„Odessa Projekt“ in EitorfDie Klangfarben der Schwermut

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Klezmer mit viel Gefühl: (v. l.) Joachim Heinemann, Sabine Schmelzer-Beversdorff und Daniel Marsch

Klezmer mit viel Gefühl: (v. l.) Joachim Heinemann, Sabine Schmelzer-Beversdorff und Daniel Marsch

Eitorf – Der Vater ein Trinker, die Schwester eine Prostituierte und der Bruder ein Taschendieb – es ist schon eine Plage mit der lieben Verwandtschaft. Wenn das fünfköpfige „Odessa Projekt“ die trostlosen Familienverhältnisse einer armen Schmalzkringel-Verkäuferin besingt, dann fühlen sich die Zuhörer sofort in ein „Schtetl“ irgendwo im Osten versetzt.

Bei ihrem Gastspiel in der Biologischen Station nahmen die Musiker die 40 Konzertbesucher mit auf eine faszinierende musikalische Reise von Mazedonien bis zum Schwarzen Meer. Der Bandname huldigt Odessa, die Metropole, die als Schmelztiegel der osteuropäischen Volksmusik gilt.

Seit über zehn Jahren haben sich Stefanie Hölzle (Geige, Klarinette, Gesang), Sabine Schmelzer-Beversdorff (Saxofon, Gesang), Daniel Marsch (Akkordeon, Gesang) sowie Joachim und Susanne Heinemann (Kontrabass, Percussion) der Klezmer-Musik in all ihren Facetten verschrieben. Da reicht die Bandbreite vom Roma-Hochzeitslied, bei dem der trunkene Vater wegen der Schönheit seiner neuen Schwiegertochter vor Begeisterung drei Wochen lang tanzen möchte, bis hin zu dem schwülstigen „Bei mir bist Du scheen“, das in den jiddischen Theatern am Broadway für Furore sorgte – und den Bandmitgliedern auch reichlich Gelegenheiten für Frotzeleien gab.

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Immer wieder ging es um die ganz großen Gefühle, wie bei dem mazedonischen „Jovanne“, bei dem ein schmachtender Jüngling seine Angebeteten beim Wäschewaschen beobachtet und doch nicht näher kommen darf, weil ihre strenge Mutter wacht. Genauso oft handelten die Lieder von Träumen und deren Scheitern, wie in der lakonischen Immigranten-Geschichte von der „Grienen Cousine“ mit „Haaren wie Seide“ und „Zähnen wie Perlen“, von deren Schönheit nach einigen Jahren in der Textilfabrik nichts mehr übrig bleiben wird.

Das aus dem Bergischen Land stammende Ensemble bewegt sich nicht nur souverän in den sehr unterschiedlichen Stilen, es findet auch immer die passenden musikalischen Mittel für die Stücke. Mal fungierte die Geige als das melodietragende Element, mal war sie das Rhythmus-Instrument.

Die Kombination aus Saxofon und Akkordeon lieferte die passende Klangfarbe für den Schwermut, der sich durch die meisten Lieder zieht, ohne jemals in den Kitsch abzurutschen. Eine ganze Bandbreite von Percussions-Instrumenten erdete die Stücke zusätzlich, die mit selbst entwickelten Instrumenten wie dem „Klaxofon“ eine neue Wahrnehmung bekamen.

Den stärksten Eindruck hinterließen aber die Gesangsparts, vorwiegend von Stefanie Hölzle und Sabine Schmelzer-Beversdorff vorgetragen. Egal, ob als Solistin oder im mehrstimmigen Chor: Immer wieder gaben die Sängerinnen den Stücken eine besondere Note. Und dabei war es immer wieder beeindruckend, wie souverän sich das Ensemble in den unterschiedlichen Sprachen und Dialekten des Balkans bewegte.

Diese Mischung aus energiegeladenen, melodischen und melancholischen Stücken packte die Zuhörer von Beginn an. Es wurde begeistert mitgeklatscht und schließlich sogar mitgesungen.

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