel. Auch lange Transportwege fielen weg. Das seien Argumente, die inzwischen immer mehr Menschen schätzten.