Otto Sajonskowski macht sich selber Mut. An diesem Wochenende wird Schnee fallen. Viel Schnee. Mindestens zehn Zentimeter. Vielleicht sogar elf oder zwölf. Genug jedenfalls, um die Kölner, die Bonner, die Dürener und die Aachener in Scharen in die Eifel zu locken. Zum Skifahren auf dem Weißen Stein bei Udenbreth. Dort, wo Sajonskowski, 50 Jahre alt und Chef einer Dachdeckerfirma in Schleiden, einen 470 Meter langen und 44 Jahre alten Schlepplift betreibt.
Nötig wäre das allemal, denn das vergangene Wochenende war – schneetechnisch gesehen – Mist. Das davor war nicht anders. Mist. Lediglich am dritten Januarwochenende ratterte die betagte Liftanlage am Weißen Stein ohne Unterlass. Auf dem Rodelhügel war der Teufel los, und die Autos aus K, AC und DN stauten sich ganz wie in alten Zeiten über mehrere Kilometer auf den Seitenstreifen der L 110. Am Wochenende darauf war der Schnee bereits sulzig, der Rodelhang abgefahren bis runter zur Grasnarbe. Alles auf null also.
Bis in den April Ski gefahren
Zweieinhalb Wochen später liegen kleine Schneehaufen auf den Haltegriffen des Lifts, die Stangen sind weiß überpudert, die Bäume verschneit. Es ist winterlich still auf der Kuppe des Hügels. Seit Dienstagabend schneit es wieder am Weißen Stein. Auf dem Dach der Blockhütte liegt eine feine, pulvrige Schicht. Eine fahle Sonne bohrt sich durch die Wolkendecke. Unten im Tal steht der Nebel.
Sajonskowski seufzt. Fünf Zentimeter hoch ist die Schneedecke an diesem Morgen, die Temperaturen bewegen sich um die null Grad. „Das wird schon noch in diesem Jahr“, sagt er. „Schließlich haben wir erst Mitte Februar. Da ist noch alles drin. In manchen Jahren konnte man bis in die April hinein Ski fahren.“ Vor sieben Jahren ist er eingestiegen in das Geschäft mit dem Schnee. „Weil mein Dachdeckerbetrieb im Winter wetterabhängig ist“, sagt er. „Der Skilift war als Ersatz gedacht, um die Leute ganzjährig zu beschäftigen.“ Manchmal fragt er sich, ob das ein Fehler war.
Schneemangel in der Eifel, Schneemangel in den Hochgebirgen – der Klimawandel lässt allerorten grüßen. Da macht sich auch einer wie Sajonskowski nichts vor. Selbst die hochgelegenen Skiregionen in den Alpen und Mittelgebirgen leiden zunehmend unter zu warmen Wintern mit zu wenig Schnee. Bald werde nur noch jedes zehnte Skigebiet schneesicher sein, unkte die Bundesregierung in dieser Woche. Ein Drittel der Gebiete, so die Schätzung der Politiker, könnte eventuell mit Hilfe von Kunstschnee in Betrieb gehalten werden.
Von kleinen Hügeln wie der Eifel war in dem Statement gar nicht erst die Rede. Der höchste Gipfel der Region, die Hohe Acht, bringt es gerade mal auf 746,9 Meter, der Weiße Stein auf 684 Meter. Die Ski- und Rodelpisten sind kurz, die Schneeverhältnisse je nach Höhenlage sehr unterschiedlich.
Lesen Sie im kommenden Abschnitt, warum in den 50er Jahren Ski-Sonderzüge ziwschen Köln und Hellenthal gefahren sind.
Dennoch pflügten hier schon Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Städter durch den Schnee, inspiriert von einem Bestseller des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen: „Auf Schneeschuhen durch Grönland“. Bis in die 50er Jahre verkehrten an Schneewochenenden Skisonderzüge zwischen Köln und Hellenthal. 1934 setzte der „Turn- und Wintersportverein Adenau“ sogar eine Sprungschanze an die Flanke der Hohen Acht – die allerdings wegen Schneemangels erst vier Jahre später eingeweiht werden konnte. 1935 zogen die Hollerather nach und eröffneten die hochmoderne „Adolf Hitler Schanze“, auf der die Mitglieder des „Westdeutschen Skiverbandes“ trainierten.
Die Sprungschanze an der Hohen Acht ist seit mehr als 40 Jahren Vergangenheit. Von der „Adolf Hitler Schanze“ finden sich nur noch, tief versteckt im Wald, ein paar Mauerreste. Und von den durchschnittlich 73 Schneetagen, von denen Heimatforscher Konrad Specht schwärmte, sind nur noch einige wenige übrig geblieben.
