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Deutsch-türkische AnnäherungKämpfer für die Rechte der Tataren

4 min

Hicabi Saglam

Siegburg – „Ich versuche die Tataren zusammenzutrommeln.“ Hicabi Saglam ist in Siegburg bekannt als Aktivposten der deutsch-türkischen Annäherung. Zurzeit widmet er sich einer anderen Aufgabe: Er organisiert eine europaweite Aktion mit, um die Aufmerksamkeit auf die Situation der Tataren auf der Krim zu lenken, die im Gebiet der Ukraine liegt.

Am Samstag, 18. Mai, sollen vor jeder ukrainischen Vertretung in Europa möglichst viele Menschen daran erinnern, wie Stalin die rund 180 000 Krimtataren 1944 in einer einzigen Mai-Nacht nach Zentralasien deportieren ließ. Der Bezug zur Vergangenheit hat einen aktuellen Anlass: Nachdem sie unter Gorbatschow wieder zurück in ihre alte Heimat durften, erleben die Krimtataren nun neue Repressionen. Hass schlage ihnen sowohl von den Russen, die auf der Krim leben, als verstärkt auch von den Ukrainern entgegen, berichtet Saglam, der die Gegend vor drei Jahren bereist hat.

In der Türkei leben mehr als drei Millionen Tataren. Daher erführen die Krimtataren aus seinem Vaterland viel Unterstützung. Saglam selber ist durch Bücher des Krimtataren Mustafa Abdulcemil Kirimoglu auf die Not des kleinen Turkvolks aufmerksam geworden. Die Krim ist eine autonome Republik innerhalb der Ukraine. Für die Russen ist sie extrem wichtig, weil sie über den Hafen von Sewastopol Zugang zum Schwarzen Meer haben. Noch Ende März hatte Vladimir Putin dort ein großes Seemanöver befohlen.

Dass viele Russen die Tataren ablehnen, hat historische Gründe. Über Jahrhunderte waren die Tataren für ihre Raubzüge gefürchtet, bei denen sie Schätzungen zufolge bis zu drei Millionen Menschen aus Südrussland und der Ukraine gefangen genommen und als Sklaven in den Nahen Osten und das Osmanische Reich verkauft hatten. Die Tataren galten als außerordentlich brutal. Dem Sklavenhandel gingen sie bis ins frühe 18. Jahrhundert nach. Es folgten Jahrhunderte unter russischer Hoheit. Als 1941 Hitlers Truppen die Krim eroberten, gab es Bestrebungen von den Tataren, mit den Deutschen zu sympathisieren. Rund 20 000 von ihnen mussten für Hitler kämpfen. Etwa genauso viele dienten in der Roten Armee und weitere Tausende schlossen sich den russischen Partisanen an, die gegen die deutsche Annexion kämpften. Doch Stalin bezichtigte nach seinem Sieg über Hitler das ganze Volk der Krimtataren der Kollaboration mit den Deutschen.

Scheinbar lange ist das her. Doch alte Seilschaften des KGB, des russischen Geheimdienstes, aus dem auch Putin hervorging, vermuten einige Tataren etwa hinter Morddrohungen, die Kirimoglu häufig erhält. Der tatarische Freiheitskämpfer wird von Bodyguards beschützt.

Mittlerweile leben rund 250000 Tataren auf der Halbinsel, die insgesamt knapp zwei Millionen Bewohner hat. Um die Krimtürken machen sich viele Tataren und auch viele Türken auf der ganzen Welt in den vergangenen Jahren verstärkt Sorgen. Saglam schildert die heutigen Tataren als moderne, kultivierte Menschen. Kaum eine Frau trage Kopftuch, Bildung sei ein hohes Gut. Allerdings lebten viele Krimtataren in großer Armut. Und ihre Schulen und anderen Einrichtungen würden zunehmend bedroht. Darauf soll die Aktion vor den ukrainischen Botschaften aufmerksam machen. Saglam hat einen Bus organisiert, mit dem er die Tataren aus der Region und in Köln aufsammeln möchte.

Um 11 Uhr soll die Gruppe in Brüssel sein. Als Türke hat er einen besonderen Bezug zum Schicksal der Krimtataren. Vielleicht sind es aber auch die Dinge, die Saglam selber gesehen und erlebt hat, die ihn zu aktiver Solidarität anspornen. Etwa die schwierige Integration der Russlanddeutschen. Als er selber 1979 als 17-Jähriger mit seiner Familie nach Siegburg kam, „waren die Türken nicht anerkannt. Das hat mir weh getan.“ Es sei schwierig für Türken gewesen, eine Wohnung zu bekommen. Die Vorurteile blühten. Eines davon: „Die kochen doch immer Knoblauch, dann stinkt die ganze Straße.“ Spätestens mit der Gründung des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins und dann bei der großen Demonstration gegen Neo-Nazis hat der Familienvater bemerkt: „Die Deutschen stehen hinter uns. Wir sind nicht alleine.“ Saglam weiß, dass es bis zu einem echten Miteinander noch ein sehr weiter Weg ist. Er selber ist offen, dazuzulernen. „Wenn wir eine Zukunft in Deutschland haben wollen, dann müssen wir die Vergangenheit kennen.“

Wie stark das Verhältnis der Menschen durch die Geschichte ihrer Vorväter bestimmt ist, zeigt sich derzeit auch auf der Krim. Saglam möchte seinen Beitrag dazu leisten, dem Hass mit Information zu begegnen. „Wenn es um Menschen geht, gibt es keine Grenzen.“ Und er hofft darauf, dass die Menschen in Deutschland bei einem möglichen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union danach fragen, wie es den Tataren auf der Krim geht.