Als Kind kann Anna Leyendecker nicht sprechen. Doch sie schafft es, sich durchzukämpfen und macht jetzt eine Ausbildung.
Trotz HandicapBornheimerin erfüllt sich größten Berufswunsch und wird Notfallsanitäterin

Anna Leyendecker mit ihrem Ausbilder, dem Wachleiter Christian Hoffmann in einem Rettungswagen der Rettungsstelle Bornheim.
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„Ihre Tochter wird niemals sprechen lernen.“ Mit dieser Diagnose wurden Rolf und Birgit Leyendecker aus Bornheim vor mehr als zwanzig Jahren konfrontiert und mussten sich darauf einstellen, dass Annas Lebensweg ein ganz schwieriger werden würde. Heute, mit 27 Jahren, ist eine Unterhaltung für Anna Leyendecker kein Problem. Wer sie nicht kennt, würde nicht annähernd erahnen, dass die freundliche, sportliche und aufgeschlossen wirkende junge Frau mit einem Handicap lebt. Vielleicht liegt es auch daran, dass Anna über das spricht, wovon ihr Herz so voll ist: Ihrem Traumberuf.
Seit einem Jahr macht sie eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin bei den Maltesern – ihr Standort ist die Lehrrettungswache in Bornheim – und kommt damit ihrem großen Vorbild, der Fernsehärztin „Doc Caro“ ein Stückchen näher. „Ich habe sie als Jugendliche häufig geschaut und fand klasse, wie sie mit den Menschen umgegangen ist“, erzählt Anna Leyendecker im Gespräch im Kreishaus in Siegburg, wo sie gerade in einer Ausbildungseinheit einen Einblick in die Arbeit der kreisweit agierenden Rettungsleitstelle bekommt. „Ich dachte damals, so möchte ich als Patientin auch behandelt werden.“
Erst als Torhüterin lernte die junge Frau laut zu sein
Zu der Zeit war sie noch meilenweit von dem jetzt gewählten Beruf entfernt. Aufgrund der Sprachstörung, die mit Kontakt- und Lernschwierigkeiten einherging, musste Anna Leyendecker auf eine Förderschule gehen – nicht klar, ob und für welchen Beruf sie später einsetzbar sein würde. Drei bis vier Mal pro Woche war sie als Kind in logopädischer Behandlung – für die Mediziner, die sie mit ihren Eltern aufsuchte, blieb ihr Handicap ein Rätsel.
Mit 15 konnte sie sich artikulieren, war in ihrer Sprache aber verzögert und sehr leise, erinnert sie sich. „Ich habe deswegen auch vermieden, mit anderen in Kontakt zu treten.“

Anna Leyendecker will unbedingt Notfallsanitäterin werden.
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Eine echte Besserung trat erst ein, als sie sich beim TuS Roisdorf anmeldete und mit dem Fußballspielen begann. „Das beste Mittel war nicht Therapie, sondern Teamsport“, sagt sie heute. „Ich war dort elf Jahre Torhüterin. Da lernt man, laut zu sein.“ Und so kämpfte sie sich sukzessive durch, lernte voller Eifer, und immer mehr als andere, wie ihre Eltern bestätigen. Weil sie unbedingt einen Abschluss und ein selbstständiges Leben wollte.
Ich bin nicht dumm oder zurückgeblieben, ich brauche nur länger, um zu verstehen und muss bis heute mehr lernen als andere.
„Heute kann ich über meine Sprach- und Lernschwäche reden“, sagt sie. „Ich bin nicht dumm oder zurückgeblieben, ich brauche nur länger, um zu verstehen und muss bis heute mehr lernen als andere.“ Der Wille, der in all ihren Worten durchblitzt, ist es auch, der die Ausbilder auf der Lehrrettungswache in Bornheim begeistert und beeindruckt. Wachleiter Christian Hoffmann hat sie schon als Praktikantin kennengelernt, ihre erste Ausbildung zur Rettungshelferin und Rettungssanitäterin bei den Maltesern gefördert – und nun auch den jüngsten Schritt – hin zur Notfallsanitäterin, der mit einer erneuten Ausbildung einhergeht. „Sie wird das von vorne bis hinten durchziehen“, ist er überzeugt.
Der Stresslevel ist extrem hoch. Man braucht einen langen Atem.
