Unser Autor Marius Fuhrmann fuhr die Strecke am autofreien Sonntag mit Muskelkraft.
Siegtal pur 2026Was man auf den 100 Kilometern von Siegen nach Siegburg erlebt

Siegtal pur 2026: Die Strecke mit Burg Blankenberg im Hintergrund ist besonders schön.
Copyright: Marius Fuhrmann
Der erste Sonntag im Juli gehört den Radlerinnen und Radlern: Bei „Siegtal pur“ sind die Straßen entlang der Sieg zwischen Netphen und Siegburg für Autos weitgehend gesperrt. Ich will die Strecke von Siegen nach Siegburg radeln, 100 Kilometer, alles mit Muskelkraft.
Vor dem Radfahren aber kommt das Bahnfahren: Auf der Strecke zwischen Köln und Siegen verkehren Sonderzüge der Linie RE 9, die S12 ist bis Wissen verlängert. Dennoch sind die Fahrradabteile am Vormittag schnell voll, besonders in Siegburg und Hennef bleiben Menschen außen vor und müssen auf den nächsten Zug warten. Die Zugbegleiterin bleibt gelassen: „Liebe Fahrgäste, bitte die Türen freigeben, wenn voll ist, ist voll“, tönt es mit samtweicher Stimme aus dem Lautsprecher.
Wie wird das eigentlich 2027, schießt es mir durch den Kopf. Die große Sperrung der Siegtalstrecke, die im Januar beginnt, soll laut Deutscher Bahn bis zum 10. Juli andauern. Am ersten Sonntag im Juli aber findet traditionell Siegtal pur statt, wo Hunderte Radfahrende den Sonderservice nutzen. Noch ist darüber nichts bekannt geworden.
Ich starte meine Tour nach Siegburg am Hauptbahnhof in Siegen
Direkt nach dem Start am Siegener Hauptbahnhof erlebe ich mein erstes Highlight: Es geht auf einer dreispurigen Schnellstraße durch den 356 Meter langen Ziegenbergtunnel. Bei „Radlers Rast“ am urgemütlichen Dorfplatz in Wallmenroth werden die Gäste mit Kartoffelsalat und Kuchen verköstigt. Begleitet von Blaskapellen und Bands, die am Streckenrand spielen, geht es nach Etzbach, wo das Technische Hilfswerk (THW) eine provisorische Brücke aufgebaut hat, die ausschließlich bei Siegtal pur steht.

Die Züge des RE 9 Richtung Siegen sind bereits am Vormittag voll, die Radlerinnen und Radler freuten sich auf die Strecke.
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Das Siegtal lockt in diesem Jahr recht viele Radlerinnen und Radler an. Gegen Mittag meint es das Wetter nicht länger gut mit denen, die keine Regenjacken eingepackt haben. Unter Pavillons bilden sich Schicksalsgemeinschaften in Funktionskleidung. Umweht von Waffelduft warten sie den kräftigen Schauer ab.
Am Bahnhof in Au im Windecker Ländchen wird „Station“ gemacht – im Wortsinne: Denn die gleichnamige Kultur- und Begegnungsstätte ist Mittelpunkt des Festes auf dem Bahnhofsvorplatz. „Wir als Bürger- und Verschönerungsverein dürfen ‚Die Station‘ heute nutzen. Au ist ein super Ort, denn er liegt ziemlich in der Mitte zwischen Siegburg und Siegen - hier kommt jeder vorbei“, sagt der 1. Vorsitzende Björn Seelbach. Das Kulturzentrum beherbergt ein Café, einen Werkraum für Kreative und eine Toilette, die man als Mitglied des Kulturvereins Tag und Nacht nutzen kann. Es wird deutlich: Man muss nicht unbedingt Rad fahren, um den Tag zu genießen.

Viel los ist am Bahnhof Au.
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Leider kommen auf der regennassen Strecke auch Stürze vor: Bei Au rutscht ein Radfahrer auf regennasser Straße weg und verletzt sich. Er wird ins Krankenhaus gebracht. Auch zwischen zwischen Rosbach und Präsidentenbrücke gibt es einen Sturz, zwischen Hoppengarten und Röcklingen ereignet sich der nächste. Ich fahre vorsichtig weiter. Schade für die Gestürzten, die wunderbare Tour ist für sie vorbei. Hoffentlich ist niemand ernsthaft verletzt.
Bei Siegtal pur ist alles unterwegs, was Räder, aber keinen Motor hat
Der Regen hat die weniger Hartgesottenen wohl vertrieben. Die Strecke ist jetzt deutlich leerer. Als Radfahrer fühle ich mich auf der gesperrten Straße wie bei der Tour de France. Wobei bei Siegtal pur ja alles mitmacht, was Räder hat. Es ist interessant, womit die Leute außer Fahrrädern und E-Bikes noch so unterwegs sind: Ich sehe ein Tandem, ein Fahrrad, das einen Anhänger samt Rollstuhlfahrerin zieht, Inline-Skates, Velomobile (ein Liegerad in einer Kapsel), Lastenräder mit Sitzfläche für die Kinder. Michael Schmitz aus Herchen hat auf seinem Liegerad sogar ein selbstgebautes Solarmodul.

