Abo

Prozess„Wollte über den Winter kommen“ – Höflicher Dieb wechselt im Hennefer Hit-Markt die Hosen

3 min
Amtsgericht Siegburg

Vor dem Amtsgericht Siegburg ging es vor allem darum, wie man dem 48-jährigen Angeklagten helfen kann.

Der Angeklagte ist studierter Jurist. Doch warf ihn eine Krankheit aus der Bahn. Der Vorsitzende Richter verhängte eine milde Strafe.

Der vermeintliche Kunde sagte „Guten Morgen“, räumte Kleidung und Haushaltsgegenstände aus den Regalen des Hennefer Hit-Marktes in eine Tasche, zog sich eine neue, lange Hose über seine Shorts und wollte den Laden ohne zu bezahlen verlassen. Der 48-Jährige stand jetzt wegen räuberischen Diebstahls vor Gericht.

„Einen solchen Fall habe ich in 25 Jahren noch nicht erlebt“, sagte der stellvertretende Marktleiter im Zeugenstand. Andere Kunden hätten ihn an diesem Morgen im März auf den Mann aufmerksam gemacht, der sich für die Umkleideaktion auf einer ausgerollten Badematte niedergelassen hatte. Aufgefordert, die Ware an der Kasse zu bezahlen, wurde der höfliche Dieb allerdings aggressiv, boxte dem Angestellten in den Bauch und warf einen Eimer mit Rosen um. 

Im Hennefer Supermarkt stahl der Angeklagte auch Wattestäbchen und einen BH

Die entwendete Ware im Wert von knapp 240 Euro, darunter ein Spannbetttuch. Socken, Wattestäbchen und skurrilerweise ein Sport-BH, gelangte wieder zurück. Dennoch musste sich der Angeklagte vor dem Schöffengericht verantworten, denn durch den Schlag wurde aus dem einfachen Diebstahl, juristisch ein Vergehen, ein Verbrechen: Mindeststrafe ein Jahr Haft. 

Mit Paragrafen kennt sich der Angeklagte aus, ist er doch Diplom-Jurist mit ersten Staatsexamen. Doch im Referendariat 2007 erkrankte er schwer, machte einen Suizidversuch und war immer wieder in der Klinik. „Wenn ich gesund war, habe ich gearbeitet“, sagte der Angeklagte, bezahlt und ehrenamtlich unter anderem als Hausaufgabenhelfer und Lesetrainer.   

Der Tod seines Vaters im Oktober 2024 habe ihn in ein Loch fallen lassen. Er griff zu Drogen, trank Alkohol, betäubte sich mit Heroin, das er schnupfte. Dann habe er zumindest schlafen können. In der Nacht vor dem Diebstahl sei er mit dem Zug und auf der Straße unterwegs gewesen, viel zu dünn angezogen. Er habe gefroren und sich Anziehsachen und Bettwäsche verschaffen wollen, „damit ich es über den Winter schaffe“.

Nach der Tat im Hit versuchte er am selben Tag in Troisdorf ein Paar Schuhe zu entwenden, doch auch hier wurde er erwischt. Der gegen ihn verhängte Strafbefehl ist schon bezahlt. Nach einer mehrmonatigen Untersuchungshaft wurde er vor wenigen Tagen vom Amtsgericht Düsseldorf für weitere Diebstähle zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Der Vorsitzende Richter Ulrich Wilbrand sprach von einem „Leidensweg“. Einerseits gehe es um die strafrechtliche Ahndung, andererseits, wie man dem Angeklagten, der nachweislich unter einer drogeninduzierten Psychose leidet, helfen könne. Er folgte der Staatsanwältin, die einen minderschweren Fall annahm und auf eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten plädiert hatte.

Dem 48-Jährigen wird für die kommenden drei Jahre ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt, außerdem muss er sich einer ambulanten Drogentherapie unterziehen. Ganz so düster sieht es im Leben des einsamen Angeklagten nicht mehr aus. Vor Kurzem habe er erfahren, dass er eine 26-jährige Tochter hat. Diese habe ihn ausfindig gemacht und sogar in der U-Haft besucht. „Das ist eine große Freude.“