Wolfgang Will und Andreas Schwarz erzählen in Siegburg ihre persönliche Geschichte – und warum Schweigen niemandem hilft.
DepressionenMut-Tour macht in Siegburg Halt und wirbt für mehr Offenheit

Mit ihren Tandems macht die Mut-Tour in zahlreichen Städten Station und wirbt bundesweit für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen.
Copyright: Desiree Horn
Als die drei Tandems am Mittwochmittag den Siegburger Marktplatz erreichen, liegen bereits rund 300 Kilometer hinter den Fahrerinnen und Fahrern. Gestartet ist die Etappe der Mut-Tour in Mainz, das Ziel ist Bonn. Doch eigentlich geht es den Teilnehmenden um weit mehr als Kilometer. Sie wollen über Depressionen sprechen – offen, ehrlich und ohne Tabus.
Seit 2012 ist die Mut-Tour bundesweit unterwegs. Menschen mit eigenen Erfahrungen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen fahren mit Angehörigen und Unterstützern durch Deutschland. In diesem Jahr führt die Tour auf rund 4100 Kilometern durch das Bundesgebiet. Alle sieben Tage übernimmt eine neue Gruppe die Tandems.
Mit dem Tandem gegen Vorurteile
Wolfgang Will aus Bayern ist einer der Gruppenleiter. Der ehemalige Lehrer weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Depressionen anfühlen. „Bei mir persönlich war es so, dass ich komplett freudlos war. Ich habe an nichts mehr Spaß gefunden. Ich konnte mich für nichts mehr begeistern.“ Er beschreibt die Krankheit mit wenigen Worten: „Völlige Leere. Nebel.“
Lange Zeit habe er seinen Beruf geliebt. 25 Jahre lang habe er mit großer Freiheit unterrichten dürfen und außergewöhnliche Projekte mit seinen Schülerinnen und Schülern umgesetzt. Erst mit einem Führungswechsel änderte sich auch sein Gesundheitszustand. „Ich wurde dann immer kleiner und krank“, erzählt der 59-Jährige ruhig.

Wolfgang Will (r.) und Andreas Schwarz engagieren sich aus eigener Erfahrung für die Mut-Tour.
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Besonders belastet habe ihn jedoch der Umgang seines Arbeitgebers mit seiner Erkrankung. „Wenn ich wegen Corona krankgeschrieben war, wurde angerufen und gefragt, wann ich wieder fit bin. Sobald auf der Krankschreibung Psychiater stand, hat sich niemand mehr gemeldet.“
Auch Andreas Schwarz aus Freiburg kennt diese Gefühle. Eine Depression wurde bei ihm zwar nie diagnostiziert, dennoch geriet er vor einigen Jahren in eine schwere Krise. „Ich habe wochenlang Sachen vor mir hergeschoben, die eigentlich in fünf Minuten erledigt gewesen wären. Ich war im Kopf einfach blockiert.“ Zum Arzt zu gehen, habe er sich damals nicht getraut. „Ich hatte Angst, dadurch meine Arbeit zu verlieren.“
Heute engagiert sich der 55-Jährige ehrenamtlich in einem Verein und repariert kostenlos Fahrräder für Studierende. Für ihn ist das Projekt längst eine Herzensangelegenheit. „Wenn ich jemandem die Bremse repariere und der mich anlächelt, dann ist das Wertschätzung. Da kommt ein Dankeschön zurück.“
Mut machen und ins Gespräch kommen
Genau diese Erfahrungen möchten beide weitergeben. Denn noch immer werde über psychische Erkrankungen zu selten gesprochen. „Man sieht halt keinen Gips und keine offene Wunde, aber es ist trotzdem eine Krankheit“, sagt Will.
Dabei wünschen sich die meisten Betroffenen nichts sehnlicher, als ihren Alltag wieder bewältigen zu können. „Die meisten Menschen mit Depressionen würden lieber arbeiten und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Es geht aber einfach nicht“, sagt Schwarz
Die Mut-Tour möchte deshalb Mut machen – Betroffenen ebenso wie Angehörigen.
Die Tandems seien dabei bewusst gewählt. Wer hinten sitzt, muss Vertrauen haben und Kontrolle abgeben. Genau das spiegele die Gemeinschaft während der Tour wider. Unterwegs entstünden immer wieder Gespräche mit Passanten. Dabei zeige sich fast täglich dasselbe Bild: „Wenn man mit den Menschen redet, merkt man, dass es kaum jemanden gibt, der keinen Berührungspunkt mit Depressionen hat – sei es in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz.“
Genau deshalb treten Wolfgang Will und Andreas Schwarz in die Pedale. Will: „Die Leute sollen den Mut haben, nach außen zu gehen und ganz offen zu sagen: Ja, ich habe Depressionen. Dafür setzen wir uns ein.“
Regionale Anlaufstellen
Kontakt- und Beratungsstelle des SPZ Siegburg: 004922419381910
Sozialpsychiatrischer Dienst Bonn 0228 773970
Selbsthilfe-Kontaktstelle Bonn: 0228 94 93 33 17
Allgemeine Sozialberatung Bonn (Awo): 0228 850 277 88
Aufsuchender Dienst Bonn: 0228 9753-139
Offene Beratung Bonn: 0228 9753-222
Beratungsstelle Eltern, Kinder & Jugendliche Bonn: 0228 223088
Allgemeine Sozialberatung Bonn: 0228/969660
