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Zwischenbilanz der ArbeitsagenturRhein-Sieg-Unternehmen sind zurückhaltend bei der Ausbildung

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Tim Hoppe, Dachdeckermeister, und seine Kollegen arbeiten auf der Dachfläche eines Schulgebäudes.

Dachdecker haben gut zu tun. Bei anderen Handwerksunternehmen ist die Lage nicht so rosig. Sie sind bei der Ausbildung deshalb zurückhalten.

Mehr Ausbildungsinteressierte, aber weniger Angebote von Unternehmen und Behörden. So präsentiert sich zurzeit der Ausbildungsmarkt.

Die Zahl der Schulabgängerinnen und -abgänger in der Region Bonn/Rhein-Sieg, die sich für eine Berufsausbildung interessieren und einen Ausbildungsbetrieb suchen, nimmt offenbar deutlich zu. Das geht aus der Halbjahrenbilanz  für den Ausbildungsmarkt 2025/2026 hervor. Er wurde am Dienstag von Arbeitsagentur, Industrie- und Handelskammer (IHK), Kreishandwerkerschaft und Handwerkskammer vorgestellt. 

„Die Zahl der Ausbildungsinteressierten steigt in diesem Jahr weiter an - obwohl die Gymnasien in unserer Region 2026 keinen Abiturjahrgang stellen“, sagt Stefan Krause, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg. Allerdings hält das Angebot an Ausbildungsplätzen offenbar nicht mit der wachsenden Nachfrage Schritt.

Risiken für die Wirtschaft in Bonn/Rhein-Sieg

Bei der Arbeitsagentur geht man davon aus, dass seit Beginn des Ausbildungsjahres im Sommer 2025 von Unternehmen und Behörden im Rhein-Sieg-Kreis und in der Stadt Bonn etwas mehr als 3200 Ausbildungsstellen bei der Arbeitsagentur gemeldet wurden. Im Vergleich zum Ausbildungsjahr 2024/2025 wäre das ein Rückgang um rund 23 Prozent.

Arbeitsagenturchef Krause sieht in dieser Entwicklung Risiken für die Wirtschaft in der Region. „Angesichts des Fachkräftemangels betrachten wir den Rückgang des Ausbildungsangebots mit Sorge“, sagt er. „Junge Menschen, die in diesem Jahr eine Ausbildung beginnen, machen 2029 ihren Abschluss. Gleichzeitig gehen in den kommenden Jahren viele Fachkräfte mit langjähriger Berufserfahrung in Rente.“ Betriebe, die jetzt nicht ausbildeten, gingen ein hohes Risiko ein, „in der Zukunft ins Hintertreffen zu geraten“, so Krause.

Mit Blick auf die Branchen stellt die Agentur für Arbeit einen besonders starken Rückgang der Zahl der Ausbildungsstellen im öffentlichen Dienst und im Einzelhandel fest. Dennoch stelle der Einzelhandel weiterhin die größte Zahl an Ausbildungsstellen. Zurzeit sind nach Erkenntnissen der Arbeitsagentur in der Region fast 3800 Menschen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Das sind fast vier Prozent mehr als im Vorjahr.

IHK sieht stabilen Ausbildungsmarkt

Als „noch zurückhaltend“ bezeichnet die Handwerkskammer den Ausbildungsmarkt in ihrem Zuständigkeitsbereich. Besonders auffällig sei in diesem Zusammenhang der Elektro- und Metallbereich. Dagegen sei die Baubranche „nur unmerklich von einer rückläufigen Tendenz betroffen“. Grund sei, dass sich das Dachdecker-Gewerk nach wie vor großer Nachfrage erfreue. Als Ursache für die Zurückhaltung der Handwerksunternehmen bei der Ausbildung sieht man bei der Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg unter anderem die derzeit angespannte geopolitische und wirtschaftliche Lage.

Die Bereitschaft unserer Betriebe, junge Menschen auszubilden, ist nach wie vor gegeben, sagt aber Ulrike Pütz, die Leiterin der Karrierewerkstatt bei der Handwerkskammer Köln. Sie geht davon aus, dass die Ausbildungszahlen in den kommenden Monaten wieder ansteigen werden. Das Handwerk biete weiterhin „sinnstiftende, krisenfeste und zukunftssichere Berufe“, insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, so Pütz.

Keinen negativen Trend beim Thema Ausbildung sieht man dagegen bei der IHK. Im Gegenteil: Dort sind zurzeit 569 Ausbildungsverträge registriert, rund 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr, schildert Jürgen Hindenberg, Geschäftsführer Berufsbildung und Fachkräftesicherung der IHK. Der Ausbildungsmarkt im Bereich Industrie, Handel und Dienstleistung sei stabil. „Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften ist ungebrochen und wird durch den demografischen Wandel in den kommenden Jahren weiter verschärft“, so Hindenberg.


Belebung am Arbeitsplatz bleibt aus

Unternehmen und Behörden aus dem Rhein-Sieg-Kreis und aus Bonn haben der Arbeitsagentur im März ungewöhnlich viele offene Stellen gemeldet. Das geht aus dem am Dienstag veröffentlichten Arbeitsmarktbericht für den Wirtschaftsraum Bonn/Rhein-Sieg hervor. Demnach lag die Zahl der neu gemeldeten Stellen bei fast 1700. „Das ist – auch im Vergleich zum Vorjahr – überdurchschnittlich viel“, sagt Arbeitsagentur-Chef Stefan Krause. „Ob dies zu einer Belebung am Arbeitsmarkt führen kann, bleibt abzuwarten.“

Derzeit sind bei der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg 5037 offene Stellen gemeldet. Das sind 490 Stellen oder fast 11 Prozent mehr als im Februar dieses Jahres und sogar 615 mehr als im März 2025. Andere Kennzahlen deuten noch nicht auf eine Erholung auf dem regionalen Arbeitsmarkt hin. So blieb vor allem die Zahl der in der Bundesstadt und im Kreisgebiet offiziell arbeitslos gemeldeten Menschen im März nahezu unverändert. Im vergangenen Monat waren bei der Arbeitsagentur 33.506 Personen arbeitslos gemeldet. Im Februar waren es 33.663. Die Arbeitslosenquote bleibt damit unverändert bei 6,5 Prozent.

Im Verlauf des März meldeten sich in der Region 5624 Menschen arbeitslos, 49 weniger als im Februar. 2133 dieser neu arbeitslos Gemeldeten gingen zuvor einer Erwerbstätigkeit nach. Demgegenüber meldeten sich im März 5772 Personen aus der Arbeitslosigkeit ab. 1876 von ihnen nahmen im Anschluss eine Erwerbstätigkeit auf.