Günther Heger ist von Geburt an sehbehindert, er orientiert sich an Geräuschen. In Köln stürzte er zwischen zwei Waggons auf die U-Bahn-Gleise.
„Schon gegen alles gelaufen“Probleme im Job, Stürze – Wie ein blinder Siegburger sein Leben meistert

Günther Heger ist als Sehbehinderter in Siegburg unterwegs, er braucht immer Bezugspunkte, um sich zu orientieren.
Copyright: Stefan Villinger
„Ich höre, jetzt kommt eine Abzweigung.“ Was andere sehen, das nimmt Günther Heger mit seinen Ohren wahr. Der 65-Jährige ist von Geburt an sehbehindert, er orientiert sich an Geräuschen, wenn er alleine mit seinem Blindenstock unterwegs ist. Es sind die Schallwellen, die von Gegenständen zurückgeworfen werden. „Im Prinzip ist es so wie bei den Fledermäusen“, erklärt er. Sie fliegen blind durch die Nacht und nutzen Schallwellen, um Hindernisse zu erkennen.
Als Heger 1958 in Miltenberg am Main als zweites Kind der Familie geboren wurde, erkannten die Ärzte seine Behinderung nicht sofort. Durch eine äußerst seltene extreme Überpigmentierung der Netzhaut kann er nur hell und dunkel wahrnehmen. So reagierte er zwar auf grobe Lichtsignale, griff aber nicht nach Dingen, die ihm hingehalten wurden. Ganz anders war das bei einer Rassel. Mit seiner Hand wollte er sie sofort nehmen. Es sind Geräusche, die ihm Dinge sagen. „Ich bin blind“, betont er.

Treppengeländer sind wichtige Bezugspunkte beim Auf- und Abgang in Gebäuden.
Copyright: Stefan Villinger
Mir fiel Heger auf, als er mittags mit seinem Blindenstock und dem gelben Punktesticker in rasantem Tempo durch die Zeughausstraße in Siegburg eilte. Ich ging hastig einen Schritt zu Seite, um ihm Platz zu machen. Er konnte die Situation plötzlich nicht mehr sicher einschätzen und stoppte. So lernte ich ihn kennen. Und nach weiteren zufälligen rasanten Begegnungen entstand die Idee für den Artikel.
Plötzlich auf das Gleis in der U-Bahn in Köln gefallen
Jeder Mensch hat unterschiedliche Temperamente. Ich schätze Heger als Draufgänger ein. Er tastet sich nicht vorsichtig voran, sondern geht zügig zu seinem Ziel. „Da hilft mir natürlich meine jahrzehntelange Erfahrung“, so seine Antwort auf meine Frage, ob er keine Angst habe, im Dunkeln unterwegs zu sein. „Ich bin garantiert noch nie so oft hingefallen, wie ein Mensch, der sehen kann.“ Konzentration sei das Geheimnis. Sobald allerdings Ablenkungsgeräusche kämen, auf die man sich als Blinder einlasse, könne es gefährlich werden.

Geräusche von Autos, plötzliche Hindernisse auf bekannten Wegen. Blinde müssen sich immer konzentrieren, wenn sie unterwegs sind.
Copyright: Stefan Villinger
Er berichtet von einem Beispiel in der U-Bahn in Köln. Der Zug fuhr in die Haltestelle ein, hielt an, die Türen öffneten sich. Als Blinder fühle er am fehlenden Schall des Waggons an dieser Stelle, dass dies geschehen sei. Durch lauten Umgebungskrach von Passanten auf dem Bahnsteig, dem er unbewusst zuhörte, nahm er nur wahr, dass der Zug eingefahren war und gestoppt hatte. Er spürte durch den Schall eine Lücke im Stahl, wollte einsteigen und fiel auf die Kupplung zwischen zwei Waggons. „Zum Glück wurde ich schnell von den Gleisen gezogen.“ Mit kleinen Schrammen hatte er das Abenteuer überlebt. Heger schildert diese Situation mit Humor. Verbitterung über seine Behinderung ist nicht zu bemerken.
Blinde haben es bei Einstellungstests nicht einfach
Nach dem Abitur auf der Blindenschule in Marburg begann Heger sein Studium als Simultanübersetzer für Englisch und Spanisch. Er lernte während dieser Zeit seine heutige Frau Svanhild kennen, die er 1984 heiratete. Im selben Jahr machte er seinen Abschluss, fand jedoch keine Anstellung. „Ich war bei vielen Bewerbungstests“, erinnert er sich an „diese nicht einfache Zeit, in der wir vom Einkommen meiner Frau leben mussten.“
Es gebe zwar die Vorschrift, dass Behinderte in Behörden bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt werden müssten. Doch damals hätte die Realität anders ausgesehen. Als Blinder, der auf der Schreibmaschine einen vorgelesenen Text übersetzen müsse, hätte man immer eine schlechtere Eignung als der Konkurrent, der selber liest und mit der Hand den Übersetzungstext schreibt.

Plötzlich fehlt ein Pflasterstein, ein mögliche Stolperfalle. Mit dem Blindenstock wird das Hindernis ertastet.
Copyright: Stefan Villinger
Doch Heger hatte Glück. Die Deutsche Welle hatte ein Projekt zur Integration von Blinden ins Arbeitsleben. Im Archiv war eine Stelle ausgeschrieben. „Voraussetzung war ein Studienabschluss und das Beherrschen von zwei Fremdsprachen“, berichtet Heger. Er bewarb sich, bekam 1989 die Stelle.
Löcher auf dem Gehweg in Siegburg werden mit dem Blindenstock erkannt
Wir sind in Siegburg zu Fuß unterwegs, während Heger aus seinem Leben berichtet. Er hätte gerne Kinder gehabt, „es hat leider nicht geklappt.“ Plötzlich bleibt er mit seinem Blindenstock in einem Loch hängen. „Eine Stolperfalle. Sehen sie, deshalb ist Konzentration total wichtig,“ betont er mit einer Redewendung der Sehenden. Und er berichtet von einer weiteren Falle. „Pfähle hört man nicht wegen ihres schmalen Umfanges.“
Ist ein Schild daran, gebe es keine Probleme. „Ich bin eigentlich schon gegen alles gelaufen“, sagt er lachend. Und da er einiges zu erzählen hat, hakt er lieber auf dem Weg durch die City bei mir unter. Denn die Konzentration auf beides geht nicht. „Da wäre noch die Geschichte von der abgedeckten Baugrube auf dem Bürgersteig, wo plötzlich ein Brett fehlte“, sagte er schmunzelnd. Er hat nun allerdings keine Zeit mehr, weil er noch ein Termin bei der Fußpflege hat. „Meine Nägel müssen geschnitten werden.“