Michael Schmitz aus Herchen fuhr Siegtal pur auf seinem Liegerad mit selbstgebautem Solarmodul.
Copyright: marius Fuhrrmann
„Das Liegerad ist gekauft, das Solarpanel habe ich selbst drangeschraubt. Ich musste die Akkus für den Elektromotor dieses Jahr noch nicht laden“, sagt der 65-Jährige. Zu basteln gibt es noch genug. „Das Rad hat vier verschiedene Spannungen: Das Solarpanel hat 48 Volt, der Motor 36, das Licht zwölf Volt.“ Heute fahre er nur ein Stündchen die Strecke auf und ab, sagt der Herchener.
An Burg Dattenfeld gibt es einiges zu sehen: zum einen die Burg selbst, denn Burgherr Axel Schönfelder zeigt Besucherinnen und Besuchern gern das Gemäuer aus dem 17. und 19. Jahrhundert. Er hat es gekauft, um es in den Originalzustand zurückversetzen zu lassen. Für die Gäste gibt es Führungen. Im Burghof zeigt der Bienenzuchtverein Windeck, was so im Siegtal summt. „Wir haben Stände zu Wachs, der Honigernte, geeigneten Pflanzen und Imkerkursen – die sind sehr gefragt“, sagt Mitglied Markus Grab.
In Eitorf pumpt die Fahrradwerkstatt Luft in platte Reifen
Auf der Siegbrücke bei Alzenbach treffe ich Annika Becker und Kevin Klingenmaier aus Neunkirchen-Seelscheid. Sie schieben ihre Räder, aber nicht etwa wegen eines Platten, sondern weil die Beine schlappmachen. Aufgeben will Becker aber nicht: „Wenn ich mich hinsetze, stehe ich nicht mehr auf. Deswegen lieber so, damit ich sagen kann, ich habe die komplette Strecke geschafft“, sagt sie. Gestartet seien sie in Hennef, in Au hätten sie sich auf den Rückweg begeben. „Zwischendurch kam der Regenschauer, danach war der Spaß weg. Aber wir fahren weiter, sobald es wieder geht“, zeigt sich Becker ehrgeizig.

Siegtal pur 2026: Bei Annika Becker und Kevin Klingenmaier aus Neunkirchen-Seelscheid ist die Luft raus: Nicht aus den Rädern, aber körperlich.
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In der Fahrradwerkstatt der Eitorfer Tafel wird auch Höchstleistung erbracht: Mindestens 40-mal haben die Ehrenamtler heute Luft in platte Reifen gepumpt, viermal mussten sie einen neuen Schlauch einziehen. Zweimal reparierten sie sogar Fahrradschuhe. Sattel, Kette und Schaltungen mussten eingestellt, lockere Lampen und wackelige Gepäckkörbe befestigt werden. Sogar ein Polizeifahrrad sei ihr „Patient“ gewesen, berichtet Günter Beck. Und Thomas Busch, noch „Lehrling“ in der ehrenamtlichen Werkstatt, sagt: „Man freut sich, den Leuten helfen zu können.“

Auch eine Panne gehört zu Siegtal pur. Thomas Busch von der Fahrradwerkstatt dder Eitorfer Tafel repariert ein Kinderrad.
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Ich fahre weiter, die lange Trasse an der Sieg mit Burg Blankenberg im Rücken ist zu verlockend. Der Blitzer in Greuelsiefen ist meine Sprint-Herausforderung. Aber leider – kein Erinnerungsfoto. Der Anstieg in Dondorf ist dafür umso fieser. Auf ihren E-Bikes radeln rüstige Rentner rotzfrech rechts vorbei. Meine Beine werden schwerer, doch auf der Frankfurter Straße im Hennefer Zentrum ist das Ziel nicht mehr weit. Nach 100 Kilometern ist die Kreisstadt erreicht – wie geplant nur mit Muskelkraft. Am Ende bleibt nur eine Frage: Warum gibt es das nicht öfter als einmal im Jahr?

Geschafft und glücklich: Marius Fuhrmann fuhr 100 Kilometer bei Siegtal pur 2026 - und dann auch noch nach Hause.
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