„Der Klimawandel ist auch bei uns extrem zu spüren“, bestätigt Karsten Brandt. 2011 hat der Meteorologe auf dem Weißen Stein die Wetterstation „Donnerwetter“ eröffnet. Auf seiner Internetseite „www.weisserstein.info“ kann man sich über die aktuelle Schneehöhe informieren und im „Schneelexikon“ etwas über die unterschiedlichen Schneearten nachlesen. Den letzten „guten Winter“ in der Region datiert Brandt im Jahr 2010. „Danach war alles sehr bescheiden.“ Bis 1500 Meter Höhe lohne sich mittelfristig kein Skigebiet, so seine Prognose. „Der klassische Wintersport in den Mittelgebirgen ist tot.“
Unter im Tal, bei der Touristeninformation Hellenthal, gibt man sich dennoch verhalten optimistisch. „Der Winter war eigentlich sehr gut“, sagt Anja Schmitz, die das freundlich-helle Touristenbüro neben dem Rathaus leitet. „Dieses eine Schneewochenende im Januar hat uns Rekordzahlen beschert.“ Auch in den vergangenen Jahren habe es fast immer ein, zwei Wochenenden gegeben, die „Riesenmassen“ von Tagestouristen in die Region spülten und Hoffnung auf bessere, auf kältere Zeiten schürten. Man ist bescheiden geworden in der Eifel, seit die Winter keine Winter mehr sind.
Warum die Gäste auch bei wenig Schnee kommen, lesen Sie im kommenden Abschnitt.
„Schnee ist wichtig für uns“, sagt Anja Schmitz. „Er ist eines unserer Markenzeichen, für das unsere Region bekannt ist. Auch wenn es immer weniger geworden ist.“ Und wenn es noch weniger wird? Wenn der Schnee irgendwann ganz ausbleibt in den sanften Hügeln der Eifel? Ein schwieriges Thema nicht nur für Anja Schmitz. „Wir werden erst einmal abwarten, wie sich alles entwickelt. Noch haben wir ja Schnee.“ Zudem: Die Gäste hätten ihre Ansprüche längst heruntergeschraubt. „Die kommen auch für ganz wenig Schnee.“
Ein Satz, der Karsten Brandt aus der Seele spricht: „Es geht nicht mehr darum, Wintersport zu treiben. Es geht darum, überhaupt noch Schnee zu erleben. Deswegen kommen die Leute. Der Schnee ist zu einem Event geworden. Der wird regelrecht gefeiert.“
Im „Blockhaus Schwarzer Mann“ schürt derweil André Hiller, 41, ein großes Feuer. Mitten im Raum steht ein kreisrunder Grill. Es riecht nach Holz und Rauch, Adele singt „Hello“, am Fenster Richtung Wald sitzen die ersten Gäste. Auch am 697 Meter hohen Schwarzen Mann schneit es seit zwei Tagen. Sanft legt sich der Schnee auf Tannen und Autodächer. Auf dem nahen Rodelhügel vergnügt sich eine Familie aus Belgien. Schon bald scheint das Gras durch den zerwühlten Schnee. Rund 70 Prozent der Gäste am Schwarzen Mann kommen aus Holland oder Belgien. „Wir wollten nach dem Schnee sehen“, erklärt das Familienoberhaupt den Ausflug über die nahe Grenze. Daheim gebe es nämlich keinen.
„Letztes Jahr war gut“, sagt Blockhaus-Pächter Hiller, der in seinem zweiten Leben als Automobilkaufmann arbeitet. Da tummelten sich an zwei Wochenenden zwischen 2000 und 3000 Menschen auf den beiden Pisten. Dieses Jahr werde man sehen.
Auch Georg Geimer ist skeptisch, was den Winter 2015/2016 angeht. Er ist Geschäftsführer des „Zweckverbands Schwarzer Mann“, die zwei Skilifte am Berg betreibt, und hat in seinem Leben schon manch mageren Winter erlebt. „Wenn wir Wetter haben, haben wir Leute ohne Ende. Und wenn wir kein Wetter haben, kommt halt keiner. Das ist ein Saisonbetrieb wie ein Freibad. Da kommt bei useligem Wetter auch keiner.“ Zum Glück sei der Zweckverband nicht darauf angewiesen, schwarze Zahlen zu schreiben, so Geimer. Der Verband wird getragen von der Verbandsgemeinde Prüm und dem Eifelkreis Bitburg-Prüm. „Mir tun die Regionen leid, die auf den Wintertourismus angewiesen sind. Doch man muss realistisch sein. Irgendwann geht es halt nicht mehr.“
Auf dem Weißen Stein hat Karsten Brandt inzwischen noch einmal die Schneehöhe gecheckt: elf Zentimeter. Das ist gut. Temperatur: 2,9 Grad Celsius. Das ist schlecht. Tauwetter droht. Und am Wochenende? Brandt zögert. „Für den Schlitten wird es wohl reichen.“ Das ist doch schon mal was in Zeiten wie diesen.
