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„Ungleiche Chancen, ungleiche Bezahlung“Warum für Frauen aus Rhein-Sieg der Weltfrauentag so wichtig ist

7 min
Am ersten Frauentag kämpften die Frauen für ihr Wahlrecht. Auch in heutiger Zeit stehen Themen wie Gleichberechtigung, Frauenrechte und Gleichstellung weiter im Vordergrund.

Am ersten Frauentag kämpften die Frauen für ihr Wahlrecht. Auch in heutiger Zeit stehen Themen wie Gleichberechtigung, Frauenrechte und Gleichstellung weiter im Vordergrund.

Sechs Frauen aus unterschiedlichen Bereichen des Lebens berichten über ihre persönlichen Erfahrungen.

Um Emanzipation und das Wahlrecht ging es den Frauen zu Beginn ihrers Kampfes um Gleichberechtigung vor allem. Der allererste Frauentag fand am 19. März 1911 statt. Zehn Jahre später wurde das offizielle Datum auf den 8. März gesetzt. Seitdem lenkt der Weltfrauentag jährlich die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der Frauenrechte, auf die Position von Frauen in der Gesellschaft und auf ihre Gleichbehandlung.  

Für viele Frauen ist klar, es wurde schon viel geschafft seit der Erkämpfung des Wahlrechts. Das heißt aber nicht, dass die Gleichberechtigung in der Gesellschaft tatsächlich erreicht wurde. Immer noch gibt es ungleiche Bezahlung für die gleiche Arbeit, in puncto Haushalt und Kinder leisten Frauen oft noch mehr Arbeit als ihre männlichen Partner – nicht alle freiwillig. Das Verhalten von Frauen wird anders bewertet als das von Männern. Es liegt also noch viel Arbeit vor uns.

Das empfinden auch Frauen im Rhein-Sieg-Kreis so. Sie wissen, was sie können, was sie erreicht haben, sowohl im Beruf als auch im Alltag. Aber sie fordern, dass die Aufmerksamkeit auf den Themen Gleichberechtigung und Gleichstellung nicht nachlässt. Sechs Frauen aus unterschiedlichen Bereichen des Lebens berichten über ihre persönlichen Erfahrungen.

Carina Molitor, Besitzerin des Geschäfts „Zugvögel“ in Siegburg

Carina Molitor steht in ihrem Atelier und blickt lachend in die Kamera. Im Hintergrund sieht man ein Bügelbrett, Schnittmuster und Stoffproben.

Carina Molitor ist selbstständig und hat eine fünfjährige Tochter.

Auch wenn der Laden sozusagen mein erstes Baby war, habe ich erst nach der Geburt meiner Tochter gemerkt, wie viel Zeit ein Kind wirklich in Anspruch nimmt. Das ist natürlich schöne Zeit, die man miteinander verbringt, aber trotzdem hat auch mein Tag nur 24 Stunden. Mein Mann und ich versuchen, uns die meisten Aufgaben in puncto Haushalt und Kinderbetreuung zu teilen.

Doch im Alltag übernehme ich mehr, zum Beispiel das Fertigmachen für die Kita. Ich denke, das hängt auch mit meiner Selbstständigkeit zusammen. Ich tendiere schneller dazu, Aufgaben zu übernehmen, weil ich mir es vermeintlich leichter einrichten kann. Man muss aufpassen, dass man trotzdem versucht, das Gleichgewicht zu halten, und sich selbst auf der Prioritätenliste nicht immer ganz nach unten packt.

Mein Berufsalltag, die Modebranche, ist sehr weiblich. Hier begegnen mir keine Hierarchien, und auch in meinen Laden kommen überwiegend Frauen. Ich hatte es aber schwerer, mich als Unternehmerin in Siegburg zu positionieren. Viele denken, es sei bloß ein bisschen Mode. Doch dahinter steckt viel mehr, ich muss beispielsweise auch gut mit Zahlen umgehen können. Ich möchte solche Vorurteile gar nicht mehr im Kopf haben, wenn ich Männern gegenüber trete. Ich weiß, was ich als Frau kann, und so präsentiere ich mich auch. 

