Jede Sekunde zähltDer Wettlauf der Feuerwehrleute in Rhein-Sieg bis zum Einsatz

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Auf der Fahrt zum Einsatzort setzen die Feuerwehrleute ihre Helme auf und streifen sich die Atemschutzgeräte über.

Auf der Fahrt zum Einsatzort setzen die Feuerwehrleute ihre Helme auf und streifen sich die Atemschutzgeräte über.

Innerhalb von acht Minuten müssen Feuerwehrleute vor Ort sein – die Anfahrtszeit zum Gerätehaus zählt mit.

Wenn der Melder ertönt, zählen Sekunden: Dann müssen die ehrenamtlichen Feuerwehrleute im Rhein-Sieg-Kreis alles stehen und liegen lassen, um zum Gerätehaus zu kommen. Denn die Feuerwehren sind überwiegend freiwillig – und die Helferinnen und Helfer müssen einige Hindernisse bewältigen, um zur Wache zu gelangen. „Der Klassiker ist, dass man auf dem Klo sitzt oder unter der Dusche steht. Auch beim Friseur war ich schon mal, als der Alarm einging“, sagt Dennis Schwellenbach, Pressesprecher der Sankt Augustiner Feuerwehr. Dennoch müsse der Buisdorfer dann so schnell wie möglich zum Gerätehaus kommen, seine Uniform anziehen und in ein Fahrzeug steigen.

„In der Regel dauert das anderthalb bis zwei Minuten, ich wohne allerdings auch am Rand von Buisdorf und bin nie der Erste. Man zieht sich schnell ein Paar Schuhe an, guckt auf dem Melder, was das für ein Einsatz ist, dann geht’s los.“ Je nach Tages- oder Jahreszeit dauere das hin und wieder etwas länger. „Mancher kommt nicht so gut aus dem Bett wie andere, im Winter muss man auch mal die Scheiben freikratzen“, sagt Schwellenbach.

Der erste an der Wache mit Lkw-Führerschein setzt sich ans Steuer

Angekommen am Feuerwehrhaus liefen die Freiwilligen in den Umkleideraum. „Es ist nicht notwendig, etwas unter den Uniformen zu tragen, deswegen ziehen die meisten schnell noch ihre Jogginghose oder Jeans aus und legen sie in den Spind. Da die Uniformen Latzhosen sind, wirft man sich nur den Träger über die Schulter und streift sich die Jacke über.“ Da Sankt Augustin sehr kompakt sei und die Feuerwehr-Angehörigen nah bei der Wache wohnten, könne die Feuerwehr schnell ausrücken. „In Hennef haben sie durchaus mal vier bis fünf Kilometer Anfahrt bis zum Gerätehaus.“

Generell gelte: Der erste an der Wache, der einen Lkw-Führerschein habe, sei der Fahrer. „Wenn dann kein Atemschutzgeräteträger da ist, wechselt das auch mal – das entscheidet der Einheitsführer.“ Als erstes rücke stets das Löschfahrzeug aus, dann das dort stationierte Tanklöschfahrzeug, schließlich der Mannschaftstransporter. „Im Gerätehaus gibt es ein Funkgerät. Wer zu spät kommt, kann darüber erfragen, ob noch mehr Leute gebraucht werden. Gegebenenfalls fährt dann ein Mannschaftstransporter zurück und sammelt die Leute ein, gerade bei größeren Einsätzen ist das immer möglich, denn die Leute sollen nicht mit ihren Privatautos hinterherfahren.“

In Windeseile müssen Feuerwehrleute sich umgezogen haben. Die Latzhosen sind schnell übergestreift.

In Windeseile müssen Feuerwehrleute sich umgezogen haben. Die Latzhosen sind schnell übergestreift.

Wie lange Feuerwehrleute zur Wache brauchen, wirkt sich auch auf die Hilfsfrist aus: In Nordrhein-Westfalen muss die Feuerwehr in 80 Prozent der Fälle innerhalb von acht Minuten vor Ort sein. Das gilt auch für Ehrenamtler. Jedoch müssen sie im Gegensatz zu hauptamtlichen Wachen erst zum Gerätehaus gelangen, was in die Hilfsfrist einbezogen wird.

In Niederkassel-Lülsdorf wurde eine neue Wache gebaut, damit sie schneller erreichbar ist

„In Niederkassel-Lülsdorf muss deswegen eine neue Wache gebaut werden. Der Verkehr an der Kreuzung Feldmühlenstraße/Berliner Straße ist in den vergangenen Jahren extrem gewachsen, sodass die Kameradinnen und Kameraden nicht mehr rechtzeitig drüberkommen“, sagt Phileas Stiehl, stellvertretender Pressesprecher der Niederkasseler Feuerwehr. 

