Fellowship-Programm„Modellprojekt für die Beethovenstadt Bonn“ soll Talente fördern

Intendant Steven Walter.
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Bonn/Rhein-Sieg-Kreis – Angenommen, eine junge Geigerin plant ein großes Hausmusikfestival in Bonn; bei der Vorbereitung hört sie aber, dass es solch eine Veranstaltung schon gäbe: Unter dem Titel „Musik in den Häusern der Stadt“ laden seit Jahren Privatleute Künstler zu Konzerten in ihre Wohnzimmer ein, und Zuhörer, die sich eine Eintrittskarte besorg haben, können dabei sein.
Die Idee der Geigerin ist jedoch verwegener: Bei ihr bitten die Mitglieder des Beethoven Orchesters Bonn (BOB) Fremde in ihre privaten Räume, um für sie zu musizieren. An einem Wochenende soll so die ganze Stadt bespielt werden, und das Orchester soll als Gemeinschaft begriffen werden. Damit die Violinistin weiß, mit wem sie es zu tun hat, wirkt sie selbst am Pult bei zwei Projekten des BOB mit, bevor das Hausmusik-Festival im Rahmen des Beethovenfestes stattfindet.

Eine Beethoven-Figur als Souvenir.
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Dieses Beispiel ist eine der Möglichkeiten, die bis 2027 ein sogenanntes Fellowship-Programm bieten soll, das Steven Walter, der Intendant des Beethovenfests Bonn, mit anderen Akteuren der Beethovenpflege entwickelt hat. Es wurde am Dienstag unter der Überschrift „Modellprojekt für die Beethovenstadt Bonn“ vorgestellt.
Die Zuschüsse aus dem Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 sichern
Das klingt nach großem Zukunftskonzept, in Wahrheit geht es jedoch vor allem darum, die im Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 wegen der Corona-Pandemie nicht ausgegebenen öffentlichen Zuschüsse für Konzerte und Events nicht verfallen zu lassen. Die Jubiläums-GmbH BTHVN 2020 hatte einen Etat von 30 Millionen Euro; davon entfielen 15 Millionen Euro auf den Bund, 10 Millionen Euro auf das Land, 5 Millionen Euro auf die Stadt Bonn und 1 Million Euro auf den Rhein-Sieg-Kreis.
1,12 Millionen Euro an Fördermmitteln wurden bisher nicht angefordert
Allein von den Fördermitteln Bonns sind nach Angaben der Stadt 1,12 Millionen Euro nicht angefordert worden; der gleiche Sachverhalt treffe auf die Finanzbeihilfen der drei anderen Geldgeber zu.
Liquidation
2016 wurde die Beethoven-Jubiläums-GmbH unter dem Dach der Stiftung Beethoven-Haus als alleinigem Gesellschafter gegründet. Die Gesellschaft wird nun zum Jahresende liquidiert. Die Kosten dafür betragen nach Angaben der Stadt 50 000 Euro.
Der bisherige kaufmännische Geschäftsführer Ralf Birkner ist inzwischen Leiter der Bezirksverwaltungsstelle Beuel, der künstlerische Geschäftsführer Malte Boecker wird sich wieder auf seiner Aufgabe als Direktor des Beethoven-Hauses konzentrieren. (dbr)
Normalerweise hätte die zu viel gezahlte Summe den Zuschussgebern von der Jubiläums-GmbH erstattet werden müssen, wäre im Hintergrund nicht an anderen Stellschrauben gedreht worden.
Beethovenfest soll Empfänger des Überschusses sein
Der Deal: Das Geld bleibt für die Beethovenpflege erhalten, wenn Bonn gegenüber Bund und Land darauf verzichtet, seinen Anteil in den eigenen Etat zu stecken. Man einigte sich schließlich darauf, dass das Beethovenfest der Empfänger des Überschusses sein solle. Dafür musste Intendant Walter sein Fellowship-Projekt entwickeln – als Innovation in der Beethovenstadt Bonn. Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und auch der Vorsitzende des Vereins Bürger für Beethoven, Stephan Eisel, waren unter anderen an Planung beteiligt.
Das Fellowship-Programm ist laut Stadt eine „Ideenschmiede für Musikvisionäre“. Dafür werden „die besten Ideen, die originellsten Köpfe und vielversprechendsten Ansätze für die Zukunft der klassischen und zeitgenössischen Musik“ gesucht. Jedes Jahr sollen bis zu sieben Fellows (wörtlich: Gefährte, auch: Student) ausgewählt werden, die sich mit ihren Ideen etwa zur Komposition, zum Konzertdesign, für Partizipation und Teilhabe oder – wie aus dem oben angeführten Beispiel – mit Vorschlägen für ein „Orchester der Zukunft“ bei einer Jury bewerben können. Die ersten Aspiranten sollen sich bereits gestern gemeldet haben. Die Auserwählten erhalten für ihr in der Regel neun Monate dauerndes Projekt ein Honorar von 30 000 Euro; hinzu kommen Ausgaben für technisches Personal.
2024 und 2027 sind zwei besondere Jahre des Gedenkens
Walters Konzept berücksichtigt darüber hinaus zwei besondere Jahre des Beethoven Gedenkens: 2024 jähren sich zum 200. Mal die Uraufführungen der 9. Sinfonie und der Missa solemnis, und 2027 soll der 200. Todestag des großen Sohnes der Stadt würdig gefeiert werden. In dem Jahr endet das Modellprojekt mit einem großen Abschlussfestival, an dem alle Fellows beteiligt sind.
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