Der Regisseur Volker Maria Engel schafft ein Netz aus Sicherheiten und Grenzen, damit sich die Darstellenden sicher fühlen.
Donald Trump als Big BrotherSo entsteht ein Theaterstück bei der Studiobühne in Siegburg

Regisseur Volker Maria Engel versucht, ein Netz zu spinnen, in dem sich die Schauspielerinnen und Schauspieler zurecht finden.
Copyright: Marius Fuhrmann
Jeder kann das Geschehen auf Fotos sehen, doch die Regierung behauptet das Gegenteil – und Menschen glauben ihr statt dem eigenen Verstand. Was George Orwell in seinem Buch „1984“ beschreibt, zeigt die Studiobühne Siegburg derzeit in einem Theaterstück. Die Schauspiel-Crew und der Regisseur haben unserer Redaktion erklärt, wie aus einer Romanvorlage ein Theaterstück wird.
„1984“ ist ein dystopischer Roman aus dem Jahr 1948. Er spielt in einer Welt, in der der Staat nicht nur jeden Schritt mit Big Brother, dem Großen Bruder überwacht, sondern auch die Geschichtsschreibung manipuliert und die Deutungshoheit bestimmt. Der Roman besticht durch seine Parallelen in der heutigen Welt, etwa in den USA unter Donald Trump. Nicht zufällig ist er im Stück das Gesicht des Großen Bruders. „Wir lassen jedoch bewusst offen, in welcher Zeit ‚1984‘ spielt. Es ist eine Märchenzeit, die Bezug zu unserer haben soll, aber auch wann anders sein könnte“, sagt Regisseur Volker Maria Engel.
Das Stück muss auch zum Ensemble passen
Nicht jede Geschichte, die die Studiobühne aufführt, eignet sich von vornherein als Theaterstück. „1984“ umfasst rund 380 Seiten – würde das Ensemble den Roman Wort für Wort aufführen, würde das Stück wohl Wochen dauern. „Ich schreibe deswegen eine Theaterfassung davon. Zwar gibt es davon bereits einige, doch das Stück muss auch zum Ensemble passen, das an der Entwicklung mitwirkt“, sagt Engel. Auch während der Proben werde das Stück noch regelmäßig angepasst.

Das Skript wird während der Proben noch mehrfach verändert und handschriftliche Notizen ergänzt.
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„Mir ist als Schauspieler die Vision wichtig“, sagt Christoph Wolff, der O'Brien spielt. „Wir alle haben beim Lesen ein Bild von ‚1984‘ im Kopf, aber wir müssen die Literatur in unsere Zeit übersetzen, etwas aus unserem Kontext mitnehmen, sonst bräuchte man unsere Arbeit nicht“, sagt er. „Diese Vision suchen wir mit der Regie gemeinsam. Wir überlegen, welche Geschichte wir erzählen wollen. Das ist ein gemeinsamer Prozess, der sich bis zur Premiere zuspitzt.“
Die erste Probe ist für die Schauspielerinnen und Schauspieler immer eine Herausforderung und wirkt oft etwas steif. „Jeder hat sein eigenes Bild von dem Stück im Kopf, der gemeinsame Stil muss sich erst finden“, sagt Engel. Um den Einstieg zu erleichtern, beginnt das Ensemble daher häufig mit dem Schluss und reiht zunächst funktionierende Szenen aneinander.
Je düsterer die Thematik, desto besser meist die Stimmung
Dazu gehört auch Gelächter – je düsterer die Thematik, desto besser ist meist die Stimmung. Während einer Vorstellung sollte natürlich nichts dergleichen passieren. Der Trick der Darstellenden: In den Proben so lange darüber lachen, bis die Situation selbst für sie nicht mehr lustig ist – selbst wenn das Publikum zu lachen beginnt.
Wer spielt, verschmilzt mit seiner Rolle und fühlt ähnlich wie die Figur, der nicht zum Lachen zumute ist. Geprobt wird acht Wochen lang von Montag bis Freitag, jeweils zweimal täglich. Nebenbei müssen die Darstellenden weitere Texte im Kopf behalten, da sie abends oft andere Stücke aufführen als tagsüber geprobt wird – eine durchaus strapaziöse Herausforderung.

Die Darstellerinnen und Darsteller proben mehrere Stunden täglich in den Wochen vor der Premiere.
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Der Regisseur behält vor allem das Publikum im Blick, das das Bühnengeschehen mit seinen eigenen, ganz unterschiedlichen Bildern im Kopf verarbeiten soll. Volker Maria Engel sieht sich dabei ein wenig wie der Gastgeber bei einem Kindergeburtstag: „Alle Darstellenden müssen sich wohl auf der Bühne fühlen, um ihr Bestes geben zu können.“
Er sorgt von außen für Sicherheit und gibt den Schauspielerinnen und Schauspielern Rückmeldungen. „Denn wenn diese ihr Spiel gegenseitig beobachteten, würden sie sich ständig reflektieren und ihre Rollen verlassen“, sagt er. Engel webt ein feines Netz aus Sicherheiten und Beschränkungen, das idealerweise unsichtbar bleibt und gar nicht nötig ist.
Trainingsanzüge als Kostüme sollen Konformität in „1984“ vermitteln
In der Version der Studiobühne tragen die Darstellerinnen und Darsteller Retro-Trainingsanzüge im Stil der 80er Jahre, die vor allem Konformität vermitteln sollen. Ein Team von Schneiderinnen fertigt die Kostüme speziell für das Stück an. „Es hilft, schon während der ersten Proben die Kostüme zu tragen, weil man so sein privates Ich ablegen kann, das ist wie eine Schleuse, um die Rolle nicht mit nach Hause zu nehmen“, sagt Alexander Zündorf, der Winston Smith verkörpert. Selbst kleine Details spielen eine Rolle: „Trägt jemand dünne Ballonseide, spürt er die Kälte, wenn er sich setzt. Dies hilft, sich mehr in die Rolle zu fügen. Auch die Schuhe sind wichtig, weil sie den Gang bestimmen“, ergänzt Christoph Wolff.
Essentiell für eine gelungene Aufführung ist auch die Technik: Volle Konzentration ist erforderlich, um im richtigen Moment Lichtwechsel oder Klangeffekte einzuspielen. Sogenannte ‚Cues‘ (deutsch: Einsatzstichwort) im Script markieren diese Stellen, die im Verlauf der Proben noch mehrfach angepasst werden. Teilweise wurden die Visualisierungen mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt – sie zeigen unter anderem Donald Trump als Großen Bruder
Vor der Generalprobe zeigen sich die Darstellenden abergläubisch: Die Probe müsse schiefgehen, damit die Aufführung reibungslos verlaufe. Bei Patzern greift das von Regisseur Engel gewebte Sicherheitsnetz: Sind Anfang und Ende einer Szene gleich, finden die Schauspielerinnen und Schauspieler schnell wieder zurück.
Karten für „1984“ und weitere Stücke der Studiobühne sind erhältlich auf www.theaterseite.de. Die Termine im März und April sind bereits ausverkauft, freie Plätze gibt es noch für den 3. und 16. Mai, 29. Mai sowie 12. Juni.