Die Verzögerung betreffe auch ihn selbst: „Ich wohne in der Bonner Straße in Rheidt, da sind viele Straßen mit Rechts vor Links. Ich weiß, dass ich das erste Fahrzeug nicht bekommen werde. Das zweite ist die Drehleiter, ansonsten bleibt der Einsatzleitwagen. Deswegen habe ich mich bei der Weiterbildung auf diese beiden Fahrzeuge und ihre Funktionen fokussiert“, sagt Stiehl. Er habe als ausgebildeter Notfallsanitäter eine Fortbildung zum Organisatorischen Leiter des Rettungsdienstes gemacht und dürfe bei Großschadenslagen mit einer Vielzahl von Patienten deren Versorgung koordinieren – alles ehrenamtlich.

„Unsere Einheit ist in den vergangenen Jahren extrem gewachsen, allein in Rheidt haben wir zehn Leute auf einen Schlag dazu bekommen. Die sind mittlerweile alle ausgebildet, sodass wir immer genügend Kräfte haben – nur unter der Woche zu normalen Arbeitszeiten ist das schwierig.“ Deswegen helfe der sogenannte Tagesalarm aus: Feuerwehrleute, auch aus anderen Kommunen, die in Niederkassel arbeiten, fahren bei Alarm raus und unterstützen ihre Kollegen.

Feuerwehrleute auf dem Weg zur Wache haben Sonderrechte

Die meisten Kameradinnen und Kameraden kämen mit dem Auto, andere mit dem Rad. „Wir haben auch einen, der Kickroller fährt – für den wollten wir immer mal ein Blaulicht organisieren“, scherzt Stiehl. Aufpassen müssten sie trotzdem, denn manchmal passieren dabei Unfälle: Am Neujahrsabend 2021 wollte ein Rheidter Feuerwehrmann schnell mit dem Auto zum Feuerwehrhaus fahren, eine Türöffnung war gefordert. Auf dem Weg rammte ihn ein Autofahrer, der zwar Vorfahrt  hatte, aber viel zu schnell war. Der Feuerwehrmann wurde schwer verletzt.

Dabei hatte der Feuerwehrmann auf seinem Weg zur Wache sogar Sonderrechte, wie Antonius Nolden, Sprecher des Rhein-Sieg-Kreises erläutert. „Das regelt Paragraf 35 der Straßenverkehrsordnung. Da Privatautos aber weder über Blaulicht noch Martinshorn verfügen, muss hier noch mehr Sorgfalt angelegt werden.“ Die meisten Rettungskräfte verhielten sich dabei verantwortungsvoll, dafür spreche die niedrige Zahl an Verstößen.

Doch auch im Feuerwehrauto, wenn Rettungskräfte auf Einsatzfahrt Rot zeigende Ampeln ignorieren dürften, müssten Regeln beachtet werden, betont Nolden. „Sie dürfen dabei keine Verkehrsteilnehmenden gefährden.“ Hin und wieder würden Einsatzfahrzeuge geblitzt. „Da auf den Bildern in der Regel nicht zu erkennen ist, ob ein Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn fuhr, löst jeder Geschwindigkeitsverstoß erst einmal einen Vorgang bei der Bußgeldstelle des Kreises aus.“

Werde bei der Anhörung eine ordnungsgemäße Einsatzfahrt mit Sonderrechten festgestellt, werde das Verfahren eingestellt. „Wenn nicht, teilt der Fahrzeughalter – also die Kommune – die Person am Steuer mit, die dann wegen einer Ordnungswidrigkeit belangt wird. Es macht in diesem Fall keinen Unterschied, ob es sich ein Fahrzeug von Einsatz- oder Rettungskräften handelt.“ Eine Toleranz gebe es nicht. Nolden: „Auch wenn keine Statistik darüber geführt wird, wie oft Rettungskräfte geblitzt werden, zeigt die Erfahrung, dass bisher nur wenige Verstöße verfolgt und geahndet werden mussten.“


Im Rhein-Sieg-Kreis gibt es nur Freiwillige Feuerwehren

Alle Feuerwehren im Rhein-Sieg-Kreis sind Freiwillige Feuerwehren, es gibt keine Berufsfeuerwehren, aber Berufsfeuerwehrleute. Sie besetzen in Troisdorf und Siegburg die Wachen und erledigen kleinere Einsätze wie Türöffnungen, Mülleimerbrände und Unterstützung des Rettungsdienstes selbst. Bei größeren Lagen werden die Freiwilligen hinzugerufen.

Ab einer Einwohnerzahl von 50.000 Menschen müssen Kommunen eine hauptamtliche Wache führen. Große, kreisfreie Städte müssen eine Berufsfeuerwehr haben, Freiwillige Feuerwehren kommen hier nur bei außergewöhnlich großen Einsätzen zum Zug. (mfu)