Abo

Vor einem JahrPolizist erschoss Bonnerin Ahlem Dalhoumi in Tunesien

4 min

Die Familie trauert um Ahlem: ihre Schwester Sondes und ihre Tanten Fadhila, Arbia und Aziza Dalhoumi (von links).

Bonn – Dunkle Schatten liegen unter den Augen von Sondes Dalhoumi. Die junge Frau sieht erschöpft aus. Ein Jahr ist vergangen, seit ihre Schwester Ahlem und eine Cousine auf einer tunesischen Landstraße im Kugelhagel eines oder mehrerer Polizisten starben. Ein Jahr, in dem Familie Dalhoumi, die vor bald 40 Jahren aus Kasserine in Tunesien nach Bonn-Beuel im Rheinland kam, unermüdlich um Aufklärung dessen kämpft, was sie „kaltblütigen Mord“, wenn nicht „eine Hinrichtung“ nennt.

Samstag, 23. August 2014: Sondes und Ahlem sind mit Freunden und Verwandten auf dem Rückweg von einer Hochzeitsfeier nach Kasserine, einer 80.000 Einwohner großen Stadt im Nordwesten des Landes. Sieben junge Leute drängen sich in dem silberfarbenen VW Golf zusammen. Musik dudelt, die Stimmung ist ausgelassen. Sondes und Ahlem sind auf Familienbesuch in Tunesien und wollen einige Tage später zurückfliegen nach Deutschland. Beide Frauen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Ahlem, 21, studiert in Bielefeld Jura, Sondes, 27, Wirtschaftsingenieurwesen an der FH Gummersbach.

Kurz nach Mitternacht biegt Sondes, die am Steuer sitzt, in eine unbefestigte Landstraße ein. Ein Schleichweg, der nur wenige Minuten später zur tödlichen Falle wird: Plötzlich springen schwarz gekleidete Polizisten, für Sondes nicht als solche erkennbar, auf die Straße und versuchen, das Fahrzeug der jungen Leute zu stoppen. Man habe befürchtet, es könne sich bei den Autoinsassen um Terroristen handeln, Sondes sei zudem zu schnell gefahren, werden sie später aussagen. Das stimme nicht, beteuert die junge Frau bis heute. „Man konnte auf dieser Straße maximal 20 Stundenkilometer fahren.“

Die ersten Schüsse fallen

Als Sondes in Panik Gas gibt, fallen die ersten Schüsse. Ahlem sinkt tödlich getroffen auf dem Vordersitz zusammen. Eine Kugel hat einen Teil ihrer Schädeldecke weggerissen. Auf dem Rücksitz wird ihre tunesische Kusine Ons, 18, von einer zweiten Kugel getroffen. Sie stirbt wenig später in einem nahen Krankenhaus an den Folgen einer Kopfverletzung. Ahlems und Sondes’ deutsche Cousine Yasmin, 23, die mit ihnen aus Bonn nach Tunesien gereist ist, wird in die Schulter getroffen.

„Niemand hat uns geholfen“, erinnert sich Sondes ein Jahr später an die schreckliche Szene. „Die sind einfach abgehauen, ohne Ahlem und Ons zu helfen.“ So stehe es auch in einer Akte der Staatsanwaltschaft in Tunesien, in die Familie Dalhoumi inzwischen Einblick hatte. Erst im Januar 2015, knapp drei Monate nach den Wahlen in Tunesien, wurden zwei Polizisten in Kasserine festgenommen. Namentlich bekannt waren sie seit Monaten. Einer von ihnen wurde nach wenigen Tagen aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Der zweite, Mourad H., sitzt bis heute in Untersuchungshaft und ist örtlichen Zeitungsberichte zufolge bereits zweimal in einen Hungerstreik getreten. H. bestreitet den Vorwurf, die beiden Frauen in jener Nacht vorsätzlich getötet zu haben, und beruft sich auf einen angeblichen Schießbefehl von höchster Stelle.

Lesen Sie im kommenden Abschnitt, wie es mit der Akte des Falles weitergeht.

„Es gibt offensichtlich ein ballistisches Gutachten, das eine Tatbeteiligung nahelegt“, umschreibt Michael Hakner, der Bonner Rechtsanwalt der Familie, vorsichtig die Verdachtsmomente, die gegen Mourad H. sprechen. Näheres könne er leider nicht sagen: Die komplette Akte müsse erst aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt werden.

Ahlems Tante Fadhila Dalhoumi wird da wesentlich deutlicher. „Im Auto wurden drei Kugeln gefunden, die aus seiner Waffe stammen. Und einen Schießbefehl hat es nach Aussage seiner Kollegen, die vor Ort waren, nicht gegeben. Meine Nichten sind in dieser Nacht ermordet worden.“ Auch das, so Fadhila Dalhoumi, stehe ausdrücklich in den Akten.

Sie und ihre Schwestern Aziza und Arbia, die Mutter der verletzten Yasmin, haben seit dem Tod Ahlems mehrere Protestaktionen in Bonn organisiert, um auf den Fall aufmerksam zu machen. Fadhila Dalhoumi hat an das Justizministerium in Berlin geschrieben, an das Auswärtige Amt und an den Bundespräsidenten. Die Bonner Staatsanwaltschaft hat Ende Juli ein Rechtshilfeersuchen an Tunesien auf den Weg gebracht.

Die Zeit läuft

Fadhila Dalhoumi ist das zu wenig. „Wir haben Angst, dass der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wird“, sagt sie. „In Tunesien darf man nur ein Jahr in Untersuchungshaft behalten werden, und die Zeit läuft. Was, wenn Mourad H. bald freikommt?“ Und sie fragt: „Warum gab es nie eine offizielle Stellungnahme der Bundesregierung? Warum kommt niemand zu der Trauerfeier nächste Woche in Kasserine? Das würde den Druck auf die tunesischen Behörden erhöhen. War Ahlem vielleicht eine Deutsche zweiter Klasse?“

Michael Hakner hingegen ist überzeugt, dass das Engagement der Familie bereits viel bewirkt hat. Für ihn sei es schon „ein Riesenerfolg, dass ein tunesischer Polizist in Untersuchungshaft sitzt“. Er hofft, dass der Familie „Gerechtigkeit in Form eines Verfahrens zuteil wird“. Sicher ist er da nicht.