Das Theater auf der Straße bringt am Freitagabend den Marktplatz in Sieglar zum Leuchten.
Via TheatroGelbe Capes gegen grauen Himmel auf dem Marktplatz in Sieglar

Da war es noch trocken, als Artist Kammann sein Können mit dem Diabolo-Spiel präsentierte.
Copyright: Quentin Bröhl
Erst ist es nur ein Tropfen. Dann werden es mehr. Die Zuschauer auf dem Marktplatz in Sieglar ziehen ihre Schultern hoch, manche schauen zum Himmel, andere zum nächsten Regenschirm. Und plötzlich leuchtet der Platz gelb: Die Stadtwerke Troisdorf verteilen Regencapes, die sich die Besucher überziehen. Ein bisschen sieht es aus, als hätte das Publikum selbst Teil der Vorstellung werden wollen.
Marktplatz in Sieglar wird zur Bühne
Doch vom Regen lässt sich an diesem Freitagabend kaum jemand vertreiben. Die Menschen sind gekommen, um Via.Theatro zu erleben – das Straßenkunstfestival, das auch in diesem Jahr am letzten Ferienwochenende Troisdorf zur Bühne macht. „Bunt. Draußen. Eintritt frei“ lautet das Motto. Und bunt bleibt es auch, als der Himmel über Sieglar seine eigene, ziemlich nasse Dramaturgie entwickelt.
Auf dem Marktplatz stehen Klappstühle und Sitzgelegenheiten dicht an dicht. Familien haben sich Plätze gesucht, ältere Besucher sitzen aufmerksam am Rand, Kinder verfolgen das Geschehen mit jener Mischung aus Staunen und Ungeduld, die zum Straßentheater gehört. Wer einen eigenen Stuhl mitgebracht hat, denkt gar nicht daran, ihn wegen des Regens wieder nach Hause zu tragen.

Unter gelben Regencapes der Stadtwerke schützen sich die Besucher vor dem schlechten Wetter.
Copyright: Quentin Bröhl
Der Abend beginnt mit Katharina Witerzens und ihrer „Katharinas Schaubude“. Die Künstlerin nimmt das Publikum mit in eine Welt der Jahrmarkt-Kuriositäten, in der Magie, Theater und Artistik miteinander verschmelzen. Das passt zu Via.Theatro: Hier braucht es keine große Theaterbühne und keinen roten Samtvorhang. Der Marktplatz reicht.
Das Publikum sitzt nicht einfach vor einer Bühne. Es ist mittendrin. Das ist eine der besonderen Stärken des Festivals, das in Troisdorf seit mehr als drei Jahrzehnten zur Kulturlandschaft gehört. Die Grenze zwischen Zuschauerraum und Spielfläche bleibt fließend. Künstler kommen den Menschen nahe, überraschen sie, spielen mit ihren Reaktionen – und manchmal genügt ein Blick, eine Bewegung oder eine kleine Geste, um den ganzen Platz einzubeziehen.
Dann übernimmt Kammann, der ein Pionier der deutschen Straßenkunst ist. Mit Höchstleistungen, Humor und Interaktion verbindet er eine faszinierende Show aus Artistik Komik, Fantastik und Lyrik und ist als lebendiges Kaleidoskop bekannt.

The Ambiguous Vagabonds haben ihren Koreanischen Fangstuhl mitgebracht.
Copyright: Quentin Bröhl
Bis der Regen kommt. Es regnet so stark, dass eine Pause notwendig wird. Rund eine halbe Stunde ruht das Programm. Die Zuschauer ziehen sich unter die Bäume und in geschützte Bereiche zurück. Einige bleiben einfach sitzen – eingehüllt in die gelben Regencapes der Stadtwerke Troisdorf.
Kammann unterhält das Publikum mit ein paar Liedern und steht dabei unter einem Schirm, den eine Assistentin hält. Denn die meisten wollen bleiben und das Warten hat sich gelohnt. The Ambiguous Vagabonds sind der nächste Programmpunkt und nachdem die nassen Planen auf dem provisorisch mit Handtüchern getrocknet sind, gibt es Luftakrobatik am Koreanischen Fangstuhl vom Feinsten.

Kammann unterhält das Publikum auch immer wieder mit Musik.
Copyright: Quentin Bröhl
So unterschiedlich die einzelnen Darbietungen sind, eines verbindet sie: Sie brauchen keinen klassischen Theatersaal. Sie brauchen Platz, Publikum und die Bereitschaft, sich auf etwas Ungewöhnliches einzulassen. Genau dafür steht Via.Theatro.
Für die Veranstalter ist der Freitag damit nicht nur ein Abend voller Artistik, Theater und Musik, sondern auch ein kleines Beispiel dafür, was Straßenkunst ausmacht: Sie lässt sich nicht vollständig planen. Sie lebt von der Situation, vom Ort – und vom Publikum.
Am Samstag geht es bereits weiter. Dann zieht Via.Theatro vom Marktplatz in Sieglar zum Open-Air-Platz an der Stadthalle Troisdorf. Dort beginnt das Programm ebenfalls um 18 Uhr. Die Stadt Troisdorf verspricht erneut ein vielfältiges Zusammenspiel aus Artistik, Musik, Theater und Überraschungen.