Nicola Dichant, Gewerkschaftssekretärin beim DGB Bonn/Rhein-Sieg

Nicola Dichant ist Gewerkschaftssekretärin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Köln/Bonn.

Nicola Dichant ist Gewerkschaftssekretärin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Köln/Bonn.

Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die fast immer in Vollzeit gearbeitet hat. Man könnte also sagen, Einstehen für Gleichberechtigung ist mir in die Wiege gelegt worden. Die fehlende Nachmittagsbetreuung in der Kita oder der Ausfall von Schulstunden waren dann schnell ein Problem. Fehlende soziale Infrastruktur führt auch heute zu massiven Problemen bei der Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die grundsätzliche Frage, wer eigentlich das Geld nach Hause bringt, war bei mir also auch immer klar: meine Mutter.

Auch wenn der männliche Alleinverdiener nicht mehr so sehr dominiert, Frauen arbeiten viel öfter in Teilzeit, und sie verdienen in NRW immer noch rund 15 Prozent weniger als Männer. Die Frage, ob der Kollege im Büro nebenan also mehr verdient als man selbst, kann sich jede Frau berechtigterweise stellen. Ich finde, das ist ein Skandal! Denn als Gewerkschafterin ist die Prämisse „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ für mich ein Mindestmaß. Was da hilft, sind Tarifverträge und Mut in Gehaltsverhandlungen. Ich kann also alle Frauen nur ermutigen, sich uns anzuschließen und einer Gewerkschaft beizutreten und für sich und das eigene Können mutig einzustehen.

Barbara Lülsdorf (CDU), Vize-Bürgermeisterin der Stadt Niederkassel

Barbara Lülsdorf (CDU) ist Vize-Bürgermeisterin der Stadt Niederkassel

Barbara Lülsdorf (CDU) ist Vize-Bürgermeisterin der Stadt Niederkassel

Für mich bedeutet der Weltfrauentag Würdigung, Erinnerung und Sensibilisierung. Er würdigt die Leistungen und Errungenschaften von Frauen in Gesellschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Er erinnert an die vielen historischen Kämpfe für Frauenrechte, die geführt werden mussten, und macht zugleich auf noch bestehende Probleme aufmerksam: ungleiche Chancen, ungleiche Bezahlung, Care-Arbeit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Gewalt gegen Frauen - nicht nur hier, sondern weltweit.

Als unsere Kinder klein waren, habe ich meine Anstellung aufgegeben, um die Kinderbetreuung flexibler gestalten zu können. Ich habe diese Entscheidung nie bereut, sie war richtig für unsere Familie. Dennoch zeigt meine Erfahrung, wie stark gesellschaftliche Rahmenbedingungen Lebenswege von Frauen beeinflussen und prägen. Heute hat sich bereits vieles verbessert, und trotzdem bleibt Gleichstellung eine Aufgabe.

In meinen Augen polarisiert der Begriff Feminismus oft. Für mich geht es nicht um Schlagworte oder Extrempositionen, aber um Anerkennung, faire Chancen und Möglichkeiten für Frauen, ihren eigenen Lebensweg zu gestalten.

Carmen Clea Vetere, Galeristin aus Eitorf

Carmen Clea Vetere führt die Galerie Incontro in Eitorf.

Carmen Clea Vetere führt die Galerie Incontro in Eitorf.

Ich bin der Meinung, dass man Probleme und Missstände nur angehen kann, wenn man sie auch als solche erkennt und benennt. Natürlich reicht nicht ein Tag im Jahr, um etwas zu verändern, aber der Weltfrauentag ist wichtig, da viele denken, das Thema sei eigentlich keins mehr. In Statistiken wird aber deutlich, dass Frauen in Bezug auf berufliche Führungspositionen, Einkommen, finanzielle Absicherung im Alter oder der Verteilung der Care-Arbeit benachteiligt sind.

