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Häusliche GewaltWie die Männerberatung des SKM Rhein-Sieg mit Tätern arbeitet

5 min
Daniel Beck über die Männerberatung des SKM Bonn/Rhein-Sieg

Daniel Beck leitet die Anti-Gewalt-Kurse des SKM Rhein-Sieg.

In Anti-Gewalt-Kursen lernen Männer, ihre Warnsignale zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und Eskalationen zu verhindern.

Zittern, Stottern, Tunnelblick, Atemnot: Das seien typische Warnsignale, erklärt Daniel Beck, von denen Männer berichteten, die ihren Partnerinnen oder Expartnerinnen gegenüber gewalttätig geworden seien. Wenn jemand laut wird oder mit der flachen Hand auf den Tisch haut, ist die Schwelle zur Eskalation vielleicht bereits überschritten. 

Das Erkennen solcher Signale ist Teil des Anti-Gewalt-Kurses, einem Training zur Vermeidung häuslicher Gewalt, das die Beratung für Männer und Jungen des SKM Rhein-Sieg anbietet. Der Sozialarbeiter Daniel Beck leitet diese Trainings. Bei vielen der Männer sei eine Gewaltspirale zu beobachten, die meistens in einem Konflikt beginne und dazu führen könne, „dass die Männer nicht nur verbal beleidigend und abwertend werden, sondern die Kontrolle verlieren – ihre Partnerin packen, schubsen, würgen und schwerwiegend verletzen können“.

Auch Partnerinnen und Expartnerinnen werden in die Beratung einbezogen

Gemeinsam erarbeite man einen Notfallplan für Situationen, in denen die Kursteilnehmer ihre Warnsignale spürten, erklärt Beck. Beispielsweise sollen die Männer mit ihren Partnerinnen bestimmte Handzeichen vereinbaren, die zeigen, dass sie jetzt das Gespräch und den Raum verlassen werden. Die Männer überlegen sich im Kurs, wie sie sich dann am besten beruhigen und später wieder das Gespräch zu ihrer Partnerin suchen können, um einen Konflikt konstruktiv zu lösen.

In den Anti-Gewalt-Kurs kommen vor allem Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Zum Teil haben sie den Kurs durch das Jugendamt oder das Familiengericht, in Einzelfällen durch das Strafgericht auferlegt bekommen. Es kämen aber auch immer häufiger Männer aus eigener Initiative in den Kurs, sagt Beck.

Ich verlasse mich nicht auf das, was der Mann allein mir erzählt – es gibt Täterstrategien, es gibt Verharmlosung.
Daniel Beck

Über den Zeitraum von einem halben Jahr trifft sich dann wöchentlich eine Gruppe von bis zu zehn Männern. Ziel ist, Verantwortung für das eigene Verhalten zu erlernen, Handlungsstrategien gegen die eigene Gewalttätigkeit zu erarbeiten „und sich mit den eigenen Gefühlen und Emotionen auseinanderzusetzen, was vielen Männern sehr schwerfällt“. Voraussetzungen für den Kurs sind genügende Deutschkenntnisse, keine schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und die ernsthafte Bereitschaft, an sich zu arbeiten.

Gewalt hat viele Gesichter: Verbote, Beleidigungen, Abhängigkeit

Zuerst müssen die Männer verstehen, welche Folgen ihre Taten haben. Daniel Beck bittet die Kursteilnehmer oft, einen Zettel so oft zu falten, bis das nur noch unter hoher Kraftaufwendung möglich ist. Dann entknittert er das Blatt Papier: „Stellen Sie sich vor, dieser Zettel ist die Psyche Ihrer Partnerin. Die körperlichen Verletzungen verheilen, aber die seelischen Narben gehen nie wieder weg.“ Wichtig sei ihm auch, zu zeigen, dass Gewalt nicht erst beim Körperlichen beginne, sondern bei Beleidigungen, dem Verbieten von Dingen oder auch ökonomischer Gewalt, dem bewussten Abhängig-machen der Partnerin.

Daniel Beck über die Männerberatung des SKM Bonn/Rhein-Sieg

Mit einem Blatt Papier zeigt Daniel Beck, dass Taten Spuren hinterlassen.

