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„Für die Ewigkeit geschrieben“Verleger Helmut Braun spricht in Neunkirchen-Seelscheid über Autor und Shoah-Überlebenden

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Verleger und Autor Helmut Braun aus Neunkirchen-Seelscheid hält die Erstausgabe des Werks "Der Nazi und der Friseur" von Edgar Hilsenrath.

Auf die deutsche Erstausgabe von „Der Nazi und der Friseur“ werde Helmut Braun heute noch oft angesprochen, sagt der Verleger. 

Helmut Braun hat den Autor und Shoah-Überlebenden Edgar Hilsenrath mehr als 30 Jahre lang begleitet. Darüber teilt er seine Erfahrungen.

Seit acht Jahren spricht der in Neunkirchen-Seelscheid lebende Verleger und Autor Helmut Braun jedes Jahr in der Buchhandlung Löffelholz über Menschen, mit denen er gearbeitet hat: unter anderem Rose Ausländer, Selma Meerbaum und Paul Celan. Am Freitag, 17. April, spricht er hier anlässlich dessen 100. Geburtstags über den jüdischen Autor Edgar Hilsenrath, den er mehr als 30 Jahre lang intensiv begleitet hat.

Helmut Braun beschreibt seine erste Begegnung mit Hilsenrath, den er 1976 in Berlin kennenlernte: „Er trug Jeans, Baskenmütze, einen riesigen Schnauzer und eine alte, gebrauchte Jacke, die vorne und hinten ein Loch hatte. Er meinte, auf die Jacke sei geschossen worden, gottseidank habe er nicht dringesteckt.“

„Der Nazi und der Friseur“ war international schon erfolgreich, aber deutsche Verlage trauten sich nicht

Edgar Hilsenrath war Überlebender der Shoah. Vor den Novemberpogromen 1938 war seine Familie nach Rumänien geflohen, 1941 wurden sie in das Ghetto Mohyliw-Podilskyj (heute Ukraine, damals rumänisch besetzt) verschleppt, das Hilsenrath überlebte. Nach dem Krieg lebte er in Palästina, Frankreich und New York, wo er begann, Romane zu schreiben.

Als Edgar Hilsenrath in den 70er Jahren zurück nach Berlin zog, sei er auf der Suche nach einem Verlag für seine ersten beiden Werke gewesen. In „Nacht“ setzt er sich mit dem Überleben im Ghetto auseinander, mit „Der Nazi und der Friseur“ folgte ein Buch über die Täter im Nationalsozialismus. „Beide Bücher waren international damals schon sehr erfolgreich“, erzählt Helmut Braun. In Deutschland hingegen war „Der Nazi und der Friseur“ bereits von mehr als 60 Verlagen abgelehnt worden.

Ich habe immer gesagt: Sein Werk ist so gut, dass ich dafür alles tun möchte.
Helmut Braun, Verleger

Der Roman erzählt die Geschichte eines Mannes, der an Morden in einem Konzentrationlager beteiligt war. Um sich nach dem Krieg in Sicherheit zu bringen, nimmt der Protagonist eine falsche jüdische Identität an: Er lässt sich beschneiden und eine KZ-Nummer tätowieren, zieht nach Israel und eröffnet dort einen Friseursalon. „Das ist niemand, der an dem, was er getan hat, leidet“, beschreibt Braun die Figur. „Auch, als er enttarnt wird, bleibt seine Rechtfertigung: Es war halt, wie es war.“

Ohne die Lebensgeschichte des Autors wäre das Werk nicht schreibbar gewesen, sagt Braun. „Und das dann als eine bitterböse, schwarze Satire zu erzählen – das zu veröffentlichen, da hatten die Lektoren in Deutschland einfach Angst.“ Helmut Braun selbst war damals Ende 20, hatte gerade einen eigenen Verlag gegründet und wollte Hilsenraths Werk unbedingt publizieren. Braun ging in den Wochen vor der Veröffentlichung auf Medien wie den Spiegel zu, um auf die erste deutsche Auflage von „Der Nazi und der Friseur“ aufmerksam zu machen. „Die ersten 10.000 Bücher waren innerhalb von 14 Tagen verkauft. Und er ist quasi zum Star geworden.“

Ein Jahr später verlegte Helmut Braun Hilsenraths ersten Roman „Nacht“, der in kleiner Auflage bereits in Deutschland veröffentlicht worden war. Fast sachlich schreibt der Autor hier über das Leben und Sterben im Ghetto. Braun: „Ich kenne einige Menschen, die das Buch nicht fertig lesen konnten.“ 

Verleger Helmut Braun gibt Einblicke in persönliche Beziehung zu Edgar Hilsenrath

Kurze Zeit später sei er auf einer Buchmesse von dem Gerücht überrascht worden, dass Hilsenrath den Verlag wechseln wolle, erzählt Braun. Zuerst habe der Autor das abgestritten,  aber bereits einen Vertrag bei Langenmüller unterschrieben. Für Brauns eigenen Verlag bedeutete es das Ende. 

Dennoch bedeutete das keinen generellen Bruch zwischen Helmut Braun und Edgar Hilsenrath. Bis 2008, zehn Jahre vor Hilsenraths Tod, arbeiteten Braun und Hilsenrath immer wieder mit Unterbrechungen zusammen; er betreute den Autor  später beispielsweise für den Dittrich-Verlag. Eine tiefe emotionale Bindung habe es wegen einiger zwischenmenschlicher Differenzen nicht gegeben, sagt Braun, „aber ich habe immer gesagt: Sein Werk ist so gut, dass ich dafür alles tun möchte“. 

Er beschreibt Edgar Hilsenrath als „grandios guten Erzähler“. Er habe überraschende, wenn auch oft schockierende Formen für seine Werke gefunden, in denen fast immer auch seine persönliche Geschichte gesteckt habe. In seiner Hilsenrath-Biografie „Ich bin nicht Ranek: Eine Annährung an Edgar Hilsenrath“ setzt Braun sich mit der mit seinem Schaffen verwobenen Lebensgeschichte des Autors auseinander.

Aus diesem Buch wird Braun auch im Rahmen seines Vortrags zum 100. Geburtstag Hilsenraths in der Buchhandlung Löffelholz lesen. Außerdem wolle er Einblicke in seine persönliche Beziehung zu Hilsenrath geben. „Letztendlich ist sein Werk für die Ewigkeit geschrieben“, findet Braun. „Das, worüber er schreibt, widerholt sich immer wieder. Deswegen muss man immer wieder darauf aufmerksam machen. Schauen Sie, was zur Zeit läuft: Wo wir an allen Ecken und Enden Krieg haben und überall die Zivilbevölkerung leidet.“


Seinen Vortrag zum 100. Geburtstag Edgar Hilsenraths hält Helmut Braun am Freitag, 17. April, in der Buchhandlung Löffelholz, Schmiedestraße 4a, in Neunkirchen-Seelscheid. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr, Einlass ist ab 19 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf für 14 Euro in der Buchhandlung, sie können aber auch unter 02247/1717 bestellt werden oder per E-Mail. An der Abendkasse kostet der Eintritt 16 Euro.