Auch Strukturen wie zum Beispiel das Ehegattensplitting schwächen die Position von Frauen. Immer noch werden Frauen, die medial sichtbar sind, egal ob in der Politik, Wirtschaft oder im Sport, über Äußerlichkeiten bewertet. Kommentare, die öffentlich über Frauen gemacht werden, wären über Männer in denselben Positionen in der Regel undenkbar. Immer noch erleben wir, dass gleiches Verhalten bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich bewertet wird – was bei einem Mann mit Stärke und Durchsetzungsvermögen assoziiert wird, gilt bei einer Frau schnell als zu emotional.

Ich persönlich habe das Glück, mit emanzipierten Eltern aufgewachsen zu sein. Da ich mich bereits mit 19 selbstständig gemacht habe, musste ich nie in klassischen Strukturen und Machtverhältnissen arbeiten und konnte immer relativ frei agieren.

Kim Jonas, lebt in Siegburg und arbeitet als Pfandleiherin

Kim Jonas, lebt in Siegburg und arbeitet als Pfandleiherin.

Kim Jonas, lebt in Siegburg und arbeitet als Pfandleiherin.

Ich denke, in den letzten Jahren hat sich der gesellschaftliche Blick auf Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung deutlich verstärkt. Gewalt gegen (Trans-)Frauen, strukturelle Benachteiligung oder Kommunikation auf Augenhöhe werden häufiger und offener diskutiert.

Dass wir noch nicht am Ziel angelangt sind und diese Themen ad acta legen können, macht sich im Alltäglichen dann aber doch noch bemerkbar: Man-Spreading in der Bahn oder Catcalling auf dem Weg zur Arbeit werden als Kleinigkeiten immer noch einfach weggewischt und zeigen nur allzu deutlich auf, dass Respekt und Rücksichtnahme weiterhin große Rollen spielen müssen.

Bei meiner Arbeit als Pfandleiherin sehe ich den Wandel auch. Schleichend, aber in den Köpfen kommt langsam an, dass sich Veränderung und Aufmerksamkeit auch in Sprache ausdrücken können. Es werden Kommunikationsseminare für sensiblere und respektvollere Sprache angeboten, um langfristig etwas zu bewirken. Bei einigen stößt das leider (noch) auf Widerstand, aber wer verlässt schon gerne die eigene Komfortzone?

Hanna Nora Meyer, SPD-Ratsfrau aus Hennef

Hanna Nora Meyer, SPD-Ratsfraktion Hennef

Hanna Nora Meyer, SPD-Ratsfraktion Hennef

Der Weltfrauentag ist gerade in der aktuellen Situation wichtig und richtig – und er sollte deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Gerade für junge Frauen ist die gegenwärtige Entwicklung herausfordernd. In sozialen Medien wird jungen Männern teilweise vermittelt, Feminismus sei etwas Negatives, und er wird häufig als eine Form von „Männerhass“ dargestellt. Parallel dazu verbreiten sich Hochglanzdarstellungen sogenannter „Tradwives“. Dabei gerät oft in den Hintergrund, dass viele dieser Frauen gleichzeitig eigene Geschäftsmodelle aufbauen und betreiben.

Mit Blick auf Frauenrechte in Deutschland beschäftigt mich aktuell besonders die Debatte rund um das Abtreibungsrecht sowie das Besetzungsverfahren am BVerfG im Zusammenhang mit Frau Brosius-Gersdorf.

Beruflich arbeite ich in einem sehr weiblich geprägten Bundesamt. Im kommunalpolitischen Ehrenamt stellt sich die Situation teilweise anders dar. Nach meiner Wahrnehmung gibt es immer noch Ausschüsse, die stark männlich geprägt sind – und in denen es fast als Kuriosität gilt, wenn sich Frauen engagieren. Vor einigen Jahren fiel im Bauausschuss der Satz: „Was will denn die Kleine im Bauausschuss?“. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits mehrere Jahre kommunalpolitisch aktiv, Volljuristin und in einer Bundesbehörde tätig.

Auch in manchen Gesprächsrunden habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Austausch eher mit männlichen Kommunalpolitikern gesucht wird. Gleichzeitig sehe ich aber auch Veränderungen. Immer mehr junge Menschen engagieren sich in der Kommunalpolitik und bringen neue Perspektiven, Erfahrungen und Werte in die Zusammenarbeit ein.