Auch den Partnerinnen oder Expartnerinnen der gewalttätigen Männer biete man an, sie in das Beratungsangebot einzubeziehen. Ihnen gegenüber sei das Team des SKM vertraglich von der Schweigepflicht entbunden, um sie beispielsweise warnen zu können, wenn sich eine Eskalation ankündige. In der aktuellen Gruppe habe er zu drei Frauen Kontakt aufnehmen können, sagt Daniel Beck. Im persönlichen Gespräch frage er danach, wie sie die Gewalttätigkeit der Männer erlebt hätten: „Ich verlasse mich nicht auf das, was der Mann allein mir erzählt – es gibt Täterstrategien, es gibt Verharmlosung.“

Außerdem bespreche man mit den Partnerinnen die Warnsignale, die der betreffende Mann zeige, und einen Notfallplan, wenn sich diese äußerten: „Gibt es Nachbarn, einen Kiosk oder eine Tankstelle in der Nähe, wo sie sofort hingehen können? Wie funktioniert ein solcher Plan mit Kindern?“ Im Falle von drohender Gewalt empfehle er, die 110 zu wählen, „damit die Polizei in so einem Fall zum Beispiel eine Wohnungswegweisung für zehn Tage aussprechen kann, und damit die betroffene Person ihre Möglichkeiten im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes in Anspruch nehmen kann“. Zur Beratung der Partnerinnen arbeitet der SKM eng mit den Frauenzentren in Rhein-Sieg zusammen.

Wachsender Frauenhass im Netz: Präventionsarbeit muss früh ansetzen

In Vorgesprächen mit den Kursteilnehmern erfahre man oft, dass viele von ihnen in ihrem Leben schon selbst von Gewalt betroffen gewesen seien, sagt Daniel Beck – sei es im Elternhaus, in der Schule oder im Freundeskreis. „Um Präventionsarbeit zu leisten, müssen wir ganz, ganz früh anfangen.“ Er spricht Femizide an, aber auch den wachsenden Frauenhass in sozialen Medien durch Influencer wie Andrew Tate, die Kinder und Jugendliche früh beeinflussen können.

„Viele Jungs werden sehr früh dahingehend geprägt, dass sie keine Emotionen zeigen dürfen. Das wird in unserer Gesellschaft leider oft mit Schwäche gleichgesetzt“, sagt Daniel Beck. Daher suchten sie sich bei ernsten Problemen oft keine Hilfe: „Wenn Männer in Krisen sind, ist es oft so, dass sie mit der Situation alleinbleiben und versuchen, das mit sich selbst auszumachen.“ Das wiederum führe dazu, dass Jungen und Männer eher zu problematischem Alkohol- und Drogenkonsum, Gewalttätigkeit und Kriminalität neigten als Frauen.

Viele Jungs werden sehr früh dahingegend geprägt, dass sie keine Emotionen zeigen dürfen.
Daniel Beck

96 Prozent der Gefängnisinsassen in Deutschland seien Männer, sagt Daniel Beck, fast drei Viertel der Suizide würden von Männern begangen. „Viele Männer weinen in unserer vertraulichen Beratung bitterlich, weil sie merken, was sie in der letzten Zeit alles ausgehalten haben“, sagt Beck. „Dann merken sie, dass diese innere Schutzwand, die sie ihr Leben lang aufgebaut haben, bröckelt, und dass es befreiend ist, sich zu öffnen.“

Ein abgeschlossener Anti-Gewalt-Kurs bedeute nicht, dass die Männer danach „geheilt“ seien, stellt Beck klar. Manche Männer säßen den Kurs für die Erfüllung einer Auflage ab. Trotz zeitlich knapper Ressourcen biete man immer eine weitergehende Beratung an, die aber sehr wenige Männer in Anspruch nähmen.

Die Warteliste für den Anti-Gewalt-Kurs ist laut Beck lang, ebenso für die Krisenberatung. Letztere ist ein Angebot, wo Jungen und Männer etwa im Fall von Beziehungskonflikten und Trennungen, bei Todesfällen, psychischen Krisen oder Fragen zur Vaterschaft Rat finden. Hier finden auch Jungen und Männer Rat, die selbst Gewalt erfahren haben. Die Finanzierung der Krisenberatung laufe bis Ende 2026 durch den Rhein-Sieg-Kreis, die Finanzierung der Anti-Gewalt-Kurse sei bis Ende 2027 über das NRW-Familienministerium gesichert. Wie es dann weitergehe, sei unklar, so Beck: „In Zeiten von leeren Kassen ist es unheimlich schwierig, längerfristig ein Beratungsangebot anbieten zu können. Aber das ist zwingend erforderlich.“