Abo

Wohnung unterm Dach770 Fledermäuse leben in Eitorf im Pfarrhaus

4 min
Dicht an dicht hängen die Fledermäuse an der Decke der Wohnung im Dachschoss des Pfarrhauses in Eitorf.

Dicht an dicht hängen die Fledermäuse an der Decke der Wohnung im Dachschoss des Pfarrhauses in Eitorf.

Für die scheuen Tiere wurde extra eine Wohnung umgebaut.

Wenn sich die drückende Hitze im dunklen Dachboden des alten Pfarrhauses in Eitorf tagelang staut, macht sich Heidrun Brieskorn große Sorgen um ihre Fledermäuse. Bis zu 50 Grad misst dann das Funkthermometer, dessen Sensoren an dem Dachfirsat angebracht sind. „Ich stelle flache Wasserschalen auf, durch die Verdunstung wird es in der direkten Umgebung kühler.“ Die Nachtschwärmer der Lüfte gruppieren sich am Boden liegend rund um die Schalen, hat sie beobachtet. 

Brieskorn zeigt auf das Thermometer. Es zeigt mittags um 14 Uhr schon 43 Grad an. Das Messinstrument liegt im Vorraum der früheren Dachgeschosswohnung. Der Mieter hatte berichtet, dass ihn regelmäßig Fledermäuse durchs geöffnete Fenster besuchten. Als der Mann im Jahr 2011 auszog, kamen Heidrun Brieskorn und ihr Mann Egbert, der 2013 verstarb, auf die Idee, dort eine Wohnung für die Luftakrobaten einzurichten. „Die scheuen Tiere hatten in einer Nische im oberen Bereich des Gebälkes ein Versteck gefunden“, erinnert sie sich.

Aktuell leben 770 Fledermäuse im Pfarrhaus in Eitorf

Mit Unterstützung des Naturschutzbundes NRW (Nabu), der NRW-Stiftung, der evangelischen Kirche sowie einiger Sponsoren, die den Umbau durch eine regionale Natur-Holzfachfirma ermöglichten, wurden die Räume fledermausgerecht ausgebaut. So wurden Fenster verdunkelt, zusätzliche Ritzen zum Verstecken geschaffen und Bretter zum Anhängen angebracht. Der Nabu sagte zu, künftig die Miete für die umgestaltete Wohnung zu zahlen. ,„Später erwies sich die zusätzliche Hilfe des BUND mit seinen Bundesfreiwilligen bei der jährlichen Reinigung der Wochenstube als sehr wertvoll“, so Brieskorn.    

Leise schließt Heidrun Brieskorn die Wohnungstür zu den Fledermäusen im Dachgeschoss auf.

Leise schließt Heidrun Brieskorn die Wohnungstür zu den Fledermäusen im Dachgeschoss auf.

Die „Großen Mausohren“, so heißt die Art im Pfarrhaus, nahmen das neue Quartier dankbar weiter an. Aktuell hat Brieskorn 770 Fledermäuse gezählt. Ein Teil davon sind neugeborene Jungtiere, die bereits fliegen können. Abends in der Dämmerung verlassen sie das Quartier auf dem Dachboden, um Jagd auf Insekten zu machen. Um zu überleben, muss eine Fledermaus täglich bis zu einem Drittel ihres eigenen Körpergewichts fressen. Das sind bis zu zehn Gramm. Allein in den Sommermonaten verdrückt jede Fledermaus so rund ein Kilogramm Insekten. 

Fledermäuse zeichnen weitere einige Besonderheiten aus. Sie sind die einzigen fliegenden Säugetiere, die Weibchen bewahren den Samen des Männchens nach der Paarung im Herbst im Körper auf. Mehrere Monate später kommt es erst im zeitigen Frühjahr zur Befruchtung, und der Nachwuchs wächst heran. Nur die Weibchen leben übrigens in der Wochenstube auf dem Dachboden und ziehen dort den Nachwuchs auf. Die erwachsenen männlichen Fledermäuse sind als Einzelgänger unterwegs.

Im Herbst verlassen die dämmerungsaktiven Jäger ihr Sommerquartier im Pfarrhaus, um an frostfreien Orten zu überwintern. In geschützten Höhlen, alten Stollen, anderen unterirdischen Verstecke, aber auch in hohlen Baumstämmen sind sie zu finden. „Hier auf dem Dachboden ist es im Winter zu kalt, dort  können die Temperaturen in den Minusbereich gehen“, so Brieskron. Das wäre für die schlafenden Fledermäuse tödlich.

Die Zeit ohne Fledermaus unter dem Dach nutzen die Tierfreunde, um den Dachboden zu reinigen. Die Kotreste werden zusammengekehrt, Reparaturen erledigt. Auch ein biologisches Vergrämungsmittel gegen Milbenbefall wird versprüht. „Wenn die Fledermäuse aus dem Winterquartier zurückkommen, ist hier alles in bester Ordnung“, sagt die 85-Jährige. Mehrmals in der Woche schaut sie im Pfarrhaus nach dem Rechten und fertigt in jedem Jahr einen umfassenden Bericht an. Hilfe für die Reinigungsaktionen findet sich immer, allerdings ist noch kein Projektleiter als Nachfolger in Sicht. Seit dem Tode ihres Mannes kümmert sie sich als Verantwortliche um die zweitgrößte Wohnstube für Fledermäuse in Nordrhein-Westfalen.  

Die Sprache der Fledermäuse aus Eitorf klingt für Menschen wie ein Nuscheln

Im Laufe der Jahre hat sie eine Beziehung zu den Tieren aufgebaut. „Viele kennen mich.“ Brieskorn hat früher Bratsche im WDR-Sinfonieorchester gespielt. Sie hat ein geschultes Gehör, und sie hat die Töne und Laute der Fledermäuse studiert, die Menschen überhaupt wahrnehmen können. So kommt ihr ein leises Nuscheln über die Lippen, wenn sie vorsichtig die Wochenstube betritt. „Ich gehe nicht davon aus, dass ich für sie verständliche Laute produziere. Die denken sicher, was für ein Chinesisch spricht die denn,“ sagt sie lachend. „Aber es funktioniert ja.“ 

Fledermäuse sind intelligente Tiere, da ist sich Brieskorn sicher. Und sie pflegen soziale Kontakte mit anderen Wochenstuben. So hatte sie vor einigen Jahren plötzlich 40 zusätzliche Fledermäuse im Pfarrhaus gezählt, die nach zwei Tagen wieder verschwunden waren. Recherchen ergaben, dass es sich um Nachbarn aus Merten handelte, die zu einem Besuch vorbeigeschaut hatten. 

Auf dem Beobachtungsposten vor dem Pfarrhaus werden die Fledermäuse beim Ausflug gezählt.

Auf dem Beobachtungsposten vor dem Pfarrhaus werden die Fledermäuse beim Ausflug gezählt.

Um die Übersicht zu behalten, führt Brieskorn genau Buch. Sie bezieht einmal pro Woche ihren Beobachtungsposten gegenüber dem Pfarrhaus. Kurz vor der Bürgerlichen Dämmerung, Civil Twilight genannt, kommen die Fledermäuse aus einer Öffnung unter einer Dachrinne geflogen. Auf einem dreibeinigen Jägerstühlchen sitzend, mit Infrarotkamera und einem Nachtsichtgerät zählt sie die ausfliegenden Fledermäuse. Ihr Engagement ist so herausragend, dass das alte Pfarrhaus im Jahr 2014 in NRW die Auszeichnung "Fledermausfreundliches Haus" erhielt. Die Plakette hängt gut sichtbar an der Eingangstür.