Ehrgeizig, fleißig und sorgfältig, sind die Attribute, die ihm zu Anna Leyendecker einfallen. Das sei nicht selbstverständlich, so Hoffmann. „Der Stresslevel ist extrem hoch. Man braucht einen langen Atem.“ Es komme durchaus vor, dass sich Auszubildende doch entscheiden, etwas anderes zu machen. Bei Anna Leyendecker läuft es genau umgekehrt – wohlgemerkt natürlich erst mit Abschluss in der Tasche. Nach der Förderschule beginnt sie eine Ausbildung zur Maler- und Lackiererin. Doch das Rettungswesen geht ihr spätestens nach dem Praktikum bei den Maltesern, bei dem sie auch schon bei Einsätzen mitfahren durfte, nicht mehr aus dem Kopf.
Es geht jetzt um lebensbedrohliche Situationen
Und so bewirbt sie sich ganz bescheiden zunächst für einen Mini-Job bei der Rettungswache. Im Vorstellungsgespräch, so erinnert sich Hoffmann, sei schnell klar geworden, dass sie in ihrem Hauptjob nicht glücklich sei. „Warum kommst Du nicht ganz zu uns?“, wurde sie gefragt. Und Anna Leyendecker ist sofort Feuer und Flamme. „In vier Stunden war der Maler- und Lackiererberuf gegessen!“, erzählt sie lachend. Sie macht eine Ausbildung zur Rettungshelferin im Krankentransport, anschließend einen Aufbaulehrgang zur Rettungssanitäterin, und kommt damit ihrem Ziel wieder ein Stückchen näher.
Während sie anfangs nur im Krankentransportwagen mitfahren darf, ist sie nun, als Notfallsanitäterin in Ausbildung, bei der Notfallrettung dabei. Jetzt geht es nicht mehr um Beinbruch oder Bandscheibenvorfall, sondern um lebensbedrohliche Situationen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle. „Jeder Einsatz ist besonders“, erzählt Anna Leyendecker – weil auch jeder Patient, jede Patientin anders sei. Natürlich gab und gibt es Situationen, die sie an ihre Grenzen führen.
Die Hitzeperioden der vergangenen Wochen hatten es auch für die Notfallhelfer in sich. „Das war nicht so angenehm“, berichtet die junge Frau. „Da hatten wir bis zu zehn Einsätze mit drei Rettungswagen am Tag“. Und dabei wurden sie auch das ein oder andere Mal von Polizei und Feuerwehr begleitet. „Wenn Türen verschlossen, waren“, erklärt sie, „und nicht klar war, was einen dahinter erwartet.“ Da habe sie dann auch Patienten betreut, die in stickigen Räumen, völlig dehydriert und überhitzt, in Lebensgefahr waren. Und nicht immer sei das gut ausgegangen.
Man muss sehr konzentriert sein im Straßenverkehr, aber es ist etwas ganz Tolles, wenn alle Platz machen.
Aber auch damit lernt Anna Leyendecker mehr und mehr umzugehen: „Man kann halt nicht jedem Menschen helfen.“ Grundsätzlich aber überwiege bei ihr die Dankbarkeit. Auch, weil sie die von den Patientinnen und Patienten spüre. „Wir bekommen sogar Dankesbriefe“, berichtet sie. Rund 100-mal ist sie bei Notfällen inzwischen mitgefahren, darf nicht nur Temperatur oder Blutdruck messen, sondern auch intravenöse Zugänge legen, sogar schon Einsätze führen und nach der bestandenen Prüfung des entsprechenden C1-Führerscheins im Frühjahr jetzt auch den Rettungswagen steuern. Letzteres übrigens mit totaler Begeisterung. „Man muss sehr konzentriert sein im Straßenverkehr“, gesteht sie, „aber es ist etwas ganz Tolles, wenn alle Platz machen.“
Sie weiß natürlich, dass ihre Ausbildung weiter herausfordernd bleiben wird, sie diszipliniert bleiben muss. Vor allem die vielen lateinischen und griechischen Fachbegriffe, die sie lernen muss, bereiten ihr manchmal Sorgen. „Wie merke ich mir die nur?“ Wenn alles glatt geht, wird sie 2028 ihr Staatsexamen machen. Ihre Eltern sind jetzt schon stolz auf sie: „Anna ist ein Beispiel dafür, dass man in einer Förderschule nicht auf dem Abstellgleis enden